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Arbeitsbedingungen : Neue Spielregeln für die Online-Welt

Blick in die Goodgame Studios Bild: Henning Bode

Ob Amazon, Zalando oder Goodgame Studios: Die Arbeitsbedingungen in der Internetbranche geraten immer wieder in den Fokus. Was ist dran an den Vorwürfen?

          Die Vorweihnachtszeit beim Hamburger Computerspielehersteller Goodgame Studios war wenig besinnlich. Anfang Dezember erhob die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi schwere Vorwürfe gegen den Produzenten von Strategiespielen wie „Shadow King - Dark Ages“ oder „Empire“, mit denen Spieler sich auf ihren Handys oder im Internetbrowser spielerisch in Phantasiewelten und vergangene Epochen einklinken können.

          Goodgame Studios habe rund 30 von mehr als 1200 Mitarbeitern entlassen, weil sie eine Betriebsratswahl vorbereitet hätten, lauteten die Anwürfe. Zudem äußerte Verdi harsche Kritik an den Arbeitsbedingungen im Hamburger Unternehmen. „Vier Wochen Jahresurlaub, viele Befristungen, und bei einigen gibt es gerade einmal den Mindestlohn - das nenne ich deutlich bad game“, sagte Gabriele Weinrich-Borg von Verdi Hamburg im Dezember in Anspielung auf den Unternehmensnamen.

          Goodgame Studios wies die Vorwürfe damals strikt zurück. Der Grund für die Entlassungen von 28 Mitarbeitern in unterschiedlichen Abteilungen sei aus betrieblichen Gründen erfolgt, sie hätten zum Beispiel weniger geleistet, als das Unternehmen erwartet hatte. „Entgegen anderslautenden Behauptungen haben diese Kündigungen nichts mit dem Ansinnen einer Betriebsratsgründung zu tun“, teilte das Unternehmen der F.A.Z. schriftlich mit. Im vergangenen Jahr habe der Jahresurlaub bei mindestens 24 Tagen gelegen, von diesem Jahr an steige die Zahl auf mindestens 25 Tage.

          Verdi: „Ein Klima der Angst“

          Hinzu komme für schon länger angestellte Mitarbeiter ein zusätzlicher freier Tag je Arbeitsjahr bei Goodgame, sodass insgesamt bis zu 30 Tage erreicht werden könnten. Zudem gebe es einen „gewissen Anteil“ an befristeten Stellen, so wie es auch bei schnell wachsenden Unternehmen üblich sei. Der Anteil der für Mindestlohn beschäftigten Mitarbeiter liege bei 3 Prozent. Und in Sachen Betriebsrat hieß es: „Wenn es der Wunsch der Mitarbeiter ist, einen Betriebsrat zu gründen, unterstützen wir das in jeder Hinsicht.“

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          Vor einigen Tagen kam es dann tatsächlich zu einer Betriebsversammlung, die die Wahl eines Rates vorbereiten sollte. Allerdings sprach sich eine Mehrheit von rund 63 Prozent der gut 1030 anwesenden Mitarbeiter gegen die Gründung einer Mitarbeitervertretung aus. Goodgame Studios kündigte allerdings an, nun eine alternative Form der Vertretung aufbauen zu wollen, „um den Mitarbeitern mehr Mitsprache am Unternehmen zu ermöglichen“. Verdi bedauerte das Ergebnis der Abstimmung und kritisierte, dass es im Vorfeld der Versammlung laut „Aussagen mehrerer Beschäftigter ein Klima der Angst“ gegeben haben soll. Die Gewerkschaft sieht aber „den Beginn einer Diskussion über Mitbestimmung und Gerechtigkeit am Arbeitsplatz in der gesamten neuen Online-Branche“.

          Tatsächlich werfen die Geschehnisse rund um Goodgame ein weiteres Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in den jungen und meist rasant wachsenden Unternehmen der Internetbranche. In den vergangenen Jahren standen meist große Namen aus dem Online-Handel im Mittelpunkt dieser Debatte. Oft geht es dabei um die Behandlung der Arbeitnehmer in Versandzentren. Von A wie Amazon bis Z wie Zalando mussten sich einige der Online-Händler scharfe Kritik von Gewerkschaftsseite gefallen lassen.

          Schwelender Konflikt bei Amazon

          Vor allem der Konflikt beim amerikanischen Großversender Amazon schwelt schon lange. Seit drei Jahren streiken immer wieder Mitarbeiter an den zehn Lagerstandorten in Deutschland, um einen Tarifvertrag für sich und die Kollegen zu erstreiten. Auch hier ist Verdi für den Protest federführend. Sie fordert, das Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Zuschläge für Arbeit an Sonntagen, Feiertagen und Nachtschichten vertraglich zu regeln. Verdi vertritt den Standpunkt, dass die mehr als 13.000 Mitarbeiter in den Lagern im Einzelhandel arbeiten - und daher auch tariflich besser gestellt werden sollten. Das amerikanische Unternehmen geht indes davon aus, dass seine deutschen Beschäftigten in der Logistikbranche tätig sind.

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