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Behinderung : Berufseinstieg mit Handicap

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

Behinderte Hochschulabsolventen suchen oft lange, bis sie eine Arbeit finden. Doch haben sie es leichter als Nichtakademiker, weil die geistige Arbeit im Vordergrund steht.

          Viktoria Przytulla fällt das Sprechen schwer. Die 42 Jahre alte Frau ist halbseitig spastisch gelähmt. Bei der Geburt bekam sie zu wenig Sauerstoff. Die Grundschulzeit verbrachte Przytulla auf einer Förderschule für Körperbehinderte, das Abitur legte sie an einem Privatgymnasium ab. Zum Studium der Sozialpädagogik ging sie nach Marburg und Köln, anschließend verbrachte sie ein Austauschjahr in Costa Rica. Heute ist Przytulla Projektleiterin im Bonner „Kompetenzzentrum Behinderung, akademische Bildung, Beruf“ (Kombabb) und gibt Menschen, die ähnlich wie sie mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen umgehen müssen, Tipps zum Start ins Berufsleben.

          Wie viele Hochschulabsolventen in Deutschland eine solche Unterstützung brauchten, weiß man nicht genau. In den Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks schwanken die Zahlen zwischen 10 und 20 Prozent. Allerdings werden dort chronische Erkrankungen und körperliche Behinderungen zusammengerechnet. Den größten Anteil dürften die Allergiker ausmachen. Der Anteil an Hör- und Sehgeschädigten sowie körperlich Behinderten ist vermutlich deutlich kleiner. Das legt auch eine Untersuchung der Fernuniversität Hagen nahe, an der mehr Studenten mit Behinderung eingeschrieben sind als an Präsenzhochschulen. Auf die Frage „Sind Sie chronisch krank?“ antworteten 14 Prozent mit Ja, auf die Frage „Sind Sie behindert?“ nur 6 Prozent.

          Viktoria Przytulla ist überzeugt: „Behinderte Menschen mit akademischem Abschluss haben es leichter als Behinderte ohne Hochschulabschluss. Denn es steht die intellektuelle Arbeit im Vordergrund. Die körperliche Behinderung lässt sich so besser ausgleichen.“ Nur lassen sich Barrieren im Kopf doch nicht so schnell beseitigen. Vor allem kleinere Betriebe sind oft unsicher: Kann der Behinderte die volle Leistung erbringen? Was muss bei der Einrichtung seines Arbeitsplatzes bedacht werden? Letztlich komme es darauf an, wie ernsthaft sich die Unternehmensleitung damit befassen wollten, sagt Przytulla. Der in Stellenanzeigen übliche Satz, dass bei gleicher Eignung Menschen mit Behinderungen bevorzugt eingeladen würden, sei schließlich „sehr dehnbar“.

          Liegt eine Sprech- oder Hörbehinderung vor, suchen Absolventen besonders lang

          Ursula Jonas von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung beim Deutschen Studentenwerk sieht das ähnlich, betont aber: „Auch für Akademiker mit Behinderung gilt, dass sie aufgrund der Qualifikation für eine Stelle eingestellt werden, nicht aufgrund einer Behinderung.“ Die Sorge, dass ein Mitarbeiter keine volle Leistung erbringen könne, sei in der Regel unbegründet: „Die kognitiven Fähigkeiten stehen ja im Vordergrund.“ Und doch: Liegt eine Sprech- oder Hörbehinderung vor, suchen Absolventen oft besonders lang. „Je mehr die Behinderung dazu führt, dass Kommunikation, Arbeitsweise oder Verhalten von dem, was Arbeitgeber gewohnt sind, abweichen, desto schwieriger ist der Berufseinstieg“, berichtet Sven Drebes. Der 36-Jährige, der seit seinem zweiten Lebensmonat spastisch gelähmt und sprachbehindert ist, schlägt vor, mit möglichen Arbeitgebern über das Internet zu chatten. Zum Telefonieren braucht er einen Assistenten. Das Tippen mit einem Finger dauere zwar etwas länger, dafür könne er es ohne fremde Hilfe.

          Drebes studierte Volkswirtschaft. Er promovierte und arbeitet jetzt als Referent für Behindertenpolitik für die Bundestagsfraktion der Grünen. Er kenne einen Absolventen, erzählt Drebes, der trotz eines Studienabschlusses mit der Note eins seit sechs Jahren eine Stelle suche. „Er hat im Prinzip die gleiche Behinderung wie ich, nur stärker. Er kann die Hände nicht einsetzen und wird in der Regel nur von Leuten verstanden, die ihn länger kennen.“

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