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Serie „Anders arbeiten“ : Virenalarm im Büro

Schnupfennase: Vor allem in Großraumbüros ein Problem. Bild: Getty

Im Büro arbeitet man häufig auf engstem Raum zusammen. Das lieben auch die Grippeviren. Die Büros sind jetzt wieder voll davon.

          Freuen Sie sich bloß nicht zu früh, nur weil Sie in diesem Winter bisher noch von Viren und Bazillen verschont geblieben sind. Erst recht nicht, wenn Sie in einem modernen Büro arbeiten, wo die Kommunikation so intensiv und die Welt so vernetzt ist. Denn erst jetzt beginnt die alljährliche Grippewelle. Von der zweiten Kalenderwoche an schwappt sie alle Jahre wieder durchs Land und dauert meist bis Ende März, so sagen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum sie so spät zuschlägt? Weil es erst einmal ein paar Wochen mit trockener Luft und anhaltend tiefen Temperaturen braucht, um unser Immunsystem richtig zu schwächen. Außerdem ist nach dem Jahreswechsel die große Urlaubszeit vorbei, und alle begegnen sich wieder im Büro. In geschlossenen Räumen, die chronisch schlecht belüftet sind, haben Krankheitserreger dann ein leichtes Spiel – vor allem, weil die vielen Großraumbüros und flexiblen Bürowelten es den Viren noch einfacher machen, so belegen es Studien. Deshalb steigt die Zahl der Grippefälle Jahr für Jahr, ebenso wie die Zahl der Krankentage in Betrieben. Wir raten daher dringend, falls Sie Virenopfer werden sollten: Bleiben Sie mit Ihrer Schniefnase wenigstens zu Hause!

          Genau das nämlich tun die allermeisten Beschäftigten nicht, so krank es auch klingt: Mehr als zwei Drittel aller Deutschen haben sich im vergangenen Jahr auch dann in die Arbeit geschleppt, wenn sie eigentlich ins Bett gehört hätten, so gaben sie selbst in einer Umfrage des Gewerkschaftsbundes DGB zu. Demnach arbeitete jeder Fünfte trotz Krankheit bis zu eine Woche lang weiter, 18 Prozent gar ein bis zwei Wochen, und ganze 30 Prozent schleppten sich länger als zwei Wochen krank ins Büro. Genau das sind die wirklich dramatischen Zahlen zur jährlichen Grippewelle. Denn die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt dringend, dass gerade in Großraumbüros die Ansteckungsgefahr deutlich größer ist als in Einzelbüros.

          Falsch verstandenes Pflichtgefühl

          Nun kann man darüber streiten, was diese Mitarbeiter an die Schreibtische treibt: Ist es wirklich der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, wie der Gewerkschaftsbund mutmaßt? Dagegen spricht, dass rund zwei Drittel der Krankarbeiter ausgerechnet aus medizinischen und Gesundheitsberufen kommen, in denen ja eher Fachkräftemangel herrscht. Zudem erscheinen über die Hälfte der Lehrer und Verwaltungsangestellten trotz Grippe am Arbeitsplatz, also Beschäftigte mit sicheren Posten. Vermutlich ist es eher falsch verstandenes Pflichtgefühl nach dem Motto: „Das bisschen Schnupfen haut mich doch nicht um.“ Arbeitspsychologen mutmaßen, dass bei Großraumangestellten der soziale Druck hinzukomme: Wenn alle Kollegen sehen, welche Schreibtische unbesetzt bleiben, wachse der Druck auf die fehlenden Kollegen.

          Eines aber gilt unbestritten: Jeder schniefende und niesende Mitarbeiter, der im Büro aufkreuzt, vernichtet Arbeitskraft – und zwar nicht nur seine eigene. Denn effizient arbeiten kann er an solchen Tagen ohnehin nicht, er verfügt lediglich über ein enormes Potential, zig andere Kollegen anzustecken. Außerdem schadet er seiner Gesundheit, weil er viel länger für die Genesung braucht und vielleicht sogar chronische Leiden ausprägt. Wer dauernd angeschlagen weiter arbeitet, ist anfälliger für Burnout, mahnen Arbeitspsychologen.

          Zudem bringt er seine Firma um sehr viel Geld. Die Krankarbeiter kosten uns alle Milliarden Euro jährlich, so deutlich muss man es einfach mal sagen, findet die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Sie errechnete in einer aktuellen Studie, dass gerade dieser „Präsentismus“ von kranken Mitarbeitern im Büro jährlich zu direkten Krankheitskosten von rund 130 Milliarden Euro führe. Bleibt ein Mitarbeiter krank zu Hause, kostet er seinen Arbeitgeber im Schnitt rund 1200 Euro pro Jahr. Das ist viel. Doch es kostet die Firma sogar 2400 Euro pro Kopf und Jahr, wenn sich Kranke trotzdem an den Schreibtisch hocken, wo sie mit verminderter Arbeitsproduktivität zu Werke gehen und Fehler oder Unfälle produzieren, die andere ausbügeln müssen. Insgesamt lasse sich der Wertschöpfungsausfall auf rund 225 Milliarden Euro beziffern, schätzt Booz Allen, das entspricht in etwa jedem elften Euro des Bruttoinlandsprodukts. Wobei Erkältungen und Grippe mit Abstand die häufigste Ursache für Fehlzeiten im Büro sind, sagen bundesweite Erhebungen der Techniker Krankenkasse. Im Schnitt fällt dadurch jeder Beschäftigte für eine Woche im Jahr aus.

