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Freizeit ansparen : Mehr Zeit auf dem Konto

Zeit ist Geld, heißt es so schön: Bei Zeitwertkonten gilt das sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes. Bild: dpa

Arbeitszeit für später ansparen: Viele Mitarbeiter finden das prinzipiell eine gute Idee – aber die Umsetzung bleibt schwierig.

          Claas Merfort würde seinen Mitarbeitern gern etwas Gutes tun. Ein Sabbatical, eine Pflegeauszeit, eine längere Fortbildung – alles finanziert aus eigener Arbeit. Schon die Aussicht darauf könnte seinen Mitarbeiter einen echten Motivationsschub geben. Darin ist sich der Geschäftsführer des Wolfsburger Software-Entwicklers Jservice ziemlich sicher. Denn schon zwei seiner Angestellten konnten schon solcherlei Erfahrungen sammeln. Einer dieser beiden Mitarbeiter hat sich aktuell ein ganzes Jahr Pause genommen, um etwas für sich zu tun: Er besuchte Persönlichkeitsseminare, unternahm eine längere Reise nach Asien und hat ein Buch zu schreiben begonnen. Erst im Winter wird der Mitarbeiter wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Kürzlich hat sich Claas Merfort mit ihm getroffen. „Er ist verändert“, sagt Merfort. Das habe man schon nach den ersten Monaten wahrgenommen. Als Arbeitgeber begrüße er das, denn als Softwareentwicklungs-Unternehmen für die Autoindustrie braucht sein Betrieb kreative Köpfe mit frischen Gedanken. Eigentlich wäre es so einfach. Seit einigen Jahren schon bemüht sich Merforts Unternehmen darum, Zeitwertkonten einzuführen. Dieses flexible Instrument erlaubt es, Entgeltansprüche genauso wie Überstunden, nicht genutzten Resturlaub oder Sondervergütungen in ein individuelles Konto einzuzahlen. Tritt dann ein zeitlicher Bedarf ein – sei es, um Verwandte zu pflegen, um eine Familienauszeit oder eine Weiterbildung zu nehmen oder früher in Rente zu gehen –, könnte der aus diesem Konto ausgezahlt werden.

          Doch bislang ist das alles im Konjunktiv formuliert, denn die lokale Sparkasse, die in der ersten Zeit die finanzielle Absicherung der Konten übernommen hat, musste die Zusage auf Betreiben der Sparkassen-Gruppe zurückziehen. Deshalb können Merforts Mitarbeiter derzeit keine weiteren Ansprüche in ihren Zeitwertkonten erwerben. „Dabei sind sie wegen ihrer Flexibilität interessant“, sagt Heinrich Wolter, Steuerberater aus dem nahen Knesebeck, der den Jservice-Geschäftsführer Merfort beim Aufbau seines Zeitwertkontensystems unterstützt hat. „Unter den Mitarbeitern bestand großes Interesse. Für die Geschäftsführung wäre es das Fundament der Personalführung gewesen. Am Ende aber fehlte eine Möglichkeit, Geld durch einen Finanzdienstleister betreuen zu lassen“, sagt Wolter resigniert. Einige Gespräche über Alternativen führe man noch. „Aber ob es in Reinform möglich sein wird, bezweifle ich“, sagt Merfort.

          Hohe Erwartungen, schleppender Einsatz

          Gemessen daran, welche hohen Erwartungen Jservice an dieses Instrument hat, wird es in den Betrieben noch wenig eingesetzt. Die letzte umfassende Erhebung dazu haben TNS Infratest und die Universität Duisburg-Essen vor sieben Jahren gemacht. Zwar gaben 44 Prozent der Betriebe an, auf Zeitkonten innerhalb eines Jahres Gleitzeiten und Überstunden auszugleichen. Langfristige Konten nutzten damals aber nur zwei Prozent der Betriebe. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Mit dem Flexi-2-Gesetz von 2009 regelte die damalige Bundesregierung den Insolvenzschutz der Konten. Viele Unternehmen haben seither den demographischen Wandel zu spüren bekommen und suchen nach Instrumenten, wie sie ihre qualifizierten Mitarbeiter im Betrieb halten können. Einige Tarifverträge haben die Weichen in Richtung Zeitwertkonten gestellt. Als der F.A.Z.-Fachverlag in diesem Januar Geschäftsführer, Personalleiter und Vorstände von mehr als 300 Unternehmen befragte, gaben sogar 74 Prozent an, Gleitzeitkonten zu verwenden, aber diesmal verfügten auch schon 23 Prozent über Erfahrungen mit längerfristigen Zeitwertkonten.

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