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Geheimnisverrat : Viele Firmen legen es drauf an

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Egal ob beim Blick durchs Schlüsselloch oder durch Zufall: Wenn Mitarbeiter von Missständen in ihrem Unternehmen wissen, sollten sie mit diesem Wissen nicht alleine gelassen werden. Bild: dpa

Nur etwa die Hälfte der Unternehmen haben Strukturen die es Whistleblowern ermöglichen, ohne Angst vor Repressalien auf Missstände aufmerksam zu machen. Das allein ist schon einer.

          Viele Unternehmen müssen ihre Strukturen für interne Tippgeber, sogenannte Whistleblower, verbessern. Das ist eines der Ergebnisse einer weltweiten Umfrage der international agierenden Anwaltssozietät Freshfields Bruckhaus Deringer und Censuswide. Befragt wurden 2.500 Manager, 500 davon aus Deutschland. Die Studie zeigt bei vielen Firmen deutliche Versäumnisse, ein funktionierendes Vorwarnsystem für Fehlentwicklungen aufzubauen, während gleichzeitig mit 46 Prozent knapp die Hälfte der befragten Arbeitnehmer bereit wären, entsprechende Strukturen zu nutzen.

          Nach Whistleblowing in ihren Unternehmen befragt, gaben 41 Prozent der deutschen Teilnehmer an, dass keine entsprechenden Strukturen bestehen. Knapp 8 Prozent berichteten, das Thema bewusst zu vermeiden, um keine entsprechende Kultur entstehen zu lassen.

          Knapp 40 Prozent hingegen antworteten, dass funktionierende Strukturen für Tippgeber eingerichtet und alle Mitarbeiter vom Zweck und Ablauf der Meldungen über Missstände im Unternehmen informiert seien. Weltweit haben mit 53 Prozent an Zustimmung durch die Befragten sogar über die Hälfte der Unternehmen keine Whistleblowing-Strukturen oder bestehende Strukturen intern nicht bekannt gemacht. Dabei hatte nach der Analyse bereits jeder Vierte der Befragten mit dem Thema Whistleblowing zu tun.

          Die Meisten würden sich zuerst den Vorgesetzten anvertrauen

          Dazu sagt Boris Dzida, Leiter der Praxisgruppe Arbeitsrecht von Freshfields Bruckhaus Deringer in Deutschland: „Unternehmen, die kein Whistleblowing-System einrichten, riskieren, dass Missstände publik werden. Arbeitnehmer könnten dann brisante Interna über Soziale Medien verbreiten oder gleich zur Staatsanwaltschaft gehen. Dann drohen Strafen und ein Imageschaden. Arbeitgeber haben ihre besten Aufklärer im eigenen Unternehmen. Zudem sind Whistleblowing-Systeme in einigen Ländern Pflicht, zum Beispiel für börsennotierte Unternehmen in den USA.” Der Studie zufolge befürchten Mitarbeiter aber noch immer Repressalien.

          Mit 57 Prozent gaben fast zwei Drittel der befragten an, dass Tippgeber Benachteiligungen oder sogar Kündigung befürchten, wenn sie Missstände im Unternehmen melden.  40 Prozent gaben an, dass Firmen entsprechende Strukturen bewusst nicht einrichten, in Deutschland lag der Wert sogar bei 55 Prozent. Dabei antworteten mit 53 Prozent an Zustimmung über die Hälfte der Befragten, dass sie bereit wären, Fehlentwicklungen in der Firma zuerst gegenüber ihren Vorgesetzten zur Sprache zu bringen.

          46 Prozent dagegen zeigen Bereitschaft, Missstände im Unternehmen an eine Aufsichtsbehörde, einen Verband oder die Medien weiter zu geben, wenn Whistleblowing-Strukturen intern nicht richtig funktionieren. Das sei bedenklich, so Boris Dzida, denn: „Zu einem Whistleblowing-System gehört ein glaubwürdiger Schutz des Tippgebers. Wer Angst hat, wegen Whistleblowings gekündigt zu werden, wird lieber schweigen. Dabei sind effektive Whistleblowing-Strukturen nachweislich ein zusätzlicher Schutz gegen Bestechung und Korruption. Manager verringern also ihr eigenes Risiko, wenn sie durch interne Hinweisgeber rechtzeitig auf Missstände aufmerksam werden.“

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