https://www.faz.net/-gyl-6za68

Am MINT-Kolleg : Wenn Ingenieure Nachhilfe brauchen

  • -Aktualisiert am

Mathe macht so manch einem angehenden Ingenieur zu schaffen. Bild: Bergmann, Wonge

Am MINT-Kolleg in Baden-Württemberg können angehende Ingenieure Kenntnisse in den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern erwerben. Das soll hohen Abbrecherquoten entgegenwirken.

          Daniel Reichert spielte schon am Ende des ersten Semesters an der Universität Stuttgart mit dem Gedanken, sein Elektrotechnik-Studium wieder abzubrechen. „Zu Hause am Schreibtisch hatte ich keine Idee zur Lösung der Matheaufgaben, und in den Vorlesungen kam ich einfach nicht mehr mit“, sagt der Einundzwanzigjährige, der später einmal als Mikroelektroniker in der Chip- oder Autoindustrie arbeiten möchte.

          Ganz so schnell wollte Reichert seinen Karriereplan dann aber nicht über den Haufen werfen: „Schon während des Abiturs hatte ich davon gehört, dass die Uni Stuttgart ein Programm für Anfänger anbietet, die mit dem Fach Mathematik nicht klarkommen.“

          Seit Beginn dieses Jahres besucht der angehende Elektrotechniker nun studienbegleitend das „MINT-Kolleg Baden-Württemberg“. Dort frischt Reichert sein Wissen in Mathematik, Physik und Informatik auf, um in den Vorlesungen und Seminaren seines Studiums mithalten zu können. Das Gemeinschaftsprojekt des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Universität Stuttgart gilt mit seiner großen Ballung an Personal und Fachexpertise als einmalig unter den Hilfsangeboten für Studierende der MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

          Mathe ist einer der Hauptgründe für einen Studienabbruch

          Solche Angebote schießen an den Hochschulen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Hintergrund ist, dass Schwierigkeiten mit dem Grundlagenfach Mathematik einer der häufigsten Gründe für den Studienabbruch angehender Ingenieure sind: Nach Angaben des Hochschul-Informations-Systems (HIS) gibt an den Universitäten jeder vierte Studienanfänger in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern sein Studium auf, wobei 25 Prozent der Studienabbrecher zu hohe fachliche Anforderungen als Grund nennen.

          Dass eine große Gruppe an der Mathematik scheitert, beobachtet auch der Verein Deutscher Ingenieure „mit großer Sorge“. Denn der Arbeitsmarkt brauche dringend Fachkräfte mit guten Kenntnissen in Mathematik. Obwohl in den kommenden zehn Jahren durchschnittlich 45 000 ingenieurwissenschaftliche Absolventen im Jahr benötigt werden, so eine Prognose des VDI, falle die Zahl jetzt schon auf weniger als 40 000.

          Das “Friss-oder-stirb-Prinzip“ ist nicht mehr angebracht

          Um angesichts der negativen demographischen Entwicklung das bestehende Defizit an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren mit nachteiligen Folgen für Wirtschaft und Wohlstand nicht zu vergrößern, wolle man mit der Einführung des MINT-Kollegs zur „individuellen Entschleunigung des Fachstudiums“ beitragen, sagte der ehemalige Direktor des MINT-Kollegs Eckhard Klenkler zum Start des Projekts im vergangenen Frühjahr. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Wissenschaftsministerium in Baden-Württemberg großzügig gefördert.

          Mehr als 300 Studierende greifen derzeit auf das Angebot in Stuttgart und Karlsruhe zurück, das seit dem letzten Wintersemester besteht. Mit dieser Zahl ist Raphael Krug, Koordinator des Kollegs, zufrieden: „Die starke Nachfrage bestätigt, dass der Bedarf an studienbegleitender Hilfestellung groß ist und das Friss-oder-stirb-Prinzip im Studium nicht mehr funktioniert.“

          Für die Studenten ist die Nachhilfe gratis

          Die Teilnehmer können sich insgesamt acht Semesterwochenstunden aus Mathematik-, Physik- und Informatik-Kursen frei zusammenstellen. Einen zusätzlichen Semesterbeitrag müssen sie dafür nicht entrichten. Nur wer noch nicht offiziell für einen Studiengang eingeschrieben ist, muss als Gasthörer 150 Euro im Semester bezahlen. „Wir setzen didaktisch hervorragende Dozenten von beiden beteiligten Hochschulen ein und haben zudem den Vorteil, dass wir in Kleingruppen arbeiten können“, erklärt Norbert Röhrl vom Fachbereich Mathematik der Universität Stuttgart.

          Nur 20 bis 25 Teilnehmer hat eine Lerngruppe maximal. Darüber hinaus werden Ringvorlesungen angeboten, in denen Praktiker verschiedener Branchen aus dem Berufsalltag von Ingenieuren berichten. „Dabei arbeiten wir mit ansässigen Unternehmen zusammen und können unseren Teilnehmern ein hohes Maß an Praxisorientierung bieten.“

          Die nötige Motivation gibt es oben drauf

          Auch Daniel Reichert möchte ab dem kommenden Wintersemester die Berichte aus der Berufspraxis regelmäßig besuchen. „Den direkten Bezug zur Arbeitswelt zu sehen motiviert im Studium am stärksten“, findet Reichert, der die Unkenntnis der Studenten über das hohe Lehrniveau an den Hochschulen als Hauptursache für das steigende Interesse an Programmen wie dem MINT-Kolleg benennt.

          „Die meisten Studienanfänger merken erst viel zu spät, wie hoch die Ansprüche sind und wie viel sie eigentlich außerhalb der Lehrveranstaltungen büffeln müssen.“ Dann seien viele schon durch die ersten Prüfungen gerasselt. Auch ihm ist das passiert. „Seitdem ich das MINT-Kolleg besuche, läuft es deutlich besser. Das Bearbeiten von Übungsaufgaben bereitet mir nicht mehr so große Schwierigkeiten wie noch vor einem halben Jahr“, berichtet der Elektrotechnikstudent.

          Studienabbrüche von vornherein verhindern

          Für Unentschlossene hält das MINT-Kolleg einen frei zugänglichen Online-Test bereit. „Damit werden gezielt Kenntnisse aus der Mathematik und einem weiteren Schwerpunkt abgefragt“, sagt Norbert Röhrl von der Universität Stuttgart. „Wir empfehlen, den Test mit einem Beratungsgespräch zu kombinieren, um zu entscheiden, ob man das MINT-Kolleg besuchen sollte oder direkt ins Fachstudium starten kann.“

          Für statistische Erfolgsmeldungen, beispielsweise eine deutliche Senkung der Abbrecherquoten, sei es noch entschieden zu früh, betont Birgit Vennemann, Sprecherin des MINT-Kollegs. „Aber wir führen stichprobenartig Umfragen unter den Teilnehmern durch. Und dabei gab es noch niemanden, der das MINT-Kolleg nicht als hilfreich empfunden hat.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

          Kretschmann zu Klimapaket : „Das ist doch ein Treppenwitz“

          Die Grünen in Baden-Württemberg lassen kein gutes Haar am Klimapaket der Bundesregierung, auf das die Koalition so stolz ist. So könne man nicht Politik machen, findet Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
          In Tipp-Kick-Manier: Robert Lewandowski trifft gegen Kölns Timo Horn.

          4:0 gegen Köln : Lewandowski trifft und trifft

          Spaziergang zum Oktoberfest-Beginn: Bayern München startet gegen Köln leicht und locker in die Münchner Festwochen. Der Torjäger vom Dienst ist gewohnt erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.