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Zweite Karriere für Priester : Das Leben nach dem Zölibat

Irgendwann wurde es Liebe - und Arbeitslosigkeit Bild: Lucas Wahl / F.A.Z.

Wenn ein Priester sich in eine Frau verliebt, hat er die Wahl: die Beziehung geheim halten - oder arbeitslos werden. Das Priesteramt zu verlieren ist ein Karriereknick der besonderen Art. Denn trotz akademischer Ausbildung haben Priester keine Arbeitslosenversicherung - und keine Erfahrung in der Berufswelt.

          Die Liebesgeschichte von Johannes Wendeler klänge wie eine von vielen, hätte sie ihn nicht seinen Beruf gekostet und seine gesamte Lebensplanung über den Haufen geworfen: Bei einem Autounfall hatte sich Wendeler einen komplizierten Bruch in der Hand zugezogen - und bekam ein Vierteljahr lang Physiotherapie verschrieben. „Ich fand das alles furchtbar ärgerlich“, erinnert sich Wendeler. „Bis ich die Physiotherapeutin kennenlernte“, schiebt er nach und klingt noch immer verliebt. „Wir haben bei jeder Therapiesitzung unheimlich gute Gespräche geführt“, erinnert er sich. „Daraus wurde zunächst eine innige Freundschaft. Irgendwann wurde es Liebe.“ 14 Jahre ist das jetzt her. Wendeler und seine damalige Physiotherapeutin sind heute längst ein Ehepaar.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Dass seine Liebesgeschichte zum beruflichen Problem wurde, liegt daran, dass Johannes Wendeler katholischer Priester ist. Damals war er auch noch ausgerechnet in Köln tätig - unter dem strengen Kardinal Meisner. Knapp ein Jahr lang verheimlichte Wendeler die Beziehung zu seiner jetzigen Frau. „Dann wollte ich nicht mehr mit dieser Heimlichtuerei leben.“ Noch am selben Tag, an dem er Meisner seine Beziehung beichtete, wurde Wendeler von seinem Amt suspendiert. Und war auf einen Schlag arbeitslos.

          Keine Arbeitslosenversicherung - und keine Erfahrung in der Berufswelt

          Die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VKPF), die die Interessen zölibatsbrüchiger Priester vertritt, schätzt, dass ungefähr 20 Prozent aller lebenden Priester weltweit vom Dienst suspendiert sind, die meisten von ihnen aufgrund von Beziehungen zu Frauen. „Der prozentuale Anteil der Suspendierten wird in Deutschland auch um die 20 Prozent liegen“, glaubt der Vorsitzende Claus Schiffgen. Angesichts von mehr als 15.000 Priestern in Deutschland müssten demnach mehrere tausend betroffen sein. Die Katholische Bischofskonferenz hat darüber kein Datenmaterial. Sie erhebt nicht die Zahl der suspendierten, sondern lediglich die der laisierten Priester, also derjenigen, die für immer vom Priesteramt ausgeschlossen sind und für die es keine Rückkehroption gibt: Seit 1997 waren das nur 107.

          Ein Zölibatsbruch mag etliche Probleme mit sich bringen - von heimlichen Küssen hinter geschlossenen Vorhängen bis hin zu Kindern, zu denen der Vater sich nicht bekennen kann. Für alle katholischen Priester gleich ist aber eine handfeste Schwierigkeit: Wenn ihr Verhalten auffliegt, verlieren sie ihren Beruf. „Und das mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen“, wie Claus Schiffgen betont. „Für einen Priester ist das deutlich dramatischer als für viele andere Menschen.“ Denn Priester haben zwar in der Regel eine akademische Ausbildung, aber keine Arbeitslosenversicherung, nur minimale Rentenansprüche und keine Erfahrung in der Berufswelt.

          Als Priester sitze man „in einem goldenen Käfig“, sagt Schiffgen, der selbst auch ein zölibatsbrüchiger katholischer Priester ist und von den Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung berichten kann. „Nachdem ich gewagt hatte auszubrechen, musste ich schmerzhaft feststellen, dass ich keine Ahnung hatte, wie man ein Bewerbungsschreiben formuliert, wie ein Vorstellungsgespräch abläuft und wie man sich überhaupt in der freien Wirtschaft selbst vermarkten und präsentieren muss.“ Das Leben als Priester sei von vornherein darauf ausgerichtet, nie wieder etwas anderes zu machen. Deshalb, so mutmaßt er, vermieden viele Priester, die im Innersten ihres Herzens eigentlich aussteigen wollen, den Schritt der Suspendierung. „Die Angst hält sie im Amt.“

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