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Stimme und Körpersprache : Hast du mich wirklich verstanden?

Hinzu kommt, dass die Sprache des Körpers je nach Geschlecht durchaus variieren kann: „Frauen deuten nonverbale Kommunikation besser, sie nehmen die Ganzheit einer Person wahr“, hat Molcho in Trainings von Führungskräften erfahren, „Männer sind dagegen zu sehr aufs Detail fixiert und müssen zudem noch den beruflichen Rivalen gegenüber ihre Macht demonstrieren.“

Trotz solcher Erkenntnisse fällt die Deutung von Mimik oder Gesten schwer, weil beides von biographischen, kulturell unterschiedlichen Prägungen und persönlichen Erfahrungen verzerrt wird, glauben Wissenschaftler. Angesichts der Komplexität sollte man sich laut Ulrich Sollmann sogar vor schnellen Bewertungen und schematischen Deutungen hüten.

Stattdessen empfiehlt der Sozialwissenschaftler aus Dortmund, bei einer Analyse von Mimik oder Gesten die jeweilige Person über längere Zeiträume zu beobachten und dann deren sozialen Kontext in die Betrachtung miteinzubeziehen. Im Bewerbungsgespräch unter Unbekannten ist das zwar nicht möglich. In Teams oder Gesprächen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern aber schon. Wer sich schon länger kennt, kann besser verstehen, wann sein Gegenüber tatsächlich angespannt oder verunsichert ist.

Wertschätzung für die Stimme

Nicht nur mit Mimik und Gesten werden Botschaften über den Inhalt des Gesagten hinaus vermittelt. Auch die Stimme ist ein Indikator dafür, wie Worte des Gegenübers zu deuten sind – und sie lässt Rückschlüsse zu auf die innere Befindlichkeit des Gesprächspartners. „Dabei kann man durch den Klang der Stimme mentale Blockaden im menschlichen System aufspüren oder sie nur als künstlerisches Ausdrucksmittel nutzen, wenn sie denn zur Persönlichkeit passt“, beschreibt Judith Bergmann das Spektrum.

Interpretationssache: Wie Körpersprache gedeutet wird, hängt von den eigenen Prägungen und Erfahrungen ab.

Ähnlich wie bei der Körpersprache wurden solche Aspekte lange unterschätzt. „Stimme spiegelt die Persönlichkeit und erfordert daher eine entsprechende Wertschätzung“, fordert die Stimmtrainerin. Klangfarbe und Stimmgebung lassen nach der Ansicht von Forschern dabei durchaus Rückschlüsse auf die Seelenlage einer Person zu.

Ursachen für Stimmblockade finden

Bergmann, die als klassische Konzertsängerin ausgebildet wurde, hat die sich daraus ergebenden Chancen frühzeitig genutzt. Nach ihrem Studium in Würzburg und diversen Weiterbildungen machte sie sich als Stimmtrainerin in Neu-Isenburg selbständig. Seitdem versucht sie jenen Klienten zu helfen, die – beruflich oder privat – „nicht gut bei Stimme“ sind und den Ursachen für solche Blockaden auf die Spur kommen wollen.

Zu den klassischen Kandidaten, die von Bergmann in regelmäßigen Einzelsitzungen gecoacht werden, gehört auch Melanie Seifert, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die ehemalige Personalmanagerin war lange in einem mittelständischen IT-Unternehmen tätig, bevor sie sich aus persönlichen Gründen zum Wechsel in die Hotellerie in der Nähe ihres Wohnortes entschloss: „Ich wollte mich mehr um meine Familie kümmern und mehr Kraft durch meine Hobbys schöpfen“, sagt sie. Dabei betreut die zweifache Mutter ihre pflegebedürftige Tochter selbst, tanzte lange in einer Garde und tritt regelmäßig in einem Chor auf.

Stress kann man hören

Durch die Kombination ihrer familiären Situation mit dem hektischen Beruf, in dem Kundenkontakte zum Alltag gehören, kochen manchmal die Emotionen hoch: Die Stimme der eigentlich selbstbewusst und energiegeladen wirkenden Frau klingt dann eng und gepresst. „Der Stress wird hörbar“, sagt sie. Im Beruf ist das nicht gerade förderlich.

In solchen Momenten ist intensives Coaching hilfreich: „Zunächst geht es darum, über die Arbeit an Körperhaltung und Muskeln die innere Spannung zu lösen“, erklärt Bergmann. Durch den Abbau der Blockade wird der Körper schrittweise stabilisiert. Damit ist eine Grundlage erreicht, um den Kern der Blockade zu benennen, zu bewerten und im Dialog zu verarbeiten.

Coaching als Entlastung

In Melanie Seiferts Fall ergab sich die emotionale Belastung durch die momentan angespannte Pflegesituation zu Hause. Das Coaching war für sie entlastend. Sie wirkt nach dem intensiven Training sichtlich entspannt und ist für den Büroalltag wieder gewappnet: Ihren Kunden gegenüber tritt sie gewohnt souverän auf. Unabhängig davon ist ihre Befindlichkeit dem kraftvollen Klang ihrer Stimme zu entnehmen.

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