https://www.faz.net/-gyl-7tjt5

Bafög : Zum Leben zu wenig, zum Streben genug

  • Aktualisiert am
Isabelle Reuter

Es gibt für mich zwei Alternativen: Entweder ich spare es und kann dafür selbst einen Urlaub finanzieren. Oder ich kann mir im Monat mehr leisten, zum Beispiel ins Fitnessstudio gehen. Meine Meinung zum aktuellen Bafög-System ist im Grunde sehr positiv, auch wenn man natürlich nicht vergessen darf, dass man sich mit Bafög verschuldet. Man muss das Geld nach dem Studium zurückzahlen, und darum sollte man es sich gut überlegen, ob man sich das Geld nicht besser von den Eltern „leiht“, wenn das überhaupt geht, oder sich eben beim Staat verschuldet.

Isabelle Reuter, 20 Jahre, studiert Rechtswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität in Bonn

Zum Glück brauch ich Bafög nicht

Ich bekomme kein Bafög. Ich hatte mich zu Beginn meines Studiums erkundigt, ob es mir zustehen würde. Diese Frage wurde aufgrund des Einkommens meines Vaters, der bei einer Bank arbeitet, sofort verneint. Dabei sind meine Eltern nicht reich. Ich würde sie in der Mittelschicht einordnen. Ich würde das System deshalb nicht als gerecht bezeichnen. Mein Vater hat kein schlechtes Einkommen, ist aber der einzige Verdiener, da meine Mutter als Bürokauffrau keine Stelle mehr findet. Ich wollte deshalb von meinen Eltern finanziell unabhängig sein und habe mir sofort einen Job gesucht. Das hieß, neben einer Studienwoche mit bis zu 25 Semesterwochenstunden noch gut 20 Stunden an der Supermarktkasse zu sitzen. Zeit zum Lernen blieb da kaum.

Simon Dallmeier

Erst als ich einen Job als Werksstudent bei einem großen Konzern bekommen habe, hat sich die Lage etwas entspannt. Nun arbeite ich „nur noch“ 15 Stunden in der Woche (was aber immerhin fast zwei Arbeitstagen entspricht). Ich bin nun unabhängig von meinen Eltern. Kommt es zu Engpässen, kann ich mich zwar auf sie verlassen. Aber ich zahle meine Miete, meinen Strom, meine Fahrkarten alleine. Ich kann kein Leben in Saus und Braus führen, aber ich habe mir alles, was ich mir kaufe, selbst verdient. Und um ehrlich zu sein, bin ich nun froh, kein Bafög zu beziehen. So habe ich in der Zeit nach meinem Studium immerhin keine Schulden.

Simon Dallmeier, 23 Jahre, absolviert English and American Studies an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Gleiches Bafög für alle!

Ich bekomme 110 Euro Bafög pro Monat. Die geplante Erhöhung bringt mir nichts mehr, denn bis zum Herbst 2016 werde ich mein Studium abgeschlossen haben. Würde ich die Summe jetzt bekommen, wäre sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Für die Studenten, die den Höchstsatz erhalten und noch ein bisschen neben dem Studium arbeiten gehen, mag der Satz nach der Erhöhung dann genug sein - aber wer erhält schon den Höchstsatz? Das aktuelle Bafög-System scheint mir außerdem in seinen Bemessungsgrundlagen eher ungerecht zu sein. Derzeit unterstützen meine Eltern neben mir meine drei jüngeren Geschwister. Obwohl meine Schwestern und ich den gleichen finanziellen Hintergrund haben und innerhalb der vorgegebenen Einkommens- und Vermögensgrenzen bleiben, erhalten wir unterschiedlich viel Bafög.

Anne Glatt

Zu Beginn meines Studiums waren meine Schwestern noch auf der Schule, und ich erhielt mehr als doppelt so viel wie heute. Nun studieren wir alle, aber eine meiner Schwestern macht ein duales Studium und kann sich damit selbst finanzieren. Trotzdem ist die finanzielle Belastung meiner Eltern gestiegen. Ich kann mir die drastischen Kürzungen nicht mit den leichten Einkommenserhöhungen meiner Eltern erklären, die sich nur durch den Wechsel ihrer Kinder von der Schule ins Studium ergeben. Ich bin deshalb für ein elternunabhängiges Bafög.

Anne Glatt, 25 Jahre, studiert Elektrotechnik am Karlsruher Institut für Technologie

Weitere Themen

Topmeldungen

SPD-Vorsitz : Scholz will im Duo mit Klara Geywitz antreten

Vizekanzler Olaf Scholz hat eine Frau für die Kandidatur zum SPD-Vorsitz gefunden: die wenig bekannte Klara Geywitz aus Brandenburg. Generalsekretär Klingbeil und Niedersachsens Ministerpräsident Weil wollen nicht antreten.

Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.
Jamie Dimon, Vorstandsvorsitzender der Großbank JPMorgan Chase, ist auch Vorsitzender des „Business Roundtable“.

Erklärung : Amerikas Unternehmenslenker rufen zur Nachhaltigkeit auf

Eine der wichtigsten Interessengruppen amerikanischer Unternehmen trägt in einer Erklärung die Orientierung am „Shareholder Value“ zu Grabe. Nicht nur das Wohl der Anteilseigner, sondern das der ganzen Gesellschaft soll künftig zählen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.