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Bafög : Zum Leben zu wenig, zum Streben genug

  • Aktualisiert am

Ob jeder Student bekommt, was er verdient? Bild: dpa

Im Herbst 2016 wird der Bafög-Satz erhöht. Im besten Fall bekommen Studenten dann 60 Euro mehr im Monat. Für die einen ist das viel Geld. Für andere ein Tropfen auf den heißen Stein. Sechs Studenten beim Kassensturz.

          Im Sommer hat die Bundesregierung beschlossen, ab dem übernächsten Wintersemester den Bafög-Satz zu erhöhen und die Elternfreibeträge für Vermögen um sieben Prozent anzuheben. Zudem wurde mit sofortiger Wirkung das Wohngeld von 224 auf 250 Euro pro Monat erhöht. Zum ersten Mal seit 2010 steigt das Bafög wieder; damals war es um fünf Prozent angehoben worden.

          Die sieben Prozent, die nun kommen: Wie viel ist das eigentlich? Springt dadurch nach einem Jahr Sparen ein neuer Laptop heraus? Ist es genug, um sich einmal im Monat einen Einkauf im Bioladen leisten zu können? Ein Lehrbuch mehr im Monat? Sechs Studenten erzählen von ihren Erfahrungen mit der Förderung.

          Ich hatte weniger als Hartz IV

          Ich habe rund fünf Jahre zu den damals gültigen Sätzen Bafög bezogen. Das waren im Monat zwischen 314 Euro im ersten und 597 Euro im letzten Jahr. Daneben habe ich im Grundstudium etwa 15 Stunden pro Woche gejobbt und von meinen Eltern bis Mitte 2011 Unterstützung in Höhe meiner Kaltmiete von 270 Euro pro Monat erhalten. Die wirtschaftliche Situation meiner Eltern, die auch noch meine jüngere Schwester versorgen, war während meines Studiums generell angespannt, wurde dann aber wegen der Finanzkrise so schlecht, dass sie mir keine Unterstützung mehr zukommen lassen konnten. Etwa sechs Monate vor meinem Staatsexamen wurde mir vom Bafög-Amt eine Verlängerung des Bewilligungszeitraums verweigert, weshalb ich einen Studienkredit aufnehmen musste.

          Rebecca Hutt

          Da ich kein Bafög mehr beziehe, kann ich nicht genau sagen, wie viel mehr mir zur Verfügung gestanden hätte. Zu der Zeit, als ich fast den Höchstsatz erhalten habe, wären es aber wohl um die 60 Euro mehr im Monat gewesen. Ausgehend von diesem Betrag, hätte das beispielsweise meine monatlichen Abschlagszahlungen gedeckt. Aufs Ganze gesehen wäre die Erhöhung für mich nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Ich habe in meinem Studium im Schnitt von 600 Euro pro Monat gelebt. Das ist deutlich weniger als die sogenannte Armutsgrenze. Verglichen mit anderen staatlichen Leistungen wie zum Beispiel Hartz IV, empfinde ich die Höhe des Bafög als ungerecht.

          Rebecca Hutt, 26 Jahre, Promotionsstudentin der Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz

          Zu wenig? Hängt von der Stadt ab

          Ich habe immer gehofft, ohne Bafög auszukommen, und das hat während meines Bachelor-Studiums gut geklappt. Meine Eltern können mich nur sehr begrenzt unterstützen, sie wohnen nicht in Deutschland, ich bin zu meinem Bachelor-Studium allein hierher gezogen. Während des Masters möchte ich allerdings weniger arbeiten und habe deshalb Bafög beantragt. Der Antrag ist noch nicht durch, deshalb weiß ich nicht, wie viel ich bekommen werde, wohl aber nicht den Höchstsatz. Wenn überhaupt, werde ich nach der Bafög-Erhöhung noch etwa sechs Monate davon profitieren und dann wohl 30 bis 40 Euro mehr im Monat haben. So viel gebe ich pro Woche für Lebensmittel aus. Dass die Freibeträge ebenfalls angehoben werden, finde ich jedoch sehr gut. Die Frage, ob das System gerecht ist, kann kaum jemand objektiv beantworten. Die elternunabhängige Finanzierung ist wohl der meistdiskutierte Aspekt der Debatte.

