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Akademisierung : Linguistik in der Kita

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Hebammen mit Bachelor- und Erzieherinnen mit Master-Titel: Einige Ausbildungsberufe werden akademisiert. Ob sich das später auch auszahlen wird, ist noch ungewiss.

          Nach dem Abitur wollte Luisa Küpper „etwas mit Menschen machen“, am liebsten im Gesundheitsbereich. Sie habe überlegt, Medizin zu studieren. „Das schien mir aber viel zu theorielastig“, sagt sie. Jetzt ist sie im dritten Semester an der Bochumer Hochschule für Gesundheit im Studiengang Pflege eingeschrieben, in zwei Jahren will sie ihr Studium mit einem Bachelor of Science abschließen.

          Der akademische Titel liegt Luisa Küpper am Herzen, eine Ausbildung zur Pflegerin wäre für sie nicht in Frage gekommen. Auf ihrem Abiturzeugnis steht die Note 1,6. „Ich wollte mein Abi unbedingt nutzen“, sagt die 21-Jährige.

          Hochschule statt Berufsschule

          Auch andere „typische“ Ausbildungsberufe werden im Zuge ihrer Akademisierung für Abiturienten attraktiver: Einen Bachelor können jetzt angehende Erzieher, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen machen. Bislang ging der Nachwuchs im Gesundheitsbereich mit einem Haupt- oder Realschulabschluss an eine Berufsfachschule. Manche haben im Anschluss oder parallel noch einen Aufbaustudiengang absolviert und schmückten sich dann mit dem Bachelor-Titel.

          Heute kann der Weg dahin auch von vornherein an einer Hochschule beschritten werden; „primärqualifizierend“ heißt das im Hochschuldeutsch. Mancherorts wird auch noch ein Master angeboten.

          Entwicklungen im Beruf und Forschungsbedarf begegnen

          Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Trend besonders auf den Berufsfeldern Gesundheit, Bildung und Erziehung zu beobachten ist. Personalmangel in den Kitas und Krankenhäusern, der demographische Wandel, alte und kranke Menschen allerorten - folgt man der seit Jahren schwelenden Debatte und glaubt man den Vorhersagen der Berufsvertreter, dann werden dort die Veränderungen besonders groß sein.

          “Die Anforderungen an das pädagogische Personal werden künftig noch weiter ansteigen“, sagt Klaus Fröhlich-Gildhoff, der die Einführung eines der ersten Bachelor-Studiengänge für Erzieher „Pädagogik der Frühen Kindheit“ im Jahr 2004 an der Evangelischen Hochschule Freiburg begleitet hat. Eltern und Bildungspolitiker klagten und klagen über zu wenig und nicht ausreichend qualifiziertes Fachpersonal in den Krippen und Kindergärten.

          Stärker als bislang müssten Erzieher die Kompetenz mitbringen, mit Eltern zusammenzuarbeiten und sich mit anderen Bildungszentren und Einrichtungen zu vernetzen. Außerdem habe die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schon 2004 darauf hingewiesen, dass in Deutschland kaum eigenständige Forschung auf dem Gebiet der Frühkindlichen Pädagogik stattfinde.

          Studium und klassische Ausbildung sollen parallel bestehen

          Mittlerweile gibt es nach einer Auflistung der vom Bundesbildungsministerium geförderten Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Wiff) mehr als sechzig Bachelor- und Master-Studiengänge in Deutschland. Die angehenden Frühpädagogen lernten im Studium, eine „forschende Haltung“ in ihren Berufsalltag einzubringen, sagt Fröhlich-Gildhoff.

          Beispiel Sprachförderung: Studierte Erzieher hätten Kenntnisse vom sprachwissenschaftlichen Hintergrund der Förderungsprogramme und linguistischen Strömungen. „Sie können dann besser entscheiden, welches Programm auf die jeweilige Einrichtung und auf das einzelne Kind passt“, erklärt der Pädagoge. Es gehe aber nicht darum, die Erzieher-Ausbildung nur noch über die Hochschulen laufen zu lassen - seiner Einschätzung nach sollten etwa 15 Prozent der Kräfte studiert haben.

          Lobbyieren, probieren und dann evaluieren

          So sehen es auch die Vertreter der Pflege und der anderen Medizinfachberufe. Die Fachverbände fordern seit Jahren eine Akademisierung ihrer Profession. In den meisten anderen Ländern sei ein Studium schon längst üblich; die Absolventen müssten auch außerhalb Deutschlands dieselben Berufsmöglichkeiten haben. So hat die Fachhochschule Osnabrück den ersten Bachelor-Studiengang in Deutschland, der Hebammen ausbildet, „Bachelor of Science in Midwifery“ getauft.

          Obwohl die Krankenhäuser eine weitere Verteuerung der Pflege befürchten und die Gewerkschaften bangen, dass sich eine Zwei-Klassen-Belegschaft herausbildet, hat die Lobby einen Teilerfolg errungen: Im Jahr 2009 haben Bundestag und Bundesrat ein Gesetz verabschiedet, das eine Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten einführt. Die Berufsgruppen dürfen primärqualifizierende Studiengänge erproben, heißt es im Gesetz. 2015 werden sie evaluiert.

