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Zeitarbeit : Die geliehene Krankenschwester

  • -Aktualisiert am

Wenig Zeit, viel Arbeit Bild: Frank Röth

Zeitarbeit gibt's jetzt auch im Krankenhaus. Jahrelang haben die Kliniken am Personal gespart. Nun leihen sie sich die fehlenden Pfleger, OP-Schwestern und Hebammen.

          Mit den schwangeren Frauen, die Julia Gincberg im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin betreut, spricht die Hebamme selten darüber, dass sie von einer Zeitarbeitsfirma kommt. "Es ist komisch zu sagen: Ich bin die Leasing-Hebamme", sagt sie. "Das hört sich an wie ein Auto, das vermietet wird." Die Patientinnen können es aber an ihrem Namensschild erkennen, dass Gincberg von der Zeitarbeitsfirma Time & More kommt und nicht etwa fest angestellt ist bei der Klinik, in der sie gerade arbeitet. "Wir machen aus der Zeitarbeit im Krankenhaus kein Geheimnis", heißt es dazu bei Time & More.

          Das ist auch nicht notwendig, denn Gincberg ist genauso gut ausgebildet wie ihre Kolleginnen in der Klinik. Sie arbeitet auch fast genauso viel, macht Schichten mit, kennt die Arbeitsabläufe und die Kollegen. Nur ihren Vertrag, den hat sie nicht mit der Klinik, sondern mit Time & More abgeschlossen. "Es gibt zu viele Hebammen und immer weniger Kinder. Neueinstellungen sind in vielen Häusern zurzeit gestrichen", sagt Gincberg.

          Umsatz steigt rasant

          Ihr Arbeitgeber Time & More hat sich auf Zeitarbeit in der Gesundheits- und IT-Branche spezialisiert und wurde im April von Adecco gekauft. Grund für den Einstieg des Zeitarbeits-Weltmarktführers war wohl das schnelle Wachstum der kleinen Firma. "Zurzeit steigt der Umsatz um 40 Prozent im Jahr", sagt Bernd Sydow, der Time & More vor zehn Jahren gegründet hat. Denn im Krankenhaus sind Leiharbeiter längst gefragt. Ob Hebammen wie Gincberg oder das Pflegepersonal - in größeren Städten mit mehreren Krankenhäusern gibt es sie alle auf Zeit.

          Nur bei Ärzten gibt so gut wie keine Zeitarbeit. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt viel zu gefragt, als dass sie sich darauf einlassen müssten. Dass die Zeitarbeit vor allem in der Pflege rapide zunimmt, hat mit den Einsparungen der Kliniken in der Vergangenheit zu tun. "Das Pflegepersonal ist mittlerweile so knapp, dass alle festen Mitarbeiter voll gebraucht werden", sagt Sydow. "Sobald eine Pflegekraft ausfällt, gibt es Probleme. Die anderen schaffen es nicht, ihre Arbeit mit zu übernehmen."

          Also wende man sich an Zeitarbeitsfirmen, die solche Engpässe schnell ausgleichen können. Sydow hält es für sinnvoll, dass ein bis vier Prozent des Klinikpersonals über Zeitarbeit beschäftigt werden.

          Nur für Ballungsräume

          Das funktioniert nur in Städten oder Ballungsräumen, wo es mehrere Krankenhäuser gibt. So können die leiharbeitenden Krankenschwestern oder Hebammen in verschiedenen Häusern aushelfen.

          Gincberg zum Beispiel arbeitet meistens im Auguste-Viktoria-Klinikum. Sie war aber auch schon in zwei anderen Häusern in Berlin beschäftigt. An drei Tagen musste sie dabei auf Stationen einspringen, die nichts mit Geburt zu tun hatten. "Es ist schwierig, wenn man immer wieder in ein unbekanntes Team reinkommt", sagt sie. Aber: "Der Job steigert die Selbständigkeit. Ich habe viel gelernt."

          Time & More beschäftigt mittlerweile über 400 Mitarbeiter. Seinen Service will Sydow nun als Tochtergesellschaft von Adecco deutschlandweit anbieten. Der Bedarf sei da. "Immer mehr Klinikbetreiber setzen aktiv Personaldienstleister ein", sagt Sydow. Es gebe dabei keinen Unterschied zwischen öffentlichen, kirchlichen und privaten Klinken. "Alle drei Gruppen agieren in gleicher Weise."

          Doch nicht alle sehen die Leiharbeiter gleich gerne in ihrem Konzern. Gerald Meder, Personalvorstand der Rhön-Klinikum AG, sagt: "Ich will nicht ausschließen, dass es in Engpass-Situationen schon einmal dazu kommt, dass bei uns Zeitarbeitskräfte eingesetzt werden. Ich halte davon aber wenig." Es sei besser, Kontinuität mit eingearbeiteten Kräften zu haben.

          Im Berliner Vivantes-Konzern, dem größten kommunalen Krankenhaus-Unternehmen, dagegen nennt Franziska Mecke, Direktorin für Pflege- und Betreuungsmanagement, den Einsatz qualifizierter Leasingkräfte "eine gute Lösung bei kurzfristigen Personalengpässen", zum Beispiel wenn sich eine Pflegekraft kurz vor Schichtbeginn krankmelde oder eine Grippewelle umgehe. Die Ausgaben für Leasingkräfte stiegen bei Vivantes von 7,5 Millionen Euro im Jahr 2005 auf 9,1 Millionen Euro 2006.

          Julia Gincberg ist eine dieser Kräfte. Sie hätte trotz guter Erfahrungen bei Time & More lieber einen Vertrag mit einem Krankenhaus. Das liegt weniger am Verdienst, der mit knapp über tausend Euro netto im Monat nur wenig unter dem der Klinik-Hebammen liegt. Der große Nachteil sei aber, dass sie nie wisse, ob ein Tag frei bleibe oder ob sie kurzfristig irgendwo als Ersatz einspringen müsse. "Man ist immer auf dem Sprung."

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