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Bafög : Zum Leben zu wenig, zum Streben genug

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Yana Gospodinova

Ich hingegen würde stärker für einen standortabhängigen Satz plädieren, denn die Mieten variieren in den verschiedenen Bundesländern, ja sogar Städten stark. Wohnheimplätze gibt es zu wenig, und sie sind immer zeitlich begrenzt. In Köln oder Frankfurt schätzt man sich deshalb glücklich, wenn man „nur“ 350 bis 400 Euro pro Monat für ein WG-Zimmer mit dem Prädikat „halbwegs uninah“ bezahlt. In kleineren oder sogar beliebten Studentenstädten im Osten, wie zum Beispiel in Leipzig, zahlt man zum Teil nur die Hälfte der genannten Mieten - eine meiner Meinung nach ganz offensichtlich ungerechte Verteilung.

Yana Gospodinova, 24 Jahre, macht einen Master in Geschichte an der Universität Köln

Es reicht für einen kleinen Urlaub

Die wirtschaftliche Situation meiner Eltern ist eher schlecht. Meine Mutter muss ihre Frührente mit Hartz IV aufstocken. Mein Vater ist selbständig und verdient nur wenig. Finanziell können sie mich deshalb nicht unterstützen. Somit erhalte ich derzeit den Bafög-Höchstsatz von 597 Euro monatlich. Er läge bei 670 Euro, wenn ich nicht über meine Mutter mit krankenversichert wäre. Die geplante Erhöhung der Förderbeträge plus der erhöhte Wohnzuschlag würden bei mir ein Plus von 52,11 Euro pro Monat ausmachen. Der Betrag wird unter den alltäglichen Ausgaben verschwinden, aber wenn ich ihn sparte, ließe sich nach einem Jahr eventuell ein Urlaub finanzieren. Die Summe ist ein Anfang und kann hilfreich sein. Dennoch weist das aktuelle Bafög-System immer noch Baustellen auf - so froh ich bin, dass es das System überhaupt gibt, sonst könnte ich nicht studieren. Zum Beispiel fände ich es wichtig, den Bafög-Satz an steigende Lebenshaltungskosten zu koppeln. Ein weiterer Kritikpunkt gilt der meiner Meinung nach schon fast paradoxen Bürokratie, die mit dem Bafög einhergeht.

Tim Bernsen, 21 Jahre

Zu Beginn meines ersten Bezugs zum Beispiel wohnte ich noch mit meiner Mutter in einer Mietwohnung. In Verbindung mit Bafög bedeutete dies für mich: Satz ohne Mietzuschlag, also gut 400 Euro Bafög pro Monat. Die wiederum wurden vom Jobcenter als Einkommen angerechnet, meine Mutter erhielt erheblich weniger Hartz IV zu ihrer Frührente. Somit musste ich die halbe Miete (um die 300 Euro) tragen. Dass nun nicht mehr viel Geld für Bücher, Studienmaterial, Lebensmittel, welche ich mir mit meiner Mutter teilte, sowie Freizeitausgaben übrig blieb, dürfte auf den ersten Blick ersichtlich sein. Nach meinem Auszug erhielt sie wieder mehr Geld und ich den Höchstsatz mit Mietzuschlag, also 597 Euro.

Tim Bernsen, 21 Jahre, studiert Politik und Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Für mich ist das viel Geld

Ich finanziere mein Studium voll durch das Bafög, monatlich bekomme ich derzeit 597 Euro. Mein Vater ist selbständiger Gas- und Wasserinstallateur, meine Mutter arbeitet auf 450-Euro-Basis in einer Bäckerei. Einer meiner Brüder ist in der Ausbildung, der andere geht noch zur Schule, beide wohnen noch bei meinen Eltern, die auch noch unser Haus abbezahlen. Meine Eltern zahlen immerhin meinen Semesterbeitrag. Außer der Reihe haben sie mir diesen Sommer zudem einen Urlaub in den Bergen finanziert, da ich solche großen Ausgaben nicht alleine bewältigen könnte. Miete, Nebenkosten, Lebenshaltungskosten und den Studienbedarf bestreite ich durch mein Bafög. Das reicht zwar zum Leben, es bleibt aber nicht viel übrig für Hobbys. Darum freue ich mich über die Erhöhung. Zum Herbst 2016 werde ich 52 Euro mehr im Monat erhalten. Für mich ist das viel Geld.

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