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Arbeiterkinder an der Uni : Wenn Mama und Papa nicht studiert haben

  • -Aktualisiert am

Das flößt Respekt ein: Treppenhaus in der Universitätsbibliothek in Heidelberg Bild: Julia Zimmermann

Kinder aus Arbeiterfamilien landen selten an der Uni. Sie werden oft von Zweifeln geplagt: Bin ich hier richtig?

          Jan Spiegel wird nach seinem Abitur studieren. Das stand für ihn und seine Eltern schon seit der Grundschule fest, denn schon damals gehörte er zu den Klassenbesten. Obwohl aus seiner Familie noch niemand studiert hatte, war das Thema ständig präsent. Oft fielen Sätze wie „Jan macht das schon, der wird seinen Weg gehen.“ Der Start ins Studium war für Spiegel dann trotzdem schwierig: „Mir war überhaupt nicht klar, wie sich ein Studium finanzieren lässt. Ich wusste nicht, wie man Bafög beantragt und welche Stipendien es gibt“, erzählt der 26-Jährige. Auch mit den Bewerbungsfristen und den notwendigen Unterlagen tat er sich schwer. Hilfe bekam Spiegel von seiner damaligen Freundin. Jetzt studiert er Sozialwissenschaften an der Universität Köln – und schlägt damit einen ganz anderen Weg ein als seine Eltern. Spiegels Mutter arbeitet als Altenpflegerin, sein Vater ist Maler und Lackierer.

          Arbeiterkinder, Studenten der ersten Generation oder Studenten aus Nichtakademiker-Familien: die Gruppe, zu der Spiegel gehört, hat viele Namen. Sie alle verbindet ein Sonderstatus – sowohl in ihren Familien als auch an den Hochschulen. Dem Hochschulbildungsreport zufolge beginnen gerade einmal 21 Prozent der Kinder aus Nichtakademikerhaushalten ein Studium, unter den Akademikerkindern sind es 74 Prozent. Und während rund ein Drittel der Arbeiterkinder das Studium abbricht, sind es bei den Akademikern nur 15 Prozent.

          Wie stark wird Bildung vererbt?`

          Wissenschaftler sprechen in dem Zusammenhang von mangelnder Bildungsmobilität. Das bedeutet: Kinder schlagen mit großer Wahrscheinlichkeit denselben Bildungsweg ein wie ihre Eltern. Die aktuelle OECD-Studie zeigt: Im Ländervergleich schneidet Deutschland in Sachen Chancengleichheit bei der Bildung schlecht ab. Unter den 28 analysierten Ländern belegt die Bundesrepublik nur Platz 19 – niedriger sind die Aufstiegschancen nur in Osteuropa, Chile und Italien.

          „Bildung wird in Deutschland immer noch überdurchschnittlich stark vererbt“, sagt Ulrich Hinz. Er leitet bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) den Bereich Schülerförderung. Die sdw hat im Jahr 2007 gemeinsam mit der Deutsche-Bank-Stiftung und der Accenture-Stiftung das Programm „Studienkompass“ gegründet. Ziel ist es, junge Erwachsene aus nichtakademischen Familien schon vor ihrem Abitur zu fördern. „Wir setzen im vorletzten Schuljahr an, um die Schüler auf ihrem Weg an die Uni zu begleiten“, erklärt Hinz. Auf diese Weise wollen die Mitarbeiter von „Studienkompass“ auch die Jugendlichen frühzeitig für ein Studium begeistern, die mit diesem Bildungsweg bisher keine Berührungspunkte hatten.

          Start ins Studium ist teuer

          Die Arbeit bei „Studienkompass“ läuft folgendermaßen ab: Die Schüler arbeiten zunächst mit Mentoren und Trainern ihre persönlichen Stärken und Interessen heraus. Dann erstellen sie einen Zukunftsplan, der ihnen bei der Wahl ihres Studienfachs helfen soll. Die Mitarbeiter des Programms begleiten die jungen Erwachsenen auch noch in ihrem ersten Studienjahr: Sie informieren sie beispielsweise darüber, wie sie ihr Studium finanzieren können oder wie sich Stress in anstrengenden Lernphasen gut bewältigen lässt. „In den ersten beiden Semestern ist es besonders wichtig, die Studenten zu unterstützen. Denn in dieser Zeit geben besonders viele Studenten ihr Studium auf“, sagt Hinz.

          Die hohe Zahl an Studienabbrüchen im ersten Semester hat verschiedene Gründe: Häufig entscheiden sich die Studenten einfach für ein anderes Fach, manchmal ist der Leistungsdruck zu hoch. Aber gerade bei Studenten aus nichtakademischen Familien sind die Gründe für einen Studienabbruch oft finanzieller Natur. Denn der Start ins Studium ist teuer: Die Studenten müssen nicht nur den Semesterbeitrag zahlen, sondern oft auch einen Umzug und teure Lernmaterialien finanzieren. Studenten aus finanzschwachen Familien können zwar Bafög oder Wohngeld beantragen – doch bis das Geld wirklich auf dem Konto ankommt, vergehen häufig mehrere Monate.