          In Großraumbüros werden Mitarbeiter häufiger krank

          Einen großen Anteil an dem wirtschaftlichen Schaden durch Präsentismus tragen ausgerechnet die Chefs selbst. Zwar gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die dazu führe, dass kranke Mitarbeiter weiterarbeiten, sagen Gesundheitsforscher: Alter und Geschlecht etwa bestimmen darüber, ob sich jemand schniefend ins Büro setzt. Mittelalte Männer zwischen 30 und 50 scheinen demnach besonders häufig betroffen. Die ganz Jungen und Älteren über 55 dagegen legen sich eher ins Bett. Auch die Arbeitsorganisation spielt eine Rolle: Wer chronisch überlastet ist oder weiß, dass ein Projekt allein von ihm abhängt, wird eher weiterarbeiten.

          Vor allem das Bürodesign bestimmt darüber, wie häufig Erkältungen und Grippe zuschlagen. In Großraumbüros werden Mitarbeiter demnach besonders häufig krank, ermittelte eine Studie der Universität Stockholm, doppelt so oft wie Angestellte in Einzelbüros. Bei Frauen war dieser Effekt besonders deutlich, sie sind in Massenbüros sowohl anfälliger für kurze Krankheiten wie Grippe als auch für längere Fehlzeiten. Männer dagegen reagierten häufiger auf flexible und geteilte Büros ohne feste Sitzplätze, die machen sie nämlich häufiger krank. Solche Kollektivarbeiter neigten auch stärker zu Präsentismus, sagen die Stockholmer Forscher. Generell sei das Thema Office-Design und Gesundheit noch wenig erforscht, sagen sie, doch seien offene Bürowelten offenbar schlechter für die Gesundheit der Mitarbeiter.

          Der alles entscheidende Faktor ist jedoch die Führungskultur in der Firma, so drückt es Utz Niklas Walter aus, Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung: „Die Führungskultur ist das A und O im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Gesundheit und Krankheit werden in der Firma so gelebt, wie die Chefs das vorleben.“ Das gelte einerseits für das Erscheinen am Arbeitsplatz, andererseits für jegliche Art von Prävention. Setzt sich der Vorgesetzte mit Schniefnase in die Konferenz, fühlt sich das Fußvolk natürlich ebenfalls bemüßigt, Stärke durch Präsenz zu beweisen. Die wenigsten Chefs schicken kranke Angestellte geradewegs ins Bett, was aber die weitaus bessere Variante wäre, um effektiv den Krankenstand zu reduzieren, findet Walter.

          Muskel- und Skeletterkrankungen sorgen für mehr Ausfälle als Grippe

          Wenn Automobilkonzerne wie Daimler ihren Mitarbeitern eine jährliche Gesundheitsprämie zahlen, also einen Bonus dafür, sich keinen Tag krankgemeldet zu haben, wundern sich Berater schon sehr: Ist denen nicht klar, dass sie den Präsentismus damit noch verschärfen? Nur wenige bieten wie Unilever Trainings für Vorgesetzte an, in denen Chefs darauf getrimmt werden, auf den Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter zu achten. Täglich, denn krank sind Mitarbeiter längst nicht nur, wenn die Augen tränen und die Nase läuft.

          Die jährliche Grippe ist zwar für fast jede dritte Krankmeldung verantwortlich, aber sie ist auch schnell vorbei. Viel länger dagegen fallen Berufstätige aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen aus. Die Berufsgenossenschaften und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sagen, das liege am vielen Sitzen, das sei das Grundübel aller Büroarbeiter, also jedes zweiten Beschäftigten hierzulande. Es kann zu Haltungsschäden, Verspannungen und chronischen Schmerzen führen. Aber: Oft liegt der Auslöser gar nicht in den Muskeln, sondern im Kopf.

          Die innere Anspannung mache viele Mitarbeiter krank, mahnt Walter. Und auch sie ist überall dort größer, wo sich viele Mitarbeiter Büros teilen: In Großraumbüros maßen Studien dauerhaft höhere Stresslevel bei den Beschäftigten. Rund 14 Prozent der Krankentage schreibt der AOK-Gesundheitsbericht direkt der Psyche zu. Auch eine Reihe von Herzkreislauferkrankungen oder Organschäden wie Gallensteine oder Magengeschwüre lassen sich auf psychische Probleme zurückführen. Die Diagnose „psychische Belastung durch Stress“ stand noch 1980 nur auf 2,5 Prozent aller Krankmeldungen, inzwischen auf 15 Prozent. Und einerlei, ob Stress, Burnout, chronische Erschöpfung oder Depression tatsächlich häufiger auftreten oder nur öfter diagnostiziert werden: „Die psychosozialen Probleme werden künftig noch deutlich an Bedeutung zulegen“, prophezeit Walter. Denn die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freundschaften treibt fast alle Beschäftigten um. Daran ändert auch das flexible Arbeiten nichts – im Gegenteil.

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