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Wirtschafts-Senioren : Alte Berater für junge Unternehmen

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Für die Senioren bringt das Netzwerken und Beraten viele Vorteile. „Sie können ihre Kompetenzen und Talente ausleben“, sagt François Höpflinger. Er forscht über Alters- und Generationenfragen und hat viele Projekte begleitet, bei denen Ältere und Jüngere kooperieren. Deren Zahl steigt. Immer mehr Senioren wollen sich engagieren, immer mehr Jüngere davon profitieren. Das ist möglich, weil die Senioren über eine bessere Bildung verfügen, gesünder und aktiver sind als Generationen vor ihnen. Wer bei den Wirtschafts-Senioren einsteigt, hat in der Regel studiert und eine Führungsposition bekleidet oder selbst ein Unternehmen geführt. „Wir suchen auch pensionierte Handwerksmeister, da wir viele Anfragen aus dem Handwerk bekommen“, sagt Friedrich-Karl Marcus aus Hamburg. Der promovierte Pharmazeut war für ein Unternehmen tätig, das natürliche Lebensmittelfarbstoffe herstellte. Bei den Wirtschafts-Senioren in Nordrhein-Westfalen sind ehemalige Banker, Berater, Marketingfachleute, Ingenieure und ein Mathematiker am Werk, in anderen Bundesländern auch Ärzte und Kunsthändler.

Wer früher ein Architektenbüro oder das Marketing eines weltweit tätigen Unternehmens geleitet hat, dem reichen die klassischen Betätigungen für Senioren oft nicht aus. Der möchte nicht nur den Garten umgraben, Kuchen backen fürs nächste Gemeindefest oder Ähnliches. „Für die Älteren ist es wichtig, dass sie ihren Alltag strukturieren, statt nur in den Tag hineinzuleben“, sagt der Soziologe Höpflinger. „Sie wollen à jour bleiben.“

Die Jüngeren müssen das Heft in der Hand behalten

Damit das Netzwerken gelingt, müssten ein paar Regeln eingehalten werden. Dazu gehört, dass nicht nur die Jüngeren bereit sind, von den Älteren zu lernen, sondern auch umgekehrt. Dazu gehört auch, dass beide Seiten ihre Erwartungen und Wünsche offen besprechen. „Es kann problematisch werden, wenn die älteren Leute status- und machtorientiert sind und versuchen, die Projekte der Jüngeren zu dominieren“, sagt Höpflinger. Er nennt es das Sepp-Blatter-Syndrom: das Bestreben, die eigene Sicht- und Arbeitsweise partout durchzusetzen. „Es ist wichtig, dass die Jüngeren das Heft in der Hand behalten“, meint er. Er hat schon einige Projekte scheitern sehen, weil sich die Älteren zu stark eingemischt hatten. Meist geschah das nicht mit einem spektakulären Krach, sondern die Jüngeren zogen sich einfach zurück.

Wer die Seiten der Wirtschafts-Senioren anklickt, findet dort vor allem Fotos älterer Männer. Sie sind in Hamburg fast unter sich. Friedrich-Karl Marcus bedauert das und erklärt: „Vor 45 Jahren war es für Frauen noch nicht so interessant, Betriebswirtschaft zu studieren.“ Wenn sie sich überhaupt an einer Uni einschrieben, wurden sie Lehrerin oder Verlagslektorin, nicht aber Chefin in der freien Wirtschaft.

Einige Männer der älteren Generation haben noch ein recht antiquiertes Frauenbild. Das kann sich auf die Beratung auswirken, zumal etwa ein Drittel der Ratsuchenden Frauen sind. François Höpflinger erzählt von einem Älteren-Netzwerk in der Schweiz. Männer und Frauen sollten auf gleicher Hierarchieebene zusammenarbeiten. Die Männer hatten in ihrem aktiven Berufsleben Führungspositionen inne und dabei stets eine Sekretärin zur Seite. „Anfangs wollten einige von ihnen die Frauen aus diesem Netzwerk in Richtung Sekretariatsaufgaben degradieren“, erzählt der Professor. Er schlägt vor, dass bei so einem Projekt alle auch die einfacheren Arbeiten erledigen - nicht nur beraten, sondern auch Telefonate entgegennehmen und Briefe beantworten.

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