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Altertumswissenschaft : Tüfteln an Tacitus

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Gefragter Lateinunterricht: Die Schulen rollen Lateinlehrern zur Zeit den roten Teppich aus Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Frühstudenten sind in den Blick der Altertumsforscher gerückt: An der Humboldt-Universität in Berlin können sich schon Schüler Leistungen für das spätere Studium anrechnen lassen.

          Kann man einer Fun-and-Facebook-Generation zumuten, mehr als nur einen Blick auf das Leben der alten Griechen und Römer zu werfen? Das Beispiel der in ganz Deutschland ersten Schülergesellschaft für Altertumswissenschaft, die sich kürzlich zu ihrem ersten Treffen an der Berliner Humboldt-Universität (HU) formierte, zeigt: Man kann, wenn man nur die richtigen Leute um sich schart. Die Richtigen sind eine kleine Spitzengruppe, die sich ein echtes Interesse auf die Fahnen schreibt. Die Mathematiker praktizieren eine solche Talentpflege bereits seit mehr als 40 Jahren erfolgreich.

          Die Teilnehmer der Schülergesellschaft dürfen sich als Noch-Schüler zu den Schon-Studenten rechnen und erworbene Leistungen, sogenannte Credit Points, auf ihr späteres Studium anrechnen lassen. Gemeinsam mit Professoren tüfteln sie, während ihre Freunde im Urlaub sind, an Texten von Tacitus, interpretieren attische Vasenbilder und analysieren Fremdenfeindlichkeit bei den Griechen und Römern. „Wir wollen ein Frühstudium etablieren, eine Langzeitbeziehung herstellen“, betont Professor Stefan Kipf, Direktor der Schüler-Gesellschaft und Fachdidaktiker für Alte Sprachen am Institut für Klassische Philologie.

          Zur jungen Antikenschar zählt Dénise Altmann. Die 19-Jährige belegt am Berliner Bertha-von-Suttner-Gymnasium die Leistungskurse Griechisch und Deutsch. Sie habe sich „schon immer für Alte Geschichte interessiert, aber auch für die Mythen und Sagen“ und sei „gern in Museen gegangen“, erzählt sie. Ob sie in diese Richtung studieren wird, weiß sie noch nicht. Das hänge auch vom Numerus clausus ab, der für Klassische Philologie an der Humboldt-Universität derzeit bei 2,4 liegt.

          Jenefer Flach, 17 Jahre alt, hat die Leistungskurse Biologie und Musik gewählt und Latein nur als Grundkurs: „Bei uns kam kein Leistungskurs zustande“, sagt sie. Griechisch lernt sie in einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Für den Bachelor in Latein verlangt die Uni zwar kein Graecum, für den Master aber schon. Da man für eine Ausbildung zum Lateinlehrer aber den Master braucht, kommt letztlich niemand um Griechisch herum.

          Von 20 Teilnehmern sind nur vier männlich

          Der 21 Jahre alte Toni Ansperger hat erst auf dem Umweg über eine bereits abgeschlossene Berufsausbildung nach der Realschule „gemerkt, dass ihn die Beschäftigung mit der Antike auf Dauer mehr fesseln könnte als der Job im Labor“. An einer Kollegstufe holt er nun sein Abitur nach. „In anderthalb Jahren sind wir in Latein schon so weit wie andere nach fünf Jahren“, stellt er stolz fest. Eins verbindet allerdings seinen gelernten Job im Labor mit dem Platz in der Schülergesellschaft, den man per Bewerbungs- plus Empfehlungsschreiben durch die Schule bekommen konnte: Als Mann zählt er hier wie dort zu den Ausnahmen, von den 20 Teilnehmern sind nur vier männlich. „Das Geschlechterverhältnis entspricht ungefähr dem unseres Studiengangs“, seufzt Kipf. Rund 80 Prozent der Lateinstudierenden seien weiblich. Das liege vor allem daran, dass der Lehrerberuf sich zum Frauenberuf entwickelt habe. „Viele wählen das Fach auch aus strategischen Gründen, weil sie ein zweites Fach brauchen und weil man als Lateinlehrer an den Schulen zurzeit den roten Teppich ausgerollt bekommt“, sagt Kipf. Mit der Folge, dass sich auch etliche für das Fach einschreiben, die sich nicht wirklich dafür interessieren.

          Auch bringen viele nicht mehr die nötigen Voraussetzungen mit. „Sie bekommen zwar Lateinkenntnisse bescheinigt, können aber nichts. An den Schulen wird nicht mehr viel übersetzt, es werden auch nicht mehr so viele Vokabeln gelernt. Man muss praktisch von null auf hundert hochschalten, wenn man hierherkommt“, sagt der Altphilologe Felix Mundt, der mit den Schüler-Studenten zusammen am Tisch sitzt und Tacitus' „Germania“ liest.

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