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Weiterbildung : Das Projekt der arbeitslosen Akademiker

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Die Arbeitsagentur ist überzeugt von den Fortbildungen. Bild: dpa

Ob Umzug einer Bankfiliale, Aufbau einer Ölplattform oder eines Badeboots: Projektmanagement-Kurse machen arbeitslose Akademiker fit für allerlei Spezialaufgaben. Sogar fürs Privatleben sind sie nützlich.

          Judith Kobus führt in Köln eine Agentur für Jazzmusik. Mit einer professionell umgesetzten Pressearbeit hilft sie ihrer Kundschaft seit acht Jahren dabei, zum Beispiel Musik-CDs erfolgreich auf den Markt zu bringen. Außerdem zeichnet die 45-Jährige für die PR zahlreicher Jazz-Festivals verantwortlich. Die studierte Kunsthistorikerin wirkt zufrieden mit sich und ihrem Geschäft, doch ihr Berufsleben lief beileibe nicht immer so rund wie im Moment. Vor zehn Jahren schlug sie sich noch mit Gelegenheitsjobs und Zeitarbeit durch, bis sie 2007, eher zufällig, von einer Weiterbildung zur Projektmanagerin erfuhr.

          Sie belegte beim Kölner Weiterbildungsanbieter ATV einen entsprechenden Kurs, gefördert von der Arbeitsagentur. Im Rahmen dieser Fortbildung büffelte sie Betriebswirtschaft und Marketing, erstellte eine Marktanalyse über das Nischengenre Jazz und schrieb schließlich einen Plan für ihr künftiges Business, den sie auch in einer Projektarbeit zur Anwendung brachte. „Der Kurs hat meinem damals wirren Köpfchen die notwendige Struktur gegeben“, sagt die Unternehmerin über die Voraussetzung für den erfolgreichen Start ihrer Agentur.

          Die Arbeitsagentur ist von dieser speziellen Weiterbildung heute offenbar mehr denn je überzeugt. Allein im November und Dezember wurden in ganz Deutschland mehr als 700 geförderte Seminare im Projektmanagement in verschiedenen Schwierigkeitsstufen angeboten, allein 39 in München und 19 in Wiesbaden. Von sehr guten Erfahrungen bei der anschließenden Vermittlung berichtet der Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, Lars Normann. Rund 80 Prozent der Teilnehmer fänden nach der Weiterbildung zum Projektmanager zeitnah eine Stelle. „Im höher qualifizierten Arbeitsmarkt gibt es immer weniger Hierarchien, Handlungsanweisungen sind nicht mehr so starr wie früher, und Fragestellungen in Unternehmen werden vermehrt in Projekten gelöst“, analysiert Normann den Wandel in der Berufswelt. Das löse den steigenden Bedarf an Projektmanagement aus. Gut ausgebildete Akademiker verfügten nach Studium und Auslandsaufenthalt aber oft nicht über die notwendige Theorie und das entsprechende Zertifikat.

          „Die Übungen haben mir beim Bewerbungsgespräch weitergeholfen“

          So ging es auch dem promovierten Chemiker Arne Stindt. Ihn verschlug es nach einem Arbeitseinsatz in Washington, D. C. mit seiner jungen Familie in die Nähe von Bonn, wo ihm seine Arbeitsvermittlerin die Weiterbildung zum Projektmanager empfahl. Nach dem ATV-Sommerkurs resümiert der gebürtige Kieler: „Neben BWL und dem IT-Tool MS Project haben wir auch viele Soft Skills wie Führungs- und Teamqualitäten intensiv trainiert, und zwar vor laufender Kamera. Genau diese Übungen haben mir beim nächsten Bewerbungsgespräch weitergeholfen.“

          Die hohe Bedeutung der sogenannten weichen beruflichen Fähigkeiten bestätigt Stindts Trainer Wolfgang Hahn. „Projekte sind oftmals dann besonders erfolgreich, wenn das Team gut harmoniert - und umgekehrt“, sagt der Volkswirt, der neben seiner Trainertätigkeit unter anderem in der Druckindustrie als Projektmanager arbeitet. Hahn betreut in der Kölner Einrichtung die Projektarbeiten und lernte dabei, dass selbst relativ utopisch klingende Produktideen wie „Urbanes mobiles Gärtnern“ ebenso wie ungewöhnliche Firmengründungen im Markt erfolgreich sein können. Die Bandbreite der von ihm betreuten Projekte reichte vom Umzug einer Bankfiliale über einen TV-Dance-Flashmob und die Errichtung einer Ölbohrplattform bis zu einem Badeboot in Köln.

          Oft winkt nach der Projektarbeit ein Arbeitsvertrag

          Neben der ATV bilden in Köln zum Beispiel auch die mibeg-Institute zum Projektmanager weiter - in beiden Institutionen wurden mittlerweile jeweils rund 800 Akademiker geschult. Die Einstellungschancen der Teilnehmer stehen nicht schlecht. Denn die Nachfrage der Wirtschaft steigt, allein in der IT-Branche seit 2013 um das Fünffache, wie mibeg-Institutssprecher Martin Füg mit Bezug auf eine Studie des Branchenverbandes Bitkom erklärt. Erfolgreiche Absolventen aus seinem Hause erhalten am Ende ein Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM). Ihre Projektarbeit erstellen sie zuvor im Auftrag eines Unternehmens, und vielen winkt nach Auskunft von Füg im Anschluss ein Arbeitsvertrag dieser Firma.

          Zahlreiche naturwissenschaftlich Vorgebildete wurden in der Healthcare-Branche angeheuert, Unterschlupf fanden sie aber auch bei IBM, Unitymedia und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

          Und auch wenn die Fortbildung einmal nicht direkt zu einer neuen Stelle führen sollte, so reicht sie auf jeden Fall fürs Leben, wie es ATV-Leiterin Karin Steiner einmal ein Absolvent erzählte. Der Maschinenbauingenieur wollte zunächst gar nicht teilnehmen, weil ihm der Anteil der weichen Qualifikationen zu hoch erschien. Er überlegte es sich anders und nahm am Ende eine verblüffende Erkenntnis mit nach Hause: „Nach dem Kurs kam er mit Frau und Kindern besser klar als zu Beginn.“

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