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Recruiting mit Podcasts : Füße hoch – und angeheuert

  • -Aktualisiert am

Ganz entspannt zur neuen Stelle? Bild: dpa

Manche Unternehmen setzen auf Podcasts, um potentielle Bewerber zu erreichen – dahinter steckt ein psychologischer Trick.

          Mancher hätte es für einen Scherz halten können: Pünktlich zum 1. April sollte die erste Folge des Daimler-Podcasts Headlights online gehen. Doch der Podcast kam tatsächlich, kein Aprilscherz. In der ersten Ausgabe wird ein echtes Ausnahmetalent von Mercedes interviewt: Stefanie Noll. Mit nur 26 Jahren ist sie Meisterin in der Produktion, trägt Personalverantwortung für rund 40 Mitarbeiter und ist betraut mit der Fertigung der ganz großen Schlitten im Werk, der S-Klasse und dem Maybach.

          Unterlegt mit elektronischer Musik startet der Podcast mit Fragen wie: „Was treibt dich an?“ Und: „Wenn du einen Wunsch frei hättest – welcher wäre das?“ Nolls Antwort: „Auch mal eine S-Klasse zu besitzen.“ Mit dem Podcast will Daimler seine Unternehmensmarke stärken sowie um Kunden und potentielle Mitarbeiter werben. In weiteren Folgen werden – zum Teil auf Englisch – andere Mitarbeiter des Unternehmens interviewt, etwa ein Flüchtling aus Syrien, der eine Ausbildung bei Mercedes macht, ein Testfahrer, aber auch Daimler-Chef Dieter Zetsche.

          Der Autohersteller ist mit diesen Bemühungen nicht allein. Zahlreiche Unternehmen setzen auf Podcasts, darunter der Baumarkt Hornbach: In sogenannten Werkstattgesprächen werden ambitionierte Handwerksprojekte vorgestellt, zum Beispiel ein Holzhaus, das zwei Studenten an einem See in Finnland gebaut haben.

          Audi hat – zum Kampagnenauftakt seines neuen Elektroautos – einen Podcast zum Thema Elektromobilität aufgesetzt. Im Telekom-Podcast sprechen Mitarbeiter des Unternehmens mit Experten, zum Beispiel über „ein neues Mindset im Arbeitsalltag“. In einer anderen Folge philosophiert der ehemalige Boxer Wladimir Klitschko über die Parallelen von Unternehmertum und Leistungssport.

          Sprache transportiert Emotion

          „Unternehmenspodcasts versuchen allesamt, möglichst authentisch Mitarbeiterstimmen einzufangen und als Storys zu transportieren“, sagt Stefan Scheller, HR-Blogger auf Persoblogger.de. Statt austauschbarer Employer-Branding-Kampagnen wollten Bewerber tatsächliche Einblicke in den Arbeitsalltag bekommen und die Kultur spüren, die im jeweiligen Unternehmen herrscht.

          Über Podcasts lassen sich außerdem – so die Hoffnung der Unternehmen – spezielle Nutzergruppen besonders gut erreichen. Knapp drei Viertel der Podcast-Hörer sind zwischen 21 und 35 Jahre alt, also genau in dem Alter, in dem die meisten wohl bereit sind, ihre Stelle zu wechseln. Podcast-Hörer sind außerdem gebildet: 90 Prozent haben Abitur oder einen Hochschulabschluss in der Tasche, wie eine Umfrage des Podcast-Vermarktungsunternehmens Podstars von Mitte 2018 zeigt.

          Mittlerweile hört etwa jeder dritte Deutsche regelmäßig Podcasts, belegt eine repräsentative Umfrage von Splendid Research von Anfang 2018. Die Zahl dürfte inzwischen noch gewachsen sein – und mit ihr die Hörerschaft, die Unternehmen mit Podcasts für Stellen, Projekte und Produkte zu begeistern suchen.

          Beide Studien zeigen zudem, dass Podcast-Hörer relativ offen für Werbung sind, vor allem dann, wenn sie unterhält und an die Interessen der Hörer angepasst ist. Das könnte daran liegen, dass sich die meisten beim Podcast-Hören wohl fühlen, etwa Sport machen, Bahn fahren oder einfach die Füße hochlegen. „Dieses entspannte Konsumieren ist Teil der Erfolgsstory“, sagt Scheller, „da die Entspanntheit auf den Inhalt abfärbt.“

          Und das könnte sich auch auf das Image übertragen, das Unternehmen beim Hörer haben. „Wenn es Unternehmen per Podcast gelingt, Begeisterung für Jobs und Projekte zu wecken, ist schon viel erreicht“, sagt der Personalmarketing-Experte Henrik Zaborowski. „Mehr als über jede Stellenanzeige oder Karriereseite.“

          Videos seien dafür zwar immer noch besser geeignet, glauben Zaborowski und Scheller. Doch die Bildschirm-Zeit der Zielgruppe ist knapp bemessen. Durch das Hören quasi nebenbei seien Podcasts sehr gut geeignet, um potentielle Mitarbeiter zu erreichen, glaubt Scheller. Denn: „Sprache transportiert jede Menge Emotionen. Genau deswegen investieren Unternehmen zunehmend in dieses Medium.“

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