https://www.faz.net/-gyl-7pryy

Büchergeld wird umbenannt : 17.000 Euro nur für Bücher?

  • -Aktualisiert am

Das Bildungsministerium hat das Büchergeld umbenannt. Bürokratie oder kippt diese Unterstützung vom Staat bald ganz? Bild: Rüchel, Dieter

Stipendiaten der Begabtenförderungswerke bekommen über ihr Studium hinweg rund 17.000 Euro so genanntes Büchergeld - egal wie reich ihre Eltern sind. Kritiker fragten: Wer braucht diese Summen nur für Bücher? Jetzt wird das Büchergeld einfach umbenannt.

          Geschieht eine Umbenennung still und heimlich, weckt das Verdacht. Man darf aufhorchen, wenn das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) jetzt, ganz nebenbei, bei Stipendien für Studierende das Wort „Büchergeld“ durch das Wort „Studienkostenpauschale“ ersetzt. Ein kleiner Fang für den Bürokratenjargon? Oder steckt mehr dahinter?

          Das Büchergeld gründete jahrzehntelang auf einem einfachen Gedankengang: In Büchern stehen kluge Dinge, deshalb sollen Studenten sie lesen, aber Bücher kosten Geld, und weil Studenten meist wenig Geld haben, erhalten sie vom Staat ein Büchergeld. Leider gibt es das Büchergeld nicht für jeden, sondern nur für besonders begabte Studenten. Bleibt die Frage, wer als begabter Student gilt. Darüber entscheiden die Begabtenförderungswerke. Neben der Studienstiftung des deutschen Volkes gibt es zwölf kleinere Förderwerke. Alle etablierten Interessengruppen sind vertreten: Parteien, Konfessionen, Gewerkschaften und Arbeitgeber.

          Kritiker bemängeln bloße Klientelpolitik

          Ein Prozent aller Studenten in Deutschland erhält von einem dieser Förderwerke ein Stipendium. Knapp 26.000 Stipendiaten gab es im vergangenen Jahr. Bei der Auswahl sollen akademische Leistungen und gesellschaftliches Engagement im Vordergrund stehen. Zur Förderung gehört neben einem ideellen Angebot in Form von Seminaren und Studienberatung eine finanzielle Unterstützung durchs BMBF. Diese umfasst ein Stipendium, das auf Grundlage des Bafögs berechnet wird und daher vom Einkommen der Eltern abhängt, sowie ein pauschales Büchergeld.

          Seit 1980 gab es 150 Mark für Bücher monatlich. Das war üppig, selbst für einen lesewütigen Studenten im analogen Zeitalter. Nach der Währungsreform rundete das Ministerium den Betrag auf 80 Euro auf. Davon abgesehen, blieb es 30 Jahre lang ruhig ums Büchergeld. Der Clinch begann, als das BMBF ankündigte, die Summe zum Sommersemester 2011 auf 150 Euro pro Monat zu erhöhen. Befürworter sahen darin eine überfällige inflationsbedingte Anpassung. Gegner warfen dem Ministerium mangelnde Bildungsgerechtigkeit vor. Einige Stipendiaten lancierten eine Petition gegen das Vorhaben, andere warben für die Erhöhung.

          Der Protest war fast verhallt, das zusätzliche Geld verplant, da folgte ein Nachschlag. Anfang 2013 ging alles ganz schnell. Am siebten Februar erklärte das BMBF, das Büchergeld werde ab September 300 Euro betragen. (Vom BMBF veranschlagte Zusatzkosten fürs Jahr 2014: 44,8 Millionen Euro.) Eine der letzten Amtshandlungen von Annette Schavan. Das Ministerium betonte, man setze mit der Erhöhung eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag um. Böse Zungen sprachen von „Klientelpolitik“. Sie verwiesen auf die seit Jahren unveränderten Bafög-Sätze und den hohen Anteil von Akademikerkindern im Kreis der Stipendiaten. Außerdem erinnerten sie daran, dass Schavan über Jahre Leiterin des Begabtenförderungswerks der katholischen Kirche gewesen war.

          Nun soll mehr finanziert werden als die Privatbibliothek

          Die Studienstiftung des deutschen Volkes begrüßte die Erhöhung, für die man sich seit Jahren eingesetzt habe. Das neue Büchergeld ermögliche es Stipendiaten, auf Nebenjobs zu verzichten und sich gesellschaftlich stärker zu engagieren. Zudem lobte man die Angleichung an das als Konkurrenz wahrgenommene Deutschlandstipendium. Dieses rein finanzielle Stipendium wird seit 2011 durch Hochschulen vergeben und beträgt pauschal 300 Euro. Ein weiterer Grund zur Freude blieb unerwähnt: Die Förderwerke erhalten auf Gelder des BMBF, die sie an Stipendiaten weiterreichen, eine Verwaltungskostenpauschale von vierzehn Prozent. Der Studienstiftung, die im vergangenen Jahr über elftausend Stipendiaten förderte, beschert die Erhöhung des Büchergelds jährliche Mehreinnahmen in Millionenhöhe. Der zusätzliche Verwaltungsaufwand dürfte damit gedeckt sein.

          Nun keine Erhöhung, sondern eine Taufe. Die Umbenennung des Büchergelds sei, so das BMBF gegenüber der F.A.Z., auf „Anregung der Begabtenförderungswerke“ und „zur Klarstellung“ erfolgt. „Neben der Anschaffung von Lern- und Hilfsmitteln (u.a. Bücher, Hard- und Software) sollen auch studienbezogene Vorhaben wie etwa Sprachkurse oder der Besuch von einschlägigen Fachtagungen und Exkursionen ermöglicht werden.“ Wir notieren: Die 17.000 Euro, auf die sich die Studienkostenpauschale über ein Studium (in Regelzeit) summiert, sind nicht allein für die Privatbibliothek gedacht. Merkwürdig nur: Für die Teilnahme an Sprachkursen und Tagungen können Stipendiaten bereits gesondert Zuschüsse beantragen.

          Ein neuer Name kann das Leben erleichtern. „Studienkostenpauschale“ - dieser wunderbar trübe Begriff erlöst von den Assoziationen lächerlich hoher Büchertürme. Zugleich befreit er von historischem Ballast. Von nun an läuft die Forderung, eine Erhöhung solle zurückgenommen werden, ins Leere. Die Studienkostenpauschale wurde nie erhöht.

          Weitere Themen

          Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

          Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

          Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

          Topmeldungen

          Rennen um May-Nachfolge : Der unerwartete Rivale

          Sollte Boris Johnson genügend Stimmen bekommen, könnte er heute schon als Nachfolger von Theresa May feststehen. Doch Rory Stewart, der als Hoffnung der moderaten Konservativen gilt, will das verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.