          Yana Gospodinova

          Ich hingegen würde stärker für einen standortabhängigen Satz plädieren, denn die Mieten variieren in den verschiedenen Bundesländern, ja sogar Städten stark. Wohnheimplätze gibt es zu wenig, und sie sind immer zeitlich begrenzt. In Köln oder Frankfurt schätzt man sich deshalb glücklich, wenn man „nur“ 350 bis 400 Euro pro Monat für ein WG-Zimmer mit dem Prädikat „halbwegs uninah“ bezahlt. In kleineren oder sogar beliebten Studentenstädten im Osten, wie zum Beispiel in Leipzig, zahlt man zum Teil nur die Hälfte der genannten Mieten - eine meiner Meinung nach ganz offensichtlich ungerechte Verteilung.

          Yana Gospodinova, 24 Jahre, macht einen Master in Geschichte an der Universität Köln

          Es reicht für einen kleinen Urlaub

          Die wirtschaftliche Situation meiner Eltern ist eher schlecht. Meine Mutter muss ihre Frührente mit Hartz IV aufstocken. Mein Vater ist selbständig und verdient nur wenig. Finanziell können sie mich deshalb nicht unterstützen. Somit erhalte ich derzeit den Bafög-Höchstsatz von 597 Euro monatlich. Er läge bei 670 Euro, wenn ich nicht über meine Mutter mit krankenversichert wäre. Die geplante Erhöhung der Förderbeträge plus der erhöhte Wohnzuschlag würden bei mir ein Plus von 52,11 Euro pro Monat ausmachen. Der Betrag wird unter den alltäglichen Ausgaben verschwinden, aber wenn ich ihn sparte, ließe sich nach einem Jahr eventuell ein Urlaub finanzieren. Die Summe ist ein Anfang und kann hilfreich sein. Dennoch weist das aktuelle Bafög-System immer noch Baustellen auf - so froh ich bin, dass es das System überhaupt gibt, sonst könnte ich nicht studieren. Zum Beispiel fände ich es wichtig, den Bafög-Satz an steigende Lebenshaltungskosten zu koppeln. Ein weiterer Kritikpunkt gilt der meiner Meinung nach schon fast paradoxen Bürokratie, die mit dem Bafög einhergeht.

          Tim Bernsen, 21 Jahre

          Zu Beginn meines ersten Bezugs zum Beispiel wohnte ich noch mit meiner Mutter in einer Mietwohnung. In Verbindung mit Bafög bedeutete dies für mich: Satz ohne Mietzuschlag, also gut 400 Euro Bafög pro Monat. Die wiederum wurden vom Jobcenter als Einkommen angerechnet, meine Mutter erhielt erheblich weniger Hartz IV zu ihrer Frührente. Somit musste ich die halbe Miete (um die 300 Euro) tragen. Dass nun nicht mehr viel Geld für Bücher, Studienmaterial, Lebensmittel, welche ich mir mit meiner Mutter teilte, sowie Freizeitausgaben übrig blieb, dürfte auf den ersten Blick ersichtlich sein. Nach meinem Auszug erhielt sie wieder mehr Geld und ich den Höchstsatz mit Mietzuschlag, also 597 Euro.

          Tim Bernsen, 21 Jahre, studiert Politik und Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

          Für mich ist das viel Geld

          Ich finanziere mein Studium voll durch das Bafög, monatlich bekomme ich derzeit 597 Euro. Mein Vater ist selbständiger Gas- und Wasserinstallateur, meine Mutter arbeitet auf 450-Euro-Basis in einer Bäckerei. Einer meiner Brüder ist in der Ausbildung, der andere geht noch zur Schule, beide wohnen noch bei meinen Eltern, die auch noch unser Haus abbezahlen. Meine Eltern zahlen immerhin meinen Semesterbeitrag. Außer der Reihe haben sie mir diesen Sommer zudem einen Urlaub in den Bergen finanziert, da ich solche großen Ausgaben nicht alleine bewältigen könnte. Miete, Nebenkosten, Lebenshaltungskosten und den Studienbedarf bestreite ich durch mein Bafög. Das reicht zwar zum Leben, es bleibt aber nicht viel übrig für Hobbys. Darum freue ich mich über die Erhöhung. Zum Herbst 2016 werde ich 52 Euro mehr im Monat erhalten. Für mich ist das viel Geld.

