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Akademisierung : Linguistik in der Kita

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Die Studenten sollen Forschungsergebnisse kritisch reflektieren können

Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen - sie alle sollten in der Lage sein, Studien zu lesen und daraus Schlüsse für die Behandlungen zu ziehen, heißt es aus den Berufsverbänden. Schließlich sei gerade die Medizin eine Disziplin, in der unermüdlich geforscht werde und neue Erkenntnisse produziert würden, die es kritisch zu reflektieren gelte.

Schon die Geburt eines Menschenkindes sei mittlerweile eine viel kompliziertere Angelegenheit als früher. Hebammen müssten die neuesten Techniken kennen und entscheiden, wann ein Kaiserschnitt nötig oder wie der Damm zu retten sei, sagt Claudia Hellmers, Professorin im Studiengang Bachelor of Midwifery. Die Branche brauche „reflektierte Praktikerinnen“, sagt sie.

Obwohl die Leiter der Berufsschulen sagen, alles Wissenswerte lerne man auch in einer nichtakademischen Ausbildung, wollen auch die Nachbardisziplinen ihren Bachelor: Angehende Logopäden lernten zum Beispiel nur im Studium, dass eine Chemotherapie die Mundschleimhaut nahezu auflösen könne, sagt Hilke Hansen, die im integrierten Studiengang Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie an der HS Osnabrück lehrt.

Schon seit einiger Zeit verlangen die Krankenkassen etwa von Physio- und Ergotherapeuten unter dem Stichwort „evidenzbasierte Pflegepraxis“ Nachweise über die Wirksamkeit ihrer Behandlungen - die Kompetenz, diese auch richtig zu verfassen, komme in der Ausbildung aber oft zu kurz, sagt Hansen.

Absolventen müssen „das Defizit in der Versorgungskette ausgleichen“

Alle Medizinberufe müssen sich auf die häusliche Pflege ihrer Patienten und Klienten einstellen. Nicht nur Mütter mit ihren Neugeborenen werden vermehrt ambulant versorgt, sondern auch alte, pflegebedürftige Menschen. Deshalb sollten zum Beispiel Physiotherapeuten wissen, wie sie bettlägrige Patienten mit Dekubitalgeschwüren behandeln müssten, sagt Angelika Heck-Darabi vom Berufsverband.

Andreas Lauterbach, Leiter des Pflege-Studiengangs an der Bochumer Hochschule für Gesundheit, nennt eine Entwicklung, die manche unter vorgehaltener Hand als „Trend zur blutigen Entlassung“ bezeichneten: Die Krankenkassen zahlten mittlerweile Fallpauschalen für eine Behandlung, deshalb müssten Patienten schon wenige Tage nach einer Operation das Krankenhaus verlassen.

„Welche Behandlung benötigt jemand, der neun Tage nach einem Schlaganfall schon wieder nach Hause geschickt wird?“, fragt Lauterbach. Die meisten Hausärzte hätten dafür nicht das nötige Fachwissen - Absolventen mit einem Pflege-Bachelor aber schon, glaubt der Professor. Sie könnten das „Defizit in der Versorgungskette“, wie Lauterbach es beschreibt, ausgleichen.

Ob die Bildungsinvestion sich auch finanziell lohnt, ist nicht sicher

Ob das Defizit im Gehalt ausgeglichen wird, bis die studierten Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Hebammen und Erzieher mit ihren Bachelor-Titeln auf den Arbeitsmarkt kommen, ist aber fraglich. Die Verfechter der Akademisierung hoffen, dass die Berufe gesellschaftlich aufgewertet und besser entlohnt werden.

Ein Drittel der Absolventen des Studiengangs Frühkindliche Pädagogik arbeite in Krippen und Kitas und werde nicht besser bezahlt als die Kollegen ohne Bachelor-Titel, sagt Fröhlich-Gildhoff. Ein weiteres Drittel nimmt Führungspositionen ein - etwa bei Trägern der Kinderbetreuung - oder ist in der Fachberatung tätig; sie verdienen dann mehr als ein Durchschnitts-Erzieher. Bisher gab es für Erzieherinnen, Pflegerinnen oder Physiotherapeuten auch kaum Aufstiegsmöglichkeiten. „Mehr als irgendwann einmal einen Kreißsaal zu leiten war für eine Hebamme bislang nicht möglich“, sagt Hellmers. Manche sorgen sich hingegen, ein „akademisches Proletariat“ auszubilden.

Luisa Küpper möchte sich in ihrem dritten Semester noch keine Gedanken über ihre berufliche Zukunft machen. Trotzdem: Sie und ihre Kommilitonen wollten schon, dass ihr Bachelor-Titel später vom Arbeitgeber honoriert werde. „Die müssen uns schon was bieten“, sagt sie.

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