https://www.faz.net/-gyl-9gafx

Berufspendler : Pendler sind nicht öfter krank - aber genervt

  • Aktualisiert am

Der Straßenverkehr stresst Pendler. Bild: dpa

Weite Pendelstrecken zwischen Arbeit und Heim liegen im Trend. Das untermauert eine neue Untersuchung. Aber wie krank macht das Pendeln Körper und Seele?

          Pendeln macht krank - heißt es oft. Doch diese Aussage muss man differenziert betrachten, suggeriert jetzt eine neue Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK). Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland (45 Prozent) sind demnach Berufspendler, das heißt, ihr Arbeitsplatz liegt in einem anderen Kreis als ihr Zuhause.

          Für die Studie wurden Daten aus den Jahren 2011 bis 2017 der jahresdurchschnittlich 3,6 bis 4,8 Millionen TK-versicherten Beschäftigten von 15 bis unter 65 Jahren untersucht. Demnach waren Berufspendler mit 13,7 Fehltagen im Jahr 2017 insgesamt einen halben Tag weniger krankgeschrieben als Berufstätige mit kurzem Arbeitsweg (14,2). Von den Beschäftigten, die wohnortnah arbeiten, waren 52,3 Prozent mindestens einmal krankgeschrieben, bei den Pendlern bloß 49,4 Prozent. Als Erklärung geht die TK davon aus, dass weitere Arbeitswege eher von Menschen mit guter Gesundheit in Kauf genommen werden.

          Allerdings sind Pendler mehr von psychisch bedingten Krankschreibungen betroffen. Das gelte vor allem für die weiblichen Versicherten. Laut der Studie entfielen 2017 auf 100 Pendler 242 Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Bei den Beschäftigten mit kurzer Anreise waren es nur 219 Tage. Die psychisch bedingten Fehltage liegen damit bei Pendlern fast elf Prozent höher. Bei Frauen liegt die Differenz sogar bei rund 15 Prozent.

          2016 hatte schon eine andere Studie der TK gezeigt, dass der Straßenverkehr eine der Hauptstressursachen von Erwerbstätigen ist. Ein Drittel gab damals an, sich durch den Straßenverkehr gestresst zu fühlen.

          Bei Männern liegt der Anteil der Beschäftigten, deren Arbeitsort in einem anderen Kreis als ihr Zuhause liegt, höher als bei Frauen. „Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Frauen immer noch mehr Aufgaben Zuhause übernehmen und die Mehrfachbelastung mit Haushalt und Kinderbetreuung weites Pendeln nicht zulässt. Zudem arbeiten Frauen häufiger Teilzeit, so dass lange Wegzeiten bei kürzerer Arbeitszeit nicht lohnen“, sagte Albrecht Wehner von der TK.

          Der Anteil der Pendler variiert in verschiedenen Berufsfeldern. Den höchsten Anteil verzeichnen erwartungsgemäß Beschäftigte im Luftverkehr wie Piloten und Servicefachkräfte sowie Vertriebsmitarbeiter. Auch in vielen IT-Berufen nehmen die Angestellten weite Wege auf sich. Die wenigsten Pendler gibt es in Agrar- und Ernährungsberufen sowie bei Angestellten in privaten Haushalten wie Hauswirtschaftern und Reinigungskräften. Je höher qualifiziert jemand ist, desto größer ist den Daten zufolge übrigens die Wahrscheinlichkeit, dass er weitere Arbeitswege in Kauf nimmt.

          Wie stressig ist das Autofahren?

          Die Studien zeigen auch, dass die psychische Belastung beim Autofahren größer ist als beim Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Untersuchungen aus anderer Quelle sehen das aber differenzierter. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung etwa hat in einer Studie gezeigt, dass Pendlerstress vor allem entsteht, wenn der Pendler selbst mit der Wahl seines Verkehrsmittels unzufrieden ist und vor allem, wenn er die Zeit während des Pendelns als „verloren“ statt als gewinnbringend genutzt empfindet.

          Auch die Pendler selbst haben Einfluss darauf, wie stressig und schädlich ihr Lebensstil für sie ist. Einige Studien zeigen, dass Pendler mehr Fastfood essen, häufiger zu übermäßigem Medienkonsum neigen und insbesondere bei Männern ein erhöhter Alkoholmissbrauch erkennbar ist. Manche Untersuchungen deuten auch darauf hin, dass Pendler weniger Zeit für Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt haben.

          Weitere Themen

          Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

          Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

          Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.