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Professor für Nachhilfe : Notarzt der Studenten

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Prof. Dr. Alfred Ziegler, außerplanmäßiger Professor für Physik an der Universität Osnabrück, genannt „Ziegi“. Bild: F.A.Z./Julian Trauthig

Viele Studenten sind überfordert. Die Uni Osnabrück will ihnen helfen und hat Alfred Ziegler zum ersten Professor für Nachhilfe berufen. Nun hält er die Vorlesungen von Kollegen einfach nochmal.

          Irgendwann hat Alfred Ziegler die Vorlesung eines Kollegen einfach noch mal gehalten. Vormittags hörten die Studenten Analysis bei einem Mathematikprofessor, nachmittags erklärt Ziegler, außerplanmäßiger Professor für Physik an der Universität Osnabrück, den Studenten Schritt für Schritt, was der Kollege ihnen da eigentlich sagen wollte. Er brauchte dafür manchmal sogar einen eigenen Raum, weil so viele Studenten kamen, dass es in seinem Büro zu eng wurde.

          In diesem Wintersemester ist es noch nicht so weit, noch scheint die Panik vor der Klausur nicht groß genug zu sein. Doch an diesem Mittwochnachmittag kommt immerhin der erste Student aus der Vorlesung vorsichtig in den Raum geschlichen. „Ist hier das Büro von diesem Herrn Ziegler? Ich habe Probleme mit den Übungsblättern fünf und sechs“, sagt er zaghaft, „ich verstehe irgendwie das Grundsätzliche gar nicht.“ Ziegler lächelt kurz, verschränkt seine Arme und eröffnet dem Studenten in wenigen Sätzen eine neue Welt.

          Ziegler sieht sich als Notarzt der Studenten. An seiner Bürotür hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Wir bringen Sie durch!“. Daneben hängt ein Blatt Papier, von Studenten geschrieben: „Ohne Ziegler ist alles doof.“ Über die Wegweiser, die zu seinem Büro zeigen, ärgert er sich. „Student coaching“ steht dort. „So ein Quatsch, wer denkt sich nur so was aus?“

          „Eigentlich dürfte es mich nicht geben“

          Ziegler, 63 Jahre alt, macht den ganzen Tag nichts anderes, als Studenten die Welt der Physik und Mathematik so zu erklären, dass sie sie verstehen. Von morgens bis abends beantwortet er die Fragen. Er forscht nicht, sondern hat einfach nur eine offene Bürotür, wenn er nicht gerade eine Übung oder Vorlesung hält. Ziegler selbst kennt keine vergleichbare Stelle an einer anderen Universität. Denn er ist, wie sein Titel schon verrät, kein einfacher wissenschaftlicher Mitarbeiter.

          Er ist Diplommathematiker, promoviert und habilitiert in Physik, hat den höchsten akademischen Grad erlangt, den es in unserem Bildungssystem zu erreichen gibt. Eigentlich sollte er Spitzenforschung betreiben. Doch er wird vom Staat für Nachhilfe bezahlt. Eine Aufgabe, die eigentlich seine Professorenkollegen mit ihren Assistenten leisten müssten. „Eigentlich dürfte es mich nicht geben“, sagt er.

          Geschaffen wurde seine Stelle im Jahr 2008. Dem damaligen Dekan war aufgefallen, dass selbst fortgeschrittenen Studenten viele Grundlagen bis zum Abschluss fehlten. In die Sprechstunden der Dozenten kam trotzdem niemand, und die Abbrecherquote in den Naturwissenschaften war hoch. Die Universität beschloss deshalb, zwei neue Professuren zu schaffen für Personen, die sich nur intensiv um die Studenten kümmern sollten. Eine für theoretische Physik und Mathematik, die mit Ziegler besetzt wurde und eine für experimentelle Physik mit einem Kollegen.

          „Ohne Ziegi wäre ich nicht mehr hier“

          Der Andrang bei Ziegler war so groß, dass seine befristete Stelle im Gegensatz zur Stelle seines Kollegen bald entfristet wurde und er nun die paar Jahre bis zum Ruhestand jeden Morgen seine Tür aufschließen darf und einfach wartet, bis Studenten kommen. Oft stehen sie sogar schon vor der Tür, wenn er morgens kommt, mittags gehen sie gemeinsam in die Mensa. Seitdem die Lokalzeitung über ihn berichtet hat, kommen sogar manchmal Studenten von anderen Hochschulen zu ihm und fragen um Rat.

          „Kennen Sie eigentlich die Geschichte vom Arago-Fleck?“, fragt Ziegler in die Runde von fünf Studenten, die mittlerweile in seinem Büro sitzen. Einer der Studenten bereitet sich auf eine mündliche Prüfung vor und will generelle Tipps haben. Ziegler erzählt ihm nun die Geschichte vom französischen Physiker Arago und seinem akademischen Gegenspieler im 19. Jahrhundert, die sich darüber stritten, ob sich mitten in einem Schatten ein heller Fleck befinde oder nicht, und damit über die Frage, welche physikalischen Eigenschaften das Licht hat. „Wenn sie also in der Prüfung merken: Oh, jetzt weiß ich nicht weiter, dann erzählen Sie einfach diese Geschichte.“ Man solle immer den Verlauf der Prüfung selbst in der Hand behalten und nicht dem Professor die Möglichkeit geben, einzuhaken. „Lenken Sie einfach ab, aber schweigen Sie nie.“

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