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Auto-Design : Die Zukunft liegt schon im Regal

Bild: F.A.Z. - Tresckow

Wer die Automobile von morgen und übermorgen sehen will, muss nach Pforzheim fahren - und sich auf Überraschungen gefasst machen. Denn im Studiengang „Transportation Design“ hat die Revolution System.

          Die Autos der Zukunft stapeln sich hinter den rostigen Türen und zersplitterten Scheiben einer unbeheizten Abstellhalle an der Bundesstraße 10. Wo früher eine Straßenmeisterei Streusalz lagerte, stehen heute in Regalen die Abschlussarbeiten der Absolventen des Studiengangs "Transportation Design" der Hochschule Pforzheim, Tonmodelle im Maßstab 1:4. Lutz Fügener steigt über Transportkisten, räumt Zeichentafeln aus dem Weg, dann zeigt er auf ein spindelförmiges, gelb lackiertes Innenraum-Modell ganz oben auf dem Wandregal. Es hat keine Sitze, die Passagiere sollen sich in dem Vehikel liegend fortbewegen. Eine Spinnerei? "Eine tolle Idee", sagt Fügener, ein Mann mit rasiertem Schädel und Athletenfigur, braun gebrannt vom Segeltörn in den Semesterferien, und gibt seinem einstigen Studenten im Nachhinein die Höchstnote: "Der Junge hat genau gewusst, was er wollte."

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lutz Fügener ist Professor, und er ist erfolgreich. Zusammen mit James Kelly, dem Gründer des Fachbereichs, hat er Pforzheim zu einer der besten Adressen für angehende Auto-Designer gemacht. In dieser Disziplin misst sich die schmucklose 120 000-Einwohner-Stadt an Enns und Nagold selbstbewusst mit glamourösen Konkurrenten wie dem Art Center of Design im kalifornischen Pasadena und dem Royal College of Arts in London. Seit sieben Jahren lehrt Fügener, 41, in Pforzheim. Aufträge aus der Industrie nimmt er weiterhin an, dafür hat er ein Büro in Berlin. Seinen Studenten aber würde er den Gedanken an die spätere Verwertbarkeit ihrer Entwürfe am liebsten verbieten. "Wir müssen das Automobil in seiner jetzigen Form verneinen können", so verpackt er das im Lehrsatzjargon. Es muss was dran sein an dem Rezept, so realitätsfern ein Auto zum Liegen auch zu sein scheint, sonst hätten die Absolventen nicht so gute Berufsaussichten. Der Golf V, der Opel Meriva, der Fiat Bravo, der Mazda 3 - sie kommen alle aus der Pforzheimer Schule. Entsprechend groß ist der Andrang: Bis zu 150 Bewerbungsmappen landen Semester für Semester auf Fügeners und Kellys Schreibtischen, vergeben werden jeweils nur höchstens 15 Studienplätze.

          Das Problem Pferdeschwanz

          Anne Forschner ist in Tränen ausgebrochen, als sie von der Entscheidung der Auswahlkommission erfuhr. Es waren Tränen der Freude darüber, dass sie die Professoren überzeugt hatte - obwohl sie in ihre Mappe zwar Aktzeichnungen, aber keinen einzigen Entwurf für ein Auto gepackt hatte. Für die Zweiundzwanzigjährige beginnt nun das fünfte Semester, sie wird es als Praktikantin im Mazda-Designstudio in Irvine an der amerikanischen Westküste und bei BMW in München verbringen. Autos hat sie in den zwei vergangenen Jahren zu Hunderten gezeichnet. Aber in ihren Adern fließt deshalb noch lange kein Benzin, versichert sie. "Ich interessiere mich nicht für die Formel 1, sondern für Design", stellt sie klar. Die junge Schwäbin trägt ihre Fingernägel kurz und ihre Stiefel ohne Absatz, damit ließe sich zur Not auch ein Sportwagen steuern. Mit ihren blonden Haaren dagegen haben viele Autos Probleme: Schon die simplen Platzbedürfnisse eines Pferdeschwanzes sind für viele der mehrheitlich männlichen Designer offenbar unergründlich. "Die meisten Kopfstützen sind mit dieser Frisur richtig lästig", kritisiert Anne Forschner. Sie ist eine von nur zwei Frauen im gesamten Studiengang, ihre Karrierechancen dürften ausgezeichnet sein. Denn mittlerweile haben die Autokonzerne flächendeckend entdeckt, wie viele weibliche Kunden sie haben - und wie fahrlässig es deshalb ist, das Design ihrer Produkte Männern zu überlassen.

          "Die zehn ersten Striche entscheiden"

          Man muss keine Frau sein, um diesen Trend zu beschreiben. "Das Aussehen der Autos entwickelt sich weg von der Aggressivität hin zur sanften Linie", sagt Maksymilian Nawka. Er ist zwei Jahre älter als seine Kommilitonin Anne Forschner und kennt die Praxis in den Design-Studios aus eigener Erfahrung - bei Mercedes in Sindelfingen, bei der Hildesheimer Sportwagenschmiede Isdera und beim bayerischen Zulieferer Webasto war er Praktikant. "Zuschauen war nirgendwo angesagt, man arbeitet an laufenden Projekten mit", berichtet er. Alltag also - aber keine Langeweile. "Mal heißt es: Mach mal 120 Frontpartien. Und in der Woche drauf: 20 verschiedene Rückspiegel." Nach sechs Jahren ist dann vielleicht die Serienreife erreicht.

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