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Agrarwissenschaften : Der Bauer ist ein Bachelor

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Bild: F.A.Z./Tresckow

Von wegen Kuhstall und Gummistiefel: Die Landwirtschaft bietet auch Akademikern gute Chancen. Gesucht sind Fachleute für Futtermittel, Saatgut und Maschinen - auf der ganzen Welt.

          Bauern trügen Gummistiefel, habe sie gedacht, sagt die junge Betriebswirtin. Das änderte sich, als sie in der Personalabteilung des Pflanzenzuchtunternehmens KWS im niedersächsischen Einbeck eingestellt wurde. „Göttingen ist ganz in der Nähe“, sagt sie, „und ich bin ganz schnell eines Besseren belehrt worden: dass nicht alle Agrarwissenschaftler Gummistiefel anhaben.“ Sie spricht diese Sätze im Audimax der Christian-Albrechts-Universität Kiel, wo ein Karrieretag für Studenten landwirtschaftlicher Fachrichtungen stattfindet. Mehrere hundert Studenten hören zu, sie lächeln nur milde über die Schmonzette von den Gummistiefeln, denn sie wissen längst: Karrieren in der modernen, industrialisierten Landwirtschaft laufen nach denselben Mustern ab wie in anderen Konzernen - bildungsbasiert und international.

          Im Foyer vor dem Hörsaal haben eine Reihe von Unternehmen ihre Stände aufgebaut. Auf den Tischen liegen deutsch- und englischsprachige Stellenausschreibungen für Praktika oder Einstiegsjobs. Einen „Leiter der Arbeitsgruppe Molecular Breeding Zuckerrübe (m/w)“ sucht der Saatguthersteller KWS, der in diesem Geschäftsjahr einige Absolventen der Agrarwissenschaften einstellen will. KWS beschäftigt auf der ganzen Welt rund 3500 Mitarbeiter. Mehrere Traineestellen sind derzeit ausgeschrieben, sie sind auf zwei Jahre angelegt und führen zwei Monate ins Ausland. Vakant sind Einstiegsstellen auch im „Vertrieb Mais“ oder die Position eines „Brandmanagers“ im Bereich „Zuckerrübe“. Viele der Unternehmen suchen wissenschaftliche Mitarbeiter, auch Chemiker, Molekularbiologen und Agraringenieure. Traineeprogramme bieten wie KWS fast alle in Kiel vertretenen Unternehmen an, meistens für Absolventen der gängigen Spezialisierungsrichtungen der akademischen Landwirtschaftsausbildung: Tier-, Pflanzenzucht oder Agrarökonomie.

          Nicht anders als auf Berufsmessen für Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaftler

          An diesem Tag werben die Unternehmen an der Universität Kiel, nicht anders als auf Berufsmessen für Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaftler, mit internationalen Karrieren, Programmen zur Mitarbeiterentwicklung und mit Sportangeboten für Mitarbeiter. Sie zeigen Weltkarten mit Unternehmenssitzen von Nordamerika bis Ostasien und reden aufgeregt von asiatischen Wachstumsmärkten und dem idealen Lebenslaufdesign. „Die BASF hat auch eine eigene Weinkellerei“, heißt es in einem Vortrag. „Unsere Kantine ist sehr gut“, sagt die Referentin von KWS.

          Das Werben der oft auch mittelständischen Unternehmen zeigt, dass Absolventen in der Branche derzeit gesucht sind. Gute Englischkenntnisse sind meistens Einstellungsvoraussetzung. „Wir können die Nachfrage von Unternehmen im Moment gar nicht decken“, sagt der in diesem Segment seit vielen Jahren selbständige Personalvermittler Barthold Plaß. Die Knappheit sei seit Mitte des vergangenen Jahres zu beobachten. „Es ist immer mehr der studierte Landwirt gefragt. Ideal ist es, wenn er vor dem Studium noch eine Lehre als Bankkaufmann oder Landwirt gemacht hat.“

          Chancen für Akademiker bieten sich weniger in der praktischen Landwirtschaft, sondern vor allem im Agribusiness, das wegen der Technisierung und der fortschreitenden Arbeitsteilung floriert. Denn die meisten praktizierenden Bauern in Deutschland sind selbständig und führen - obgleich sie oft selbst studiert haben - den Hof der Familie weiter. Großbetriebe in der Tier- und Pflanzenproduktion aber, vor allem in den neuen Bundesländern, stellen auch Akademiker ein, zum Beispiel ein Schweinehaltungsbetrieb einen Herdenmanager oder einen Assistenten der Geschäftsleitung. Je spezialisierter ein Absolvent sei, desto besser die Einstellungschancen, sagt Personalvermittler Plaß. Wer zum Beispiel seine Bachelor- und Masterarbeit über Schweinefuttermittel geschrieben habe, sei sehr leicht unterzubringen, Allrounder hingegen schwieriger.

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