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Bildung : Traditionsreiche Schule der hohen Diplomatie

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In Genf hält nicht nur das Studium einige Lichtblicke bereit Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Am Genfer Institut universitaire de hautes études internationales unterrichten Dozenten aus 18 Ländern. Das anspruchsvolle Studium bietet reizvolle Praxisbezüge. Die Lebenshaltungskosten sind relativ hoch.

          „Sonnengeflecht Europas“ nannte der Schweizer Schriftsteller Gonzague de Reynold in der Zwischenkriegszeit seine Heimat, die seit 1920 in Genf den Völkerbund beherbergte.

          Damals stand das kleine Land im internationalen Rampenlicht und bis zur unrühmlichen Auflösung der Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen im Jahr 1946 engagierten sich Diplomaten des neutralen Landes mit ungewöhnlichem Elan als politische Berater und Konfliktschlichter, um der internationalen Gemeinschaft weitere Kriege zu ersparen.

          Kaum ein Lehrinstitut ist heute stärker international zusammengesetzt

          Die „künftige Hauptstadt des Friedens“, wie die zunehmend internationaler werdende Calvin-Stadt gerne apostrophiert wurde, bot ein günstiges Umfeld für Lehrinstitute, die auf internationale Laufbahnen vorbereiteten. Zu den traditionsreichsten Schulen der hohen Diplomatie entwickelte sich das 1927 eröffnete „Institut de hautes études internationales“, kurz HEI genannt. Seine Gründer, der Westschweizer Diplomat William Rappard und der französische Wirtschaftshistoriker Paul Mantoux, schufen schon damals die Grundlagen für eine weltweit angelegte Lehr- und Forschungstätigkeit. Mit dem Aufstieg des Faschismus entwickelten sich Genf und vor allem das Institut zu einer intellektuellen Zufluchtsstätte für politisch verfolgte Wissenschaftler, unter ihnen der liberale Ökonom Wilhelm Röpke und Ludwig von Mises, die aus Deutschland stammten.

          Nach 1945 trieb der Waadtländer Direktor Jacques Fremond 23 Jahre lang die Öffnung seines Instituts weiter voran. Aus seinem Afrika-Institut entwickelte sich das renommierte „Institut universitaire d'études du développement“, das auf Entwicklungsstudien spezialisiert ist. Kaum ein Lehrinstitut ist heute stärker international zusammengesetzt als das HEI, das etwa fünfzig Dozenten aus 18 Ländern beschäftigt, darunter ein Dutzend Gastdozenten. Rund tausend Studierende, vor allem aus der Schweiz und den anderen europäischen Ländern, beteiligen sich an den Kursen. Das HEI befindet sich in der Trägerschaft einer gemeinnützigen Stiftung und ist mit der Universität Genf traditionell eng verbunden.

          Seite an Seite mit dem künftigen UN-Generalsekretär studieren

          Im vorigen Jahr erhielt das Institut ein Budget von 15 Millionen Franken, knapp über 46 Prozent stammen vom Kanton Genf, den Rest steuern überwiegend der Bund in Bern und weitere Institutionen bei. Privilegierte Beziehungen pflegt die Einrichtung mit den Vereinten Nationen, deren europäische Vertretung in Genf liegt. Auch bei der Schweizer Regierung ist das Institut gut angeschrieben: Sie vergibt regelmäßig Politikforschungsprojekte an das Institut, das Veranstaltungen zu den Themengebieten internationale Geschichte, Politikwissenschaft, internationale Wirtschaft und internationales Recht anbietet.

          Mittlerweile hat das Institut mit Hauptsitz in der Villa Barton direkt am Genfer See einen neuen Direktor, der seiner Lehrstätte international zum Durchbruch verhelfen will: Philippe Burrin, ein 53 Jahre alter gebürtiger Walliser, der selbst am HEI den Doktortitel erworben hat. Er sieht sein Institut künftig als „erste Adresse für Forschung und Lehre“, als diplomatische Kaderschmiede, deren Kursteilnehmer vielleicht demnächst „Seite an Seite mit dem künftigen UN-Generalsekretär“ und weiteren Spitzenbeamten im diplomatischen Dienst studieren werden. Burrin hatte als junger Mann übrigens den Dienst in der Schweizer Armee verweigert und war von der Polizei observiert worden. Der ehemalige Rebell, wie er sich selbst bezeichnet, sieht im Bologna-Prozeß für sein Institut die Chance, „weltweit an Ansehen zu gewinnen“ und vor allem Studienteilnehmer aus den angelsächsischen Ländern nach Genf zu locken. Ein erster interdisziplinärer Abschluß wird angeboten; bis zum Abschluß der Bologna-Reform, die das HEI für 2007 anpeilt, bietet das Institut die Abschlüsse Licence - ein Lizentiat, das man an der Genfer Universität beginnt und zwei Jahre darauf am Institut bis zum Schlußexamen fortsetzt, ein „Diplôme d'études approfondies en relations internationales“ (DEA) und einen Promotionsabschluß.