          Die Studenten sollen Forschungsergebnisse kritisch reflektieren können

          Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen - sie alle sollten in der Lage sein, Studien zu lesen und daraus Schlüsse für die Behandlungen zu ziehen, heißt es aus den Berufsverbänden. Schließlich sei gerade die Medizin eine Disziplin, in der unermüdlich geforscht werde und neue Erkenntnisse produziert würden, die es kritisch zu reflektieren gelte.

          Schon die Geburt eines Menschenkindes sei mittlerweile eine viel kompliziertere Angelegenheit als früher. Hebammen müssten die neuesten Techniken kennen und entscheiden, wann ein Kaiserschnitt nötig oder wie der Damm zu retten sei, sagt Claudia Hellmers, Professorin im Studiengang Bachelor of Midwifery. Die Branche brauche „reflektierte Praktikerinnen“, sagt sie.

          Obwohl die Leiter der Berufsschulen sagen, alles Wissenswerte lerne man auch in einer nichtakademischen Ausbildung, wollen auch die Nachbardisziplinen ihren Bachelor: Angehende Logopäden lernten zum Beispiel nur im Studium, dass eine Chemotherapie die Mundschleimhaut nahezu auflösen könne, sagt Hilke Hansen, die im integrierten Studiengang Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie an der HS Osnabrück lehrt.

          Schon seit einiger Zeit verlangen die Krankenkassen etwa von Physio- und Ergotherapeuten unter dem Stichwort „evidenzbasierte Pflegepraxis“ Nachweise über die Wirksamkeit ihrer Behandlungen - die Kompetenz, diese auch richtig zu verfassen, komme in der Ausbildung aber oft zu kurz, sagt Hansen.

          Absolventen müssen „das Defizit in der Versorgungskette ausgleichen“

          Alle Medizinberufe müssen sich auf die häusliche Pflege ihrer Patienten und Klienten einstellen. Nicht nur Mütter mit ihren Neugeborenen werden vermehrt ambulant versorgt, sondern auch alte, pflegebedürftige Menschen. Deshalb sollten zum Beispiel Physiotherapeuten wissen, wie sie bettlägrige Patienten mit Dekubitalgeschwüren behandeln müssten, sagt Angelika Heck-Darabi vom Berufsverband.

          Andreas Lauterbach, Leiter des Pflege-Studiengangs an der Bochumer Hochschule für Gesundheit, nennt eine Entwicklung, die manche unter vorgehaltener Hand als „Trend zur blutigen Entlassung“ bezeichneten: Die Krankenkassen zahlten mittlerweile Fallpauschalen für eine Behandlung, deshalb müssten Patienten schon wenige Tage nach einer Operation das Krankenhaus verlassen.

          „Welche Behandlung benötigt jemand, der neun Tage nach einem Schlaganfall schon wieder nach Hause geschickt wird?“, fragt Lauterbach. Die meisten Hausärzte hätten dafür nicht das nötige Fachwissen - Absolventen mit einem Pflege-Bachelor aber schon, glaubt der Professor. Sie könnten das „Defizit in der Versorgungskette“, wie Lauterbach es beschreibt, ausgleichen.

          Ob die Bildungsinvestion sich auch finanziell lohnt, ist nicht sicher

          Ob das Defizit im Gehalt ausgeglichen wird, bis die studierten Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Hebammen und Erzieher mit ihren Bachelor-Titeln auf den Arbeitsmarkt kommen, ist aber fraglich. Die Verfechter der Akademisierung hoffen, dass die Berufe gesellschaftlich aufgewertet und besser entlohnt werden.

          Ein Drittel der Absolventen des Studiengangs Frühkindliche Pädagogik arbeite in Krippen und Kitas und werde nicht besser bezahlt als die Kollegen ohne Bachelor-Titel, sagt Fröhlich-Gildhoff. Ein weiteres Drittel nimmt Führungspositionen ein - etwa bei Trägern der Kinderbetreuung - oder ist in der Fachberatung tätig; sie verdienen dann mehr als ein Durchschnitts-Erzieher. Bisher gab es für Erzieherinnen, Pflegerinnen oder Physiotherapeuten auch kaum Aufstiegsmöglichkeiten. „Mehr als irgendwann einmal einen Kreißsaal zu leiten war für eine Hebamme bislang nicht möglich“, sagt Hellmers. Manche sorgen sich hingegen, ein „akademisches Proletariat“ auszubilden.

          Luisa Küpper möchte sich in ihrem dritten Semester noch keine Gedanken über ihre berufliche Zukunft machen. Trotzdem: Sie und ihre Kommilitonen wollten schon, dass ihr Bachelor-Titel später vom Arbeitgeber honoriert werde. „Die müssen uns schon was bieten“, sagt sie.

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