          Projekt setzt bereits vor dem Studium an

          Bei solchen Problemen finden Studenten der ersten Generation seit Jahren Unterstützung bei der Initiative „Arbeiterkind“. Gegründet wurde sie im Jahr 2008 von Katja Urbatsch. Sie selbst war die erste Studentin ihrer Familie und hatte die Idee für ein Portal, das Erststudenten mit Informationen rund ums Studium versorgt. Schnell nahmen die Medien das Thema auf, so dass sich immer mehr Menschen bei Urbatsch meldeten: Sie hatten während ihres Studiums ähnliche Erfahrungen gemacht und wollten sie unterstützen. „Arbeiterkind“ wurde eine gemeinnützige Organisation, in der sich mittlerweile rund 6000 Ehrenamtliche engagieren.

          „Die meisten Ehrenamtlichen sind selbst Studierende der ersten Generation“, sagt Lisa Thelen, Sprecherin von „Arbeiterkind“. „Deshalb können sie sehr empathisch auf die Fragen der Erststudierenden reagieren.“ Neben der Website, auf der sich Studenten zum Beispiel über Stipendien, Bafög und Auslandssemester informieren können, bietet „Arbeiterkind“ mittlerweile auch ein Infotelefon und offene Treffen an 80 Standorten an. Dort beantworten die Mentoren den Schülern, Studenten und Eltern ihre Fragen. Darüber hinaus steht den jungen Erwachsenen ein soziales Online-Netzwerk mit verschiedenen Themenseiten und einem Diskussionsforum zur Verfügung. „Wer zum Beispiel Fragen zum Bewerbungsverfahren hat, kann sie im Netzwerk stellen. Oft findet sich dann jemand, der seine Erfahrungen teilt“, sagt Thelen.

          „Arbeiterkind“ setzt bereits vor dem Studium an. Die Ehrenamtler gehen in Schulen und erzählen in kurzen Vorträgen von ihrer eigenen Bildungsgeschichte, um die Schüler zu ermutigen. Andere Förderprogramme konzentrieren sich ganz auf die erste Zeit an der Uni. So auch das Pilotprojekt „SHK-Stellen für Studierende der ersten Generation“ an der Universität Köln, das der Kölner Studierendenfonds im vergangenen Jahr gestartet hat. Um vom Geld des Fonds zu profitieren, müssen sich die Studenten der ersten Generation gemeinsam mit einem Dozenten um die Finanzierung einer Hilfskraftstelle bewerben. Das Ziel des Projekts: Studenten aus Nichtakademikerfamilien sollen frühzeitig in den wissenschaftlichen Betrieb einer Universität eingebunden werden.

          Wie sieht eigentlich Berufsalltag eines Wissenschaftlers aus?

          Wichtig ist den Initiatoren eine enge Zusammenarbeit zwischen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, von der beide Seiten profitieren. „Wir wollen den Studenten zeigen, was wissenschaftliches Arbeiten konkret bedeutet“, sagt Anne Haffke. Sie arbeitet am Referat „Gender und Diversity“ der Uni Köln und betreut das Projekt. Laut Haffke wissen viele Studenten aus nichtakademischen Familien kaum etwas über die Jobmöglichkeiten einer Universität: Häufig erfahren sie erst durch das Pilotprojekt, dass es solche Hilfskraftstellen überhaupt gibt. „Deshalb ist es wichtig, Studenten mit den Professoren und Dozenten zu vernetzen. Sie sollen beispielsweise einmal mit zu einer Tagung fahren, um zu verstehen: Wie sieht eigentlich der Berufsalltag eines Wissenschaftlers aus?“, erklärt Haffke. Viele Dozenten, die in ihrer Familie ebenfalls die ersten Akademiker sind, unterstützen die Studenten auf fachlicher und menschlicher Ebene.

          Jan Spiegel, der im nächsten Semester sein Studium abschließen wird, hätte sich mehr Hilfe von der Kölner Universität gewünscht. Bei Fragen habe er sich meistens an seine Kommilitonen gewandt, vor allem im ersten Semester. „Während des Studiums habe ich auch eine Dozentin kennengelernt, die mir zum Beispiel bei Fragen zum wissenschaftlichen Schreiben geholfen hat“, erzählt er. „Aber da hatte ich großes Glück. In der Regel sind die Vorlesungen einfach zu groß, als dass sich die Lehrenden auf einzelne Studenten fokussieren könnten.“

          Spiegel wünscht sich, dass Angebote wie die von „Arbeiterkind“ im Uni-Alltag präsenter werden. Viele Studenten der ersten Generation kämen nämlich gar nicht darauf, sich über Förderprogramme, die für sie infrage kommen könnten, zu informieren – eben weil sie so stark damit beschäftigt sind, sich mit dem Lernstoff, dem Campus und dem Uni-Alltag vertraut zu machen.

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