          Es platzt aus allen Nähten

          Vergleichsweise moderate Studiengebühren dürften mit für einen gewaltigen Bewerberandrang verantwortlich sein: Für das Diplom sind je Semester 1020 Franken fällig, für die Licence etwa die Hälfte. Inzwischen platzt das Institut, das außer der Villa am See noch einige Pavillons im Stadtgebiet besitzt, aus allen Nähten. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Direktor Burrin eine stärkere Unterstützung durch den Bund anstrebt.

          Schweizer Bewerber müssen gegenwärtig einen „gut benoteten“ BA-Abschluß in zwei Fächern vorlegen. Bei Ausländern werde das jeweils eingereichte Dossier sorgfältig geprüft, heißt es.

          Besuche bei internatioanlen Einrichtungen

          Achim Wennmann, der in Brüssel aufwuchs und vor seinem Wechsel nach Genf in England studiert hatte, arbeitet hier an einer Dissertation in internationalen Beziehungen. Der Neunundzwanzigjährige schätzt an den vornehmlich auf englisch abgehaltenen Arbeitsgruppen, daß sie „klein und international gemischt sind und stets ein umgänglicher Ton vorherrscht“. Als wahres Juwel bezeichnet Wennmann die „unwahrscheinlich gut bestückte Institutsbibliothek“, in der vor allem Völkerrechtler mit speziellen Forschungsschwerpunkten fündig werden.

          Trotz relativ starken Leistungsdrucks bei den Studien komme der Praxisbezug in Form von Praktika nicht zu kurz. Abgerundet wird das Studium durch Besuche bei den 17 internationalen Einrichtungen und 120 Nichtregierungsorganisationen, die Genf zum Hauptsitz gewählt haben. Aber auch größere Reisen - etwa zu Verhandlungen des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag - sind fester Bestandteil des, so sagt Wennmann, „sehr breit angelegten Studiums“.

          Das Leben im kosmopolitischen Milieu hat seinen Preis

          Eine besondere Stärke des HEI sieht Wennmann in Veranstaltungen zu den Themengebieten Meditation und Konfliktlösung. „Daran hat man in der Schweiz seit den Zeiten des Völkerbundes systematisch festgehalten“, fügt er hinzu. Chancen böten sich anschließend in internationalen Institutionen, im Entwicklungsbereich, bei einer Großstiftung oder eventuell sogar in der Wirtschaft.

          Neben der Ausbildung bietet das HEI Kursteilnehmern die Möglichkeit, an Projekten des Instituts aktiv mitzuarbeiten und sich dabei etwas Geld zu verdienen. Den Zuverdienst haben Gaststudenten in der 160 000 Einwohner zählenden Stadt bitter nötig, bereits ein Zimmer kostet zwischen 700 und 1200 Franken. Rund 1500 Franken für den Lebensunterhalt ist nach Wennmanns Erfahrung „nicht zu knapp angesetzt“. Unterkünfte seien allerdings nur schwer zu finden. „Der Zeitaufwand bei der Suche wird von den meisten Ausländern kraß unterschätzt“, warnt Wennmann. Der Doktorand weist darauf hin, daß in den verschiedenen Organisationen Beamte, die einen längeren Auslandsaufenthalt dazwischenschieben und ihre Wohnungen nicht aufgeben wollen, ständig temporär Untermieter suchen. Integrationsschwierigkeiten in der untypischsten Schweizer Stadt, in der Einheimische und internationale Gemeinschaft mit einer gewissen Indifferenz nebeneinanderher leben, hat Achim Wennmann bisher nicht kennengelernt: Er fühlt sich in dem kosmopolitischen Milieu bestens aufgehoben.

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