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: "Wo ich schrieb, da waren Fehler"

  • -Aktualisiert am

Flüchtigkeitsfehler oder permanente Schreibschwäche? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Was tun mit einem Mitarbeiter, der nicht vernünftig lesen und schreiben kann? So denken die meisten Arbeitgeber. Was sie nicht wissen: Legastheniker sind nicht dumm. Und sie bringen analytisches Denken und Stressresistenz mit.

          Bei der Deutschen Bank ist man bass erstaunt. "Legasthenie?" Das sei nun wirklich kein Thema. Ähnlich klingt es in fast allen Personalabteilungen erfolgreicher deutscher Unternehmen. "Keine mess- oder spürbare Problematik", formuliert man bei der EDAG AG in Fulda. Kein Fall bekannt, heißt es bei Capgemini in Berlin. Auch die Erklärung wird zumeist noch mitgeliefert. "Schließlich", betont nicht nur der Sprecher der Deutschen Bank, "liegt der Akademikeranteil in der Bank längst bei über 50 Prozent." Auch bei ESG in München ist man deutlich: "Wir beschäftigen fast ausschließlich hochqualifizierte Mitarbeiter."

          Wenn Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BvL) solche Aussagen hört, weiß sie nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Seit mehr als 30 Jahren bemüht sich der Verband, der aus einer Selbsthilfegruppe entstanden ist, die Situation von Menschen mit diesen Leistungsstörungen zu verbessern und der Außenwelt klarzumachen: Legasthenie, von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Krankheit anerkannt, hat nichts mit den intellektuellen Fähigkeiten der Betroffenen zu tun. Im Gegenteil: Nicht selten geht sie mit Hochbegabung einher.

          Viel Kraft und Phantasie nötig

          "Von Legasthenie spricht man, wenn jemand trotz ansonsten mindestens normaler intellektueller Fähigkeiten eine ausgeprägte Schwäche beim Lesen- und Schreibenlernen hat", erläutert Professor Gerd Schulte-Körne, Legasthenieexperte der Münchner Uniklinik. Die genauen Ursachen sind bis heute nicht komplett erforscht, die Wissenschaftler sind sich aber einig, dass es eine erbliche Komponente gibt. Sie schätzen, dass etwa drei Millionen Deutsche betroffen sind, Männer häufiger als Frauen.

          Nur wenige prominente Legastheniker bekennen sich wie der Schauspieler Orlando Bloom

          Einer der Männer ist Peter Niedecken. Der Ingenieur, der seinen richtigen Namen auf keinen Fall nennen möchte, ist hochqualifiziert und arbeitet in der Entwicklungsabteilung eines großen deutschen Automobilkonzerns. "Ich kann wirklich nur noch weinen", sagt er über die Aussagen der Unternehmen. Sein Arbeitsalltag sei "Schwerstarbeit". Nicht, weil ihm sein Job keinen Spaß macht oder er ihn nicht beherrscht, sondern weil er Tag für Tag enorm viel Kraft und Phantasie aufbringen muss, um nicht aufzufliegen. Denn davor hat er bis heute Angst. Zu qualvoll waren die Schuljahre, in denen er als Dummkopf gehänselt wurde, zu schweißtreibend die Seminare an der Uni, in denen er panisch am Flipchart stand.

          Schwächen in Mathe versteht jeder

          "Wer öffentlich zugibt, von Mathe keine Ahnung zu haben, stößt überall auf Verständnis", weiß auch Thiemo Grimm, Professor für Humangenetik an der Universität Würzburg. "Wer dagegen zugibt, nicht richtig schreiben zu können, wird sofort als dumm abgestempelt." Grimm weiß, wovon er spricht. Er war schon Professor, als ihm die Ursachen für seine Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben klarwurden - und er öffentlich dazu stand. Trotzdem musste er sich "manch blöde Bemerkung" anhören.

          Als Grimm zur Schule ging, gab es keine medizinische Erklärung für seine Sechsen in Deutsch und Einsen in Mathe. Dass er es überhaupt bis an die Universität schaffte, verdankt er der Hartnäckigkeit seiner Eltern, die aus eigener Erfahrung Verständnis für ihn hatten. Erst auch als bei seinem ältesten Sohn Legasthenie diagnostiziert wurde, wusste Grimm, der heute auch anhand seiner eigenen Familie die genetischen Auslöser der Legasthenie erforscht, warum alles Üben kaum etwas genutzt hatte. Das Krankheitsbild, darüber besteht Einigkeit in der Wissenschaft, lässt sich zwar auch bei Erwachsenen noch verbessern - allerdings nur mit sehr gezielten Therapien. Je früher das Handicap entdeckt wird, umso besser sind die Chancen. Aber wirklich heilbar ist Legasthenie nicht.

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