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Brisantes Gutachten : Wie Kultusbehörden den Bildungswettbewerb behindern

Kein Wettbewerb in Sachen Schule? Vielleicht mit Absicht nicht. Bild: dpa

Das Schulsystem in Deutschland ist Sache der Länder. Deshalb fallen in den Länderministerien auch spezifische Bildungsdaten an. Ein Gutachten, das der F.A.Z. vorliegt, kritisiert nun, dass diese Daten zurückgehalten würden - mit Absicht.

          Es ist ein Weckruf für die Bildungspolitik, dass sie ins Visier des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundeswirtschaftsministerium gerät. In einem neuen Gutachten, das der F.A.Z. vorliegt und an diesem Donnerstag bekannt gegeben wird, spricht sich der Beirat für mehr Wettbewerb in der deutschen Bildungspolitik aus. Die Autoren fordern vor allem, dass bislang zurückgehaltene länderspezifische Bildungsdaten offengelegt werden.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Das Schulsystem in Deutschland ist Sache der Länder. Deshalb fallen in den Kultusministerien der Bundesländer auch spezifische Bildungsdaten an. Die Gutachter kritisieren, dass diese Daten systematisch zurückgehalten würden. Damit würden Vergleich erschwert oder verhindert. Über Erfolg oder Misserfolg von Bildungsmaßnahmen ließen sich dadurch keine vergleichenden Aussagen treffen.

          Das deutsche Bildungssystem stehe vor zahlreichen Herausforderungen, die die Fachkräftebasis für den deutschen Arbeitsmarkt bedrohen, heißt es in dem Papier. Aktuell bleibt laut Bildungsbericht 2014 jeder Sechste eines Geburtsjahrgangs ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Während es 2014 so viele unbesetzte Lehrstellen gab wie noch nie, sind gleichzeitig mit dem Flüchtlingsstrom seit 2015 Tausende schulpflichtige Kinder ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland gekommen. Das Potential für Fachkräfte sei groß, doch es müsse durch eine effektive, wettbewerbsorientierte Bildungspolitik gefördert werden, heißt es.

          Herausfinden, was wirklich wirkt

          Schon 2013 hatte der Beirat in seinem Gutachten eine „evidenzbasierte“ Wirtschaftspolitik für den Arbeitsmarkt gefordert. Auf der Grundlage von Daten sei zum Beispiel der Arbeitsmarkt reformiert worden. Teure und ineffektive Instrumente wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – kurz ABM – „konnten identifiziert und durch wirksamere Maßnahmen ersetzt werden“, hieß es damals. Das aktuelle Gutachten soll eine ähnliche Wirkung haben. „Durch transparente Berichterstattung und besseren Zugang zu relevanten Daten“ werde es möglich, auch wirksame bildungspolitische Maßnahmen zu identifizieren.

          Seitdem die erste internationale Pisa-Studie im Jahr 2000 die Leistungsfähigkeit fünfzehnjähriger Schüler in den OECD-Mitgliedstaaten verglichen und Deutschland vergleichsweise schlecht abgeschnitten hatte, haben die Landesregierungen unterschiedliche Bildungsmaßnahmen erprobt, etwa das Zentralabitur oder die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Schuljahre (G8). Die Kultusministerien haben in regelmäßigen Erhebungen wie der Pisa-Studie oder dem Nationalen Bildungspanel umfangreiche Datensätze gesammelt und den Bildungsökonomen für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt. In den Rohdaten sei die Bundeslandkennung enthalten und werde vor der Weitergabe der Datensätze bewusst entfernt, heißt es im Gutachten. Damit bleibe der Bevölkerung eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Bewertung einzelner Maßnahmen verwehrt.

          Dabei sehen die Autoren den Wert des Wettbewerbs vor allem darin, dass die Forscher die Politik bei ihren Reformen beraten können. Je besser Wähler informiert seien, desto eher sei zu erwarten, dass sich auch Politiker für bessere Ergebnisse einsetzen. „Mindestens im Nachhinein müssen Wählerinnen und Wähler in die Lage versetzt werden, staatliches Handeln und seine Ergebnisse zu beurteilen.“

          „Es ist politisch gewollt, dass kein Wettbewerb entsteht“

          Doch das sehen wohl nicht alle so. „Kultusbehörden behindern seit vielen Jahren die systematische Erforschung von bundeslandspezifischen Bildungsinitiativen“, sagte die Ko-Autorin Regina Riphahn von der Universität Erlangen der F.A.Z.. Da die Bildungspolitik die wichtigste Länderkompetenz sei, verfolgten Kultusminister kein Eigeninteresse, die ihre eigenen Daten verfügbar zu machen und sich so einer empirischen Bewertbarkeit auszusetzen. „Es ist politisch gewollt, dass kein Wettbewerb im Bildungsbereich zwischen den Bundesländern entsteht.“

          Riphahn hält die Bildungsdatenlage in Deutschland für „skandalös“. Denn gerade der Föderalismus sei für die deutsche Bildungslandschaft eine große Chance. „Eine große Kritik an Pisa war, dass man die Leistungen deutscher Fünfzehnjähriger nicht so einfach mit den Leistungen anderer Schüler in diesem Alter aus dem Ausland vergleichen könnte“, sagte Riphahn. Innerhalb der einzelnen Bundesländer könnten verschiedene Lösungen hingegen in einem eher vergleichbaren Rahmen erprobt und bewertet werden. „Es ist schon heute so, dass wir in allen 16 Bundesländern verschiedene Schulsysteme und verschiedene Reformen ausprobieren“, sagte Riphahn. Nur wisse bisher niemand, ob diese Maßnahmen auch erfolgreich seien.

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