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Abitur : Einser-Inflation und Noten-Ungerechtigkeit

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Abi ist nicht gleich Abi - darüber wollen nun auch die Kultusminister diskutieren. Bild: dpa

In den kommenden Tagen befassen sich die Kultusminister mit der Frage, wie vergleichbar unsere Abiturnoten sind. Vorab ist klar: Die Diskrepanzen zwischen den Ländern sind riesig. Aber werden wirklich auch immer mehr Einser vergeben?

          In diesen Wochen gehen an vielen Gymnasien in Deutschland die Abiturprüfungen zu Ende - in den allermeisten Fällen mit dem begehrten Reifezeugnis. In einigen Bundesländern werden aber wohl wieder deutlich bessere Noten bejubelt als in anderen. Zudem gibt es Hinweise, dass mancherorts die Noteninflation immer weiter um sich greift – und die Traumnote 1,0 deutlich häufiger vergeben wird als in der Vergangenheit. In Niedersachsen etwa hat sich die Zahl der Schüler, die mit Bestnote abschließen in den vergangenen sieben Jahren fast verdoppelt, wie aus Zahlen des dortigen Kultusministeriums hervorgeht, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wurden.

          Der Streit über Wert und Gerechtigkeit des Abiturs ist wieder voll entbrannt. Erst kürzlich hatte auch die Zeitschrift „Spiegel“ Daten der Kultusministerien und des Statistischen Bundesamtes zum Thema ausgewertet. Das Ergebnis: Der Anteil der Einser-Abiturienten, aber auch der Durchfaller weicht in manchen Bundesländern regelmäßig deutlich vom Bundesdurchschnitt ab. Jetzt steht das Thema auf der politischen Agenda: Die Kultusministerkonferenz (KMK) will sich an diesem Donnerstag und Freitag in Berlin mit einer stärkeren Vereinheitlichung von Abituraufgaben zwischen den Bundesländern befassen.

          Wie groß die Diskrepanzen sind, zeigen einfache Zahlenbeispiele. In Thüringen etwa schlossen 37,8 Prozent aller Kandidaten mit der Eins vor dem Komma ab, in Niedersachsen indes mit 15,6 Prozent nicht mal halb so viele (bundesweit: 23,3 Prozent). Auch der Notendurchschnitt klaffte auseinander - zwischen 2,17 in Thüringen und 2,61 in Niedersachsen. Der Anteil der Abiturnoten mit einer Eins vor dem Komma stieg derweil fast durchgängig an.

          Gibt es die „Einser-Inflation“?

          Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisierte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA: „Die nachweisbare massive Zunahme von Einser-Schnitten liegt sicher nicht daran, dass in Deutschland bei Abiturienten plötzlich eine Leistungsexplosion stattgefunden hat.“ Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Sachsens Bildungsministerin Brunhild Kurth (CDU), sieht hingegen keine „Einser-Inflation“: „Eine Krise des Abiturs sehe ich nicht - überhaupt nicht.“ Sie erkenne vielmehr den Wunsch von immer mehr Eltern, „dass ihr Kind einen guten Entwicklungsweg nimmt. Dies spiegelt sich in einer leichten Tendenz zur Verbesserung von Prüfungsnoten wider.“ Gute Abi-Leistungen seien also „nicht verwunderlich“. Kurth: „Noch etwas kommt hinzu: Vielleicht leisten unsere Lehrerinnen und Lehrer ja einen ganz tollen Job?“

          Auf dem Weg zu einer stärkeren Vereinheitlichung des Abiturs wollen die in der KMK zusammengeschlossenen Länderressortchefs trotz aller Föderalismus-Differenzen am Donnerstag und Freitag in Berlin ein Stück vorankommen. Es geht um den Aufbau eines Pools „mit orientierendem Charakter für den Abituraufgabenpool ab 2017“. Kurth fordert: „Wir müssen zu Vergleichbarkeit kommen. Das hat auch etwas mit Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu tun.“ Denn der Notenschnitt spiele eine wichtige Rolle bei der Studienplatz-Vergabe.

          Sechs Länder (Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein) sind schon vorangegangen und haben gemeinsame Abituraufgaben oder Aufgabenteile in Mathematik, Deutsch und Englisch verwendet. Nun kommt Brandenburg bei Deutsch hinzu, 2016 Bremen bei Deutsch und Mathematik. Bis 2017 sammeln die Länder dann in einem Pool Abituraufgaben, geprüft vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Theoretisch sei dann sogar denkbar, „dass alle die gleichen Aufgaben wählen“, sagt KMK-Chefin Kurth. Zudem gebe es 2017 erstmals in 14 Ländern gleichzeitig ein Mathe-Abi.

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