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Zeitarbeit : Mit 8,50 Euro an der Schmerzgrenze

Wunsch: vom Leiharbeiter zur Stammkraft Bild: dapd

Die Zeitarbeit hat mit dem Tarifabschluss den möglichen Mindestlohn vorweggenommen. Die Kostenschübe könnten jedoch das Geschäftsmodell gefährden und Arbeitslosen schaden.

          Der bisherige Buhmann am deutschen Arbeitsmarkt ist vorangeprescht. Noch kurz vor der Bundestagswahl schloss die Zeitarbeitsbranche mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) einen neuen Tarifvertrag ab, der Symbolkraft hat. Denn im Januar 2014 werden dank einer Lohnerhöhung von 3,8 Prozent selbst ungelernte Zeitarbeiter in Westdeutschland je Stunde 8,50 Euro verdienen. Im Osten, wo die Zuwachsraten über 4 Prozent liegen, soll diese Marke am Ende der dreijährigen Laufzeit erreicht sein.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die absolute Höhe kommt nicht von ungefähr: Denn auf 8,50 Euro lautet die Forderung nach einem allgemeinen Mindestlohn für Deutschland, mit dem SPD und Grüne in den Wahlkampf gezogen waren und wie ihn der DGB unterstützt. Auch die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen von der CDU freute sich anschließend über die Signalwirkung, die von der Querschnittsbranche Zeitarbeit damit ausgehe. „Für eine positive Nachricht aus unserer Branche war die Aufmerksamkeit noch nie so groß“, sagt Dieter Traub, Geschäftsführer des Personaldienstleisters Orizon. Und Andreas Dinges, Deutschland-Geschäftsführer des in der Schweiz beheimateten Adecco-Konzerns, hofft, „dass die öffentliche Negativdiskussion um die Zeitarbeit beendet ist“.

          Teuer erkauft

          Doch der politische Erfolg, wenn er sich denn als solcher entpuppt, wäre teuer erkauft. Denn neben der reinen Entgelterhöhung setzten die Gewerkschaften weitere Forderungen wie eine verbesserte Fortzahlung im Krankheitsfall durch, die den Einsatz der Zeitarbeit für den Kunden deutlich verteuern.

          Zudem schlagen in diesem Jahr erstmals die im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Branchenzuschläge voll in den Bilanzen durch. Diese besagen, dass die Lohnkluft zwischen einem Leiharbeiter und der Stammkraft im Kundenunternehmen mit zunehmender Einsatzdauer ausgeglichen wird. Diese Unterschiede bestehen vor allem bei geringqualifizierten Tätigkeiten in den Industriebranchen. Weil die Zeitarbeit schon in der Vergangenheit, allerdings von niedrigem Lohnniveau kommend, Zuwächse von insgesamt rund 20 Prozent vereinbart hat, trifft Adecco-Chef Dinges mit einer typischen Floskel aus dem Arbeitgeberlager die derzeitige Stimmung in der Branche womöglich auf den Kopf: „Wir sind an unsere Belastungsgrenze gegangen.“

          Der Kunde muss mehr als den nackten Lohn zahlen

          Zwar zeigen sich die meisten Zeitarbeitsanbieter überzeugt, dass die Kunden auch diesen Preisanstieg mitgehen werden. „Wie bereits bei Tariferhöhungen in der Vergangenheit nehmen wir an, dass die Kunden diese auch akzeptieren werden“, sagt etwa Klaus Eierhoff, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Tempton. Sein Kollege Traub von Orizon setzt darauf, dass die relativ niedrige Arbeitslosigkeit sowie die demographische Entwicklung die Kunden überzeugen werden, „für gute Leistung auch gute Löhne und Verrechnungssätze zu zahlen“. Denn was oft vergessen wird: Der Kunde kommt nicht nur für den Lohn auf, sondern muss auch noch eine Vermittlungs- und Ausleihgebühr an das Zeitarbeitsunternehmen entrichten, bei dem die Leihkraft fest angestellt ist. Dieser nach außen demonstrierten Zuversicht zum Trotz war schon zur Einführung der Zuschläge aus der Branche zu hören, dass längst nicht alle Kunden diese akzeptierten oder Nachlässe an anderen Stellen forderten, was die Margen unter Druck setze.

          Von Seiten der Kunden hält man sich offiziell noch bedeckt. Es sei zu begrüßen, dass der Tarifabschluss noch mitten im Wahlkampf zustande gekommen sei. „Dadurch haben die Kundenunternehmen drei Jahre Planungssicherheit gewonnen“, heißt es aus dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie stellen die größte Kundengruppe der Personaldienstleister dar. Etwa jeder vierte der rund 800.000 Zeitarbeiter kommt hier zum Einsatz. Die Zahl schwankt jedoch je nach Konjunkturverlauf. Waren es im Aufschwung 2011 rund 241.000 im Durchschnitt, schätzt Gesamtmetall das Volumen derzeit noch auf 190.000, was auch der schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet ist. Als weiterer Grund wird die vor allem nach Einführung der Zuschlagsregeln zunehmende Praxis genannt, neues Stammpersonal aus Zeitarbeitern zu rekrutieren. Gerade die Automobilhersteller sind diesen Weg verstärkt gegangen, zuletzt etwa Daimler. Doch die jüngsten Kostensteigerungen spielen ebenso für die Reduzierung eine Rolle. Auch aus der Metallbranche ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass die „Schmerzgrenze erreicht“ sei.

          Rund zwei Drittel der Zeitarbeiter kommen aus der Arbeitslosigkeit

          In einer Einschätzung sind sich allerdings Kunden wie Anbieter einig: Die Leidtragenden der höheren Kosten werden Geringqualifizierte und Arbeitslose sein. Immerhin rekrutiert die Zeitarbeit rund zwei Drittel ihres Personals aus der Arbeitslosigkeit, und 35 Prozent der Zeitarbeiter sind Hilfskräfte. „Je geringer qualifiziert die Mitarbeiter sind, umso schwieriger ist es, sie zu den neuen Tarifen zu überlassen“, sagt Dieter Traub von Orizon. Tempton-Chef Eierhoff fügt an: „Wir gehen davon aus, dass zum einen der Druck auf die unteren Entgeltgruppen steigen wird und zum anderen die Tendenz zur Rationalisierung in den Unternehmen zunehmen wird.“

          Wissenschaftlich belegen lassen sich die Thesen nicht, wie Elke Jahn vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg bemerkt. Der hohe Anteil der Hilfskräfte in der Zeitarbeit zeige jedoch, „dass die Betroffenheit schon groß ist“. In der Theorie ist die „Schmerzgrenze“ für einen Arbeitgeber erreicht, wenn der Lohn für einen Mitarbeiter dessen Produktivität überschreitet. Dann wird er ihn nicht mehr weiterbeschäftigen wollen. Ob dies in der Zeitarbeit mit 8,50 Euro in der Stunde der Fall ist, lässt sich nicht berechnen. Das hänge jeweils auch davon ab, welche Alternativen zur Zeitarbeit das Kundenunternehmen habe. Eines sei jedoch klar, sagt Jahn: Die Anpassungslast für einen zu hohen Lohnabschluss müssten immer die Arbeitnehmer am untersten Ende der Skala zahlen.

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