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Arbeitswelt 4.0 : Wo Bildung digital werden muss

Welche Leistungen übernehmen künftig Roboter? Bild: dpa

Roboter ersetzen Menschen. In Zukunft vielleicht nicht nur in Fabriken. Demnächst könnten auch intellektuelle Leistungen der Automatisierung zum Opfer fallen. Müssen wir nun anders über Bildung nachdenken?

          Müssen wir angesichts der Digitalisierung anders über Bildung nachdenken? Die Kultusministerkonferenz hat angekündigt, bis Jahresende „eine umfassende Strategie zur ,Bildung in der digitalen Welt‘ zu verabschieden“. Der Diskussionsbedarf ist groß, nicht nur auf Seiten der Politik - an der Frage der Praktizierbarkeit, das ist schon jetzt abzusehen, werden sich jedoch die Geister scheiden.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat jetzt in Kooperation mit der Unternehmensberatung McKinsey den neuen „Hochschul-Bildungs-Report 2020“ veröffentlicht. Der Report erscheint seit 2013 jährlich und ist Teil der vom Stifterverband geleiteten Initiative „Zukunft machen“. Anhand von ausgewählten „Handlungsfeldern“ wie einer chancengerechten, internationalen und berufsbezogenen Bildung will der Report jährlich überprüfen, inwieweit sich die Hochschulen den Zielvorstellungen der Initiative angenähert haben. Hierzu greifen die Autoren auf eigene repräsentative Umfragen unter rund 300 Unternehmen und Datenreihen anderer Institutionen zurück. Im Zentrum des diesjährigen Reports steht die „Hochschulbildung für die Arbeitswelt 4.0“. Seine wichtigste Botschaft lautet: Die Universitäten bereiteten die Studenten zu wenig auf diese neue Arbeitswelt vor.

          Damit ist zugleich eines der wichtigsten Anliegen des Reports angesprochen: Die engere Verzahnung von akademischer und beruflicher Ausbildung, also genau das, was mit der Bologna-Reform bewirkt werden sollte und besonders auf Seiten der Hochschullehrer immer wieder stark kritisiert wurde.

          Auch intellektuelle Leistungen könnten automatisiert werden

          Doch was ist an der Digitalisierung so neu, dass es aus Sicht der Autoren auch an dieser Stelle einer Änderung der Hochschullehre bedarf? „Während die Automatisierung in der Vergangenheit in erster Linie manuelle Arbeit ersetzt hat, wird es in Zukunft immer häufiger möglich sein, auch intellektuelle Leistungen zu automatisieren“, heißt es in dem Bericht. Das sei ein Punkt gewesen, über den mit dem wissenschaftlichen Beirat des Reports viel gesprochen und diskutiert wurde, sagt Mathias Winde vom Stifterverband im Gespräch mit dieser Zeitung. Nach Angaben der Unternehmensbefragung rechnen 39 Prozent der Unternehmen mit einem Wegfall akademischer Berufe; 75 Prozent erwarten, dass administrative Tätigkeiten künftig automatisiert ablaufen.

          Von den Zielen der Studie rückt Winde nicht ab: Die Digitalisierung soll in allen Studiengängen verankert werden. Was bedeutet das für die einzelnen Fächer, insbesondere für die Geisteswissenschaften, die ja einen viel geringeren Bedarf an technischen Mitteln haben als die Naturwissenschaften? Welchen Sinn hat in einem Fach wie theoretischer Philosophie die geforderte Digitalisierung und Automatisierung? Winde, einer der inhaltlichen Leiter des Reports, verweist auf die gewünschte Vernetzung von Berufsfeldern und Studieninhalten. Entscheidend sei für die Studie die Frage gewesen, wo die Geisteswissenschaftler später arbeiten werden - und hier sei klar: In nahezu allen Tätigkeitsfeldern müsse künftig digitales Wissen vorhanden sein. Den Umgang mit Statistiken müssten dann auch Geisteswissenschaftler beherrschen.

          Wer soll das alles bezahlen?

          Es ist nicht nur ein Ausbau der digitalen Infrastruktur, der den Autoren der Studie vorschwebt. Ihre Empfehlungen enthalten außerdem Änderungen in der Didaktik, ein größeres Spektrum an „Angeboten“ für die Studenten, den Aufbau eines „Kompetenzcoachings“ und eine stärkere Individualisierung des Studiums. Unabhängig davon, was von einem Bildungsverständnis zu halten ist, das Präferenzen der Unternehmenskultur auf staatliche Universitäten zu übertragen versucht, stellt sich zunächst einmal die Frage: Und wer soll das alles bezahlen? Stellenabbau, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und eine starke Heterogenität der wachsenden Studentenschaft bestimmen die universitäre Wirklichkeit - wie können in einer solchen Situation Digitalisierungsmaßnahmen umgesetzt werden? Winde sieht darin keine Schwierigkeiten. Das sei eher eine Frage der Studiengangsgestaltung; die Weiterentwicklung der Lehrpläne koste kein Geld. Lediglich in eine bessere digitale Infrastruktur müsse man investieren. Hier seien Bund und Länder gefragt.

          In dem Bemühen, Bildungsinhalte und -entwicklungen messbar zu machen, wurden zwar Studenten und Unternehmen nach ihrer Einschätzung und Zufriedenheit befragt - nicht aber diejenigen, die die Inhalte vermitteln: die Dozenten. Anders als der „Hochschul-Bildungs-Report“ den Eindruck erwecken könnte, ist er, wie Winde auf Nachfrage betont, allerdings nicht als Plädoyer zu verstehen, dass sich die Bildung grundlegend digital verschiebt. Das sei auch gar nicht im Interesse der Unternehmen, wie die Umfragen gezeigt hätten. Demnach sind zum Beispiel nur 28 Prozent der befragten Unternehmen der Ansicht, dass klassische Vorlesungen durch Online-Formate ersetzt werden. Worum geht es also dann? „Die Digitalisierung wird in der Arbeitswelt Einzug halten, darauf sollten die Studenten vorbereitet werden“, erklärt Winde. Es gehe um eine Ergänzung der bisherigen Bildungswege, nicht um deren Ersatz.

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