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Kolumne : Die Frage des Patriarchen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Patriarch Kulp kam noch immer beinahe täglich in seine Firma, um seinen Mitarbeitern die alles entscheidende Frage zu stellen: „Was haben Sie heute schon für mich getan?“ Auch Klein konnte dem Chef nicht ewig aus dem Weg gehen.

          Klein war noch in der Probezeit, als er hörte, dass der Chef persönlich beinahe täglich auf dem Firmengelände anwesend war. Kulp trug den Namen einer Dynastie, die er nicht begründet, aber doch zu neuen Höhen geführt hatte, und auch nachdem aus dem Familienunternehmen ein multinational agierender Konzern geworden war, blieb er Mehrheitsgesellschafter und das Gesicht der Firma. Er liebte es, auch heute noch „mit den Menschen“, wie er sagte, zu sprechen. Natürlich ging es ihm dabei nicht ums Geplauder.

          Die anderen erzählten Klein, Kulp liebe es, seinen Mitarbeitern „die Spezialfrage“ zu stellen. Er musste lange danach gesucht haben, aber schließlich hatte er sie gefunden. Sie zielte direkt aufs Herz des einfachsten Hilfsarbeiters wie der höchsten Führungskraft und legte untrüglich offen, wofür es schlug. Sie lautete: „Was haben Sie heute schon für mich getan?“

          Zuerst fand Klein sie gar nicht so schlimm, aber je länger er nach einer befriedigenden Antwort suchte, desto unwohler fühlte er sich bei der Vorstellung, Kulp zu begegnen. Was hätte er schon sagen können? „Ich habe mein Ablagekörbchen für Sie geleert?“ Wohl kaum. Hier der Patriarch, der mit seiner Frage für einen Moment das Geschick des gesamten Konzerns in die Hände des Befragten legt, und dort der kleine Klein, dem nichts weiter einfällt, als zuzugeben, dass er einfach so vor sich hin pusselt wie jeden Tag? Wie sähe die Szene wohl in einem Film aus, fragte er sich. Nicht nur er, sondern zuerst einer, dann mehrere, dann viele Angestellte würden ihre Köpfe hinter ihren Bürotüren hervorstrecken und ihrem Herrn freudig zurufen: „Ich habe den Umsatz gesteigert!“, „Ich habe eine Verbesserung erfunden!“, „Ich habe eine Einsparungsmöglichkeit entdeckt“, und so weiter. Aber so war das Leben nicht!

          Klein kam nicht weiter und nahm sich einfach vor, Kulp aus dem Weg zu gehen, falls er ihm einmal begegnen sollte. Dann aber geschah es. Die Lifttür ging auf, Kulp stand darin, neben ihm ein Assistent, Klein wich einen Schritt zurück, wollte schon sagen, er gehe lieber zu Fuß, doch da hatte Kulp ihn bereits hereingewunken und stellte seine Frage. Klein, dem, wie befürchtet, absolut nichts Passendes einfiel, schlug die Augen nieder. „Sehen Sie? Nur einer von zehn bringt was heraus. Wenn überhaupt“, sagte Kulp zu seinem Begleiter, der eifrig nickte, und dann wieder zu Klein: „Na, dann also: weitermachen. Aber beim nächsten Mal will ich was hören!“

          Auch Klein nickte eifrig, lief, sobald es möglich war, in kurzen Schritten davon und hatte dabei das deutliche Gefühl, zu schrumpfen.

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