          Isabelle Reuter

          Es gibt für mich zwei Alternativen: Entweder ich spare es und kann dafür selbst einen Urlaub finanzieren. Oder ich kann mir im Monat mehr leisten, zum Beispiel ins Fitnessstudio gehen. Meine Meinung zum aktuellen Bafög-System ist im Grunde sehr positiv, auch wenn man natürlich nicht vergessen darf, dass man sich mit Bafög verschuldet. Man muss das Geld nach dem Studium zurückzahlen, und darum sollte man es sich gut überlegen, ob man sich das Geld nicht besser von den Eltern „leiht“, wenn das überhaupt geht, oder sich eben beim Staat verschuldet.

          Isabelle Reuter, 20 Jahre, studiert Rechtswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität in Bonn

          Zum Glück brauch ich Bafög nicht

          Ich bekomme kein Bafög. Ich hatte mich zu Beginn meines Studiums erkundigt, ob es mir zustehen würde. Diese Frage wurde aufgrund des Einkommens meines Vaters, der bei einer Bank arbeitet, sofort verneint. Dabei sind meine Eltern nicht reich. Ich würde sie in der Mittelschicht einordnen. Ich würde das System deshalb nicht als gerecht bezeichnen. Mein Vater hat kein schlechtes Einkommen, ist aber der einzige Verdiener, da meine Mutter als Bürokauffrau keine Stelle mehr findet. Ich wollte deshalb von meinen Eltern finanziell unabhängig sein und habe mir sofort einen Job gesucht. Das hieß, neben einer Studienwoche mit bis zu 25 Semesterwochenstunden noch gut 20 Stunden an der Supermarktkasse zu sitzen. Zeit zum Lernen blieb da kaum.

          Simon Dallmeier

          Erst als ich einen Job als Werksstudent bei einem großen Konzern bekommen habe, hat sich die Lage etwas entspannt. Nun arbeite ich „nur noch“ 15 Stunden in der Woche (was aber immerhin fast zwei Arbeitstagen entspricht). Ich bin nun unabhängig von meinen Eltern. Kommt es zu Engpässen, kann ich mich zwar auf sie verlassen. Aber ich zahle meine Miete, meinen Strom, meine Fahrkarten alleine. Ich kann kein Leben in Saus und Braus führen, aber ich habe mir alles, was ich mir kaufe, selbst verdient. Und um ehrlich zu sein, bin ich nun froh, kein Bafög zu beziehen. So habe ich in der Zeit nach meinem Studium immerhin keine Schulden.

          Simon Dallmeier, 23 Jahre, absolviert English and American Studies an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

          Gleiches Bafög für alle!

          Ich bekomme 110 Euro Bafög pro Monat. Die geplante Erhöhung bringt mir nichts mehr, denn bis zum Herbst 2016 werde ich mein Studium abgeschlossen haben. Würde ich die Summe jetzt bekommen, wäre sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Für die Studenten, die den Höchstsatz erhalten und noch ein bisschen neben dem Studium arbeiten gehen, mag der Satz nach der Erhöhung dann genug sein - aber wer erhält schon den Höchstsatz? Das aktuelle Bafög-System scheint mir außerdem in seinen Bemessungsgrundlagen eher ungerecht zu sein. Derzeit unterstützen meine Eltern neben mir meine drei jüngeren Geschwister. Obwohl meine Schwestern und ich den gleichen finanziellen Hintergrund haben und innerhalb der vorgegebenen Einkommens- und Vermögensgrenzen bleiben, erhalten wir unterschiedlich viel Bafög.

          Anne Glatt

          Zu Beginn meines Studiums waren meine Schwestern noch auf der Schule, und ich erhielt mehr als doppelt so viel wie heute. Nun studieren wir alle, aber eine meiner Schwestern macht ein duales Studium und kann sich damit selbst finanzieren. Trotzdem ist die finanzielle Belastung meiner Eltern gestiegen. Ich kann mir die drastischen Kürzungen nicht mit den leichten Einkommenserhöhungen meiner Eltern erklären, die sich nur durch den Wechsel ihrer Kinder von der Schule ins Studium ergeben. Ich bin deshalb für ein elternunabhängiges Bafög.

          Anne Glatt, 25 Jahre, studiert Elektrotechnik am Karlsruher Institut für Technologie

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