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Bildung : Nicht jeder ist von schwierigen Verhältnissen fasziniert

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„Das mache ich nicht” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein großer Teil der arbeitenden Lehrer geht auf die Sechzig zu und damit bald in Pension. Besonders an deutschen Hauptschulen werden Lehrer gesucht - auch Quereinsteiger haben Chancen.

          Derjenige, der Ulla Griepentrog an die Schule brachte, war ihr Sohn. „Mein Sohn kam 1998 an die Hauptschule, und als ich die Schule und ihr Umfeld kennenlernte, war ich sofort begeistert.“

          Das sagt Ulla Griepentrog über die Hauptschule Aretzstraße in Aachen: eine Schülerschaft mit 35 verschiedenen Nationalitäten, Lage im sozialen Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit, kaum noch Kinder, die sich in gutem Deutsch ausdrücken können. Ulla Griepentrog war damals als Agraringenieurin in einem Büro angestellt und beriet Kommunen bei der umweltfreundlichen Aufbereitung von Abfällen. Heute ist sie 45 Jahre alt, unterrichtet an der Hauptschule Aretzstraße Biologie, Mathematik und Technik und ist Beamtin auf Lebenszeit.

          Wer vor einer deutschen Schulklasse steht, hat längst nicht mehr notwendigerweise ein Lehramtsstudium hinter sich. In den westlichen Bundesländern fehlt es in bestimmten Bereichen an ausgebildeten Lehrkräften, und so ermöglichen die Kultusministerien die Arbeit an der Schule auch für Seiteneinsteiger. Der Förster, der nun Biologie unterrichtet, ist fast schon sprichwörtlich. „Der Mangel hat sich zuerst vor allem an den berufsbildenden Schulen bemerkbar gemacht. Allgemein liegen die klassischen Mangelfächer im technischen, naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich“, sagt Marianne Demmer, stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

          Fehlende Lehrer an Hauptschulen

          Schon wird gelegentlich ganz pauschal der Lehrermangel ausgerufen. Doch so simpel ist die Lage nicht: Der Arbeitsmarkt für Lehrer bietet ein kompliziertes Bild. Zu rechnen ist in den kommenden Jahren mit fehlenden Lehrern vor allem an der Hauptschule - einer Schulart, die ohnehin mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat.

          Gegen einen Lehrermangel mit Seiteneinsteigern vorzugehen ist keine neue Idee: „Mikätzchen“ nannte man nach dem nordrhein-westfälischen Kultusminister Paul Mikat in den sechziger Jahren scherzhaft Frauen, die im Schnelldurchgang für den Lehrerberuf nachqualifiziert wurden. Auf die massenhaften Lehrereinstellungen in jener Zeit folgte eine Dürreperiode. In den achtziger Jahren fanden viele Absolventen des Lehramtsstudiums keine Stelle. „Das Angebot an Lehrern folgt eben dem Schweinezyklus“, sagt Marianne Demmer. Das bedeutet: In Zeiten, in denen Lehrer gesucht werden, nehmen viele junge Menschen das Lehramtsstudium auf - und kommen wegen der Studienzeit erst auf den Markt, wenn es schon wieder zu viele Lehrer gibt. Nun geht ein großer Teil der arbeitenden Lehrer auf die Sechzig zu und damit bald in Pension.

          Etwa die Hälfte der 789.000 hauptberuflichen Lehrer werde bis 2015 aus dem Dienst ausscheiden, prognostizierte die Kultusministerkonferenz (KMK) 2003. Zugleich sagte sie für 2004 einen Einstellungsbedarf von 31.000 Lehrkräften voraus. Nach einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen wurden im vergangenen Jahr allerdings 8.000 Lehrer weniger eingestellt als von der KMK geschätzt, nämlich nur 22.700.

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