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Zweite Karriere für Priester : Das Leben nach dem Zölibat

In welchen Berufen landen die meisten katholischen Priester, nachdem sie suspendiert worden sind? Über lange Jahre war es ein klassischer Weg, beim Arbeitsamt anzuheuern und Berufsberater zu werden. „Das haben Hunderte Priester gemacht“, sagt Schiffgen, „ich selbst habe mindestens zwei Dutzend in meinem Bekanntenkreis.“ Auch Johannes Wendeler ist solch ein klassischer Fall. Nach einem nachgeholten Studienabschluss und einigem Hin und Her hat er es mittlerweile gar zum Teamleiter einer „Arge“ im Oberbergischen Kreis gebracht.

„Wie ein mittelalterliches Lehensverhältnis“

„Ganz so populär wie in den siebziger und achtziger Jahren ist aber der Weg vom Priester zum Arbeitsvermittler heute nicht mehr“, sagt Dieter Court, Berater für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur in Mainz. „Viele versuchen mittlerweile auch als Religionslehrer weiterzumachen oder als Personalentwickler in Unternehmensberatungen.“ Prinzipiell hätten katholische Priester ähnliche Voraussetzungen und Probleme wie andere Geisteswissenschaftler, sagt der Berufsberater. „Es gibt keinen primären Arbeitsmarkt für sie. Bei Priestern kommt dann häufig noch dazu, dass sie sich ihr bisheriges Leben lang in einer wahnsinnigen Sicherheit gewiegt haben und nun plötzlich wissen sollen, wie man sich auf dem freien Arbeitsmarkt verhält.“

Michael Hümmer von der Arbeitsagentur Bamberg ist ebenfalls Berufsberater für Akademiker, hat selbst eine Zeitlang Theologie studiert und kennt sich gut aus in der Szene. „Als Priester steht man mit der Kirche in einem ganz speziellen Dienstverhältnis“, sagt Hümmer. „Das ist kein Arbeitsvertrag, den man einfach kündigen kann.“ Vielmehr gelte die Priesterweihe auf Lebenszeit. „Am ehesten lässt sich das mit einem mittelalterlichen Lehensverhältnis vergleichen.“ Der Priester verspreche bei der Weihe Ehrfurcht und Gehorsam. Ebenso aber verpflichte sich der Bischof mit einem Gelöbnis, für den Priester zu sorgen. „Viele kümmern sich dann tatsächlich auch um Aussteiger und versuchen ihnen den Weg zurück ins normale Berufsleben so weit es geht zu erleichtern“, sagt Hümmer. „Aber das machen längst nicht alle. Es gibt auch Beispiele, in denen zölibatsbrüchige Priester fallengelassen werden wie eine heiße Kartoffel.“

Viele suchten dann ihr Glück in Berufen, in denen gestrandete Geisteswissenschaftler oft eine Notlösung sähen. „Sogar Taxifahrer und Kellner sind dabei, wenn gar nichts anderes mehr funktioniert“, sagt Hümmer. „Erstaunlich viele werden auch Versicherungsvertreter.“ Das liege wohl an der hohen Sozialkompetenz der Priester. „Sie können oft unheimlich gut Bedürfnisse ihrer Mitmenschen erspüren“, erklärt Hümmer. „Dazu gehört auch das Sicherheitsbedürfnis.“ Generell seien ehemalige Priester in Beratertätigkeiten oft sehr gut aufgehoben. Auch therapeutische Karrieren wie Heilpraktiker oder Psychotherapeut kommen in Frage. Das alles gehe natürlich meist nicht von heute auf morgen, sagt Hümmer. „Viele geschasste Priester machen erst mal eine schwierige Phase durch. Ohne Umschulung und Nachqualifizieren klappt es in den seltensten Fällen.“

Claus Schiffgen weiß aus seiner Arbeit, dass die Situation suspendierter Priester dann am schwierigsten ist, wenn auch die Partnerin beruflich betroffen ist. „Ziemlich häufig verlieben sich Priester in Frauen, die selbst im kirchlichen Umfeld tätig sind, in die Gemeindereferentin oder Pastoralassistentin etwa. Dann sind blitzschnell beide ihren Job los.“

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