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Serie „Anders arbeiten“ : Virenalarm im Büro

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In Großraumbüros werden Mitarbeiter häufiger krank

Einen großen Anteil an dem wirtschaftlichen Schaden durch Präsentismus tragen ausgerechnet die Chefs selbst. Zwar gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die dazu führe, dass kranke Mitarbeiter weiterarbeiten, sagen Gesundheitsforscher: Alter und Geschlecht etwa bestimmen darüber, ob sich jemand schniefend ins Büro setzt. Mittelalte Männer zwischen 30 und 50 scheinen demnach besonders häufig betroffen. Die ganz Jungen und Älteren über 55 dagegen legen sich eher ins Bett. Auch die Arbeitsorganisation spielt eine Rolle: Wer chronisch überlastet ist oder weiß, dass ein Projekt allein von ihm abhängt, wird eher weiterarbeiten.

Vor allem das Bürodesign bestimmt darüber, wie häufig Erkältungen und Grippe zuschlagen. In Großraumbüros werden Mitarbeiter demnach besonders häufig krank, ermittelte eine Studie der Universität Stockholm, doppelt so oft wie Angestellte in Einzelbüros. Bei Frauen war dieser Effekt besonders deutlich, sie sind in Massenbüros sowohl anfälliger für kurze Krankheiten wie Grippe als auch für längere Fehlzeiten. Männer dagegen reagierten häufiger auf flexible und geteilte Büros ohne feste Sitzplätze, die machen sie nämlich häufiger krank. Solche Kollektivarbeiter neigten auch stärker zu Präsentismus, sagen die Stockholmer Forscher. Generell sei das Thema Office-Design und Gesundheit noch wenig erforscht, sagen sie, doch seien offene Bürowelten offenbar schlechter für die Gesundheit der Mitarbeiter.

Der alles entscheidende Faktor ist jedoch die Führungskultur in der Firma, so drückt es Utz Niklas Walter aus, Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung: „Die Führungskultur ist das A und O im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Gesundheit und Krankheit werden in der Firma so gelebt, wie die Chefs das vorleben.“ Das gelte einerseits für das Erscheinen am Arbeitsplatz, andererseits für jegliche Art von Prävention. Setzt sich der Vorgesetzte mit Schniefnase in die Konferenz, fühlt sich das Fußvolk natürlich ebenfalls bemüßigt, Stärke durch Präsenz zu beweisen. Die wenigsten Chefs schicken kranke Angestellte geradewegs ins Bett, was aber die weitaus bessere Variante wäre, um effektiv den Krankenstand zu reduzieren, findet Walter.

Muskel- und Skeletterkrankungen sorgen für mehr Ausfälle als Grippe

Wenn Automobilkonzerne wie Daimler ihren Mitarbeitern eine jährliche Gesundheitsprämie zahlen, also einen Bonus dafür, sich keinen Tag krankgemeldet zu haben, wundern sich Berater schon sehr: Ist denen nicht klar, dass sie den Präsentismus damit noch verschärfen? Nur wenige bieten wie Unilever Trainings für Vorgesetzte an, in denen Chefs darauf getrimmt werden, auf den Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter zu achten. Täglich, denn krank sind Mitarbeiter längst nicht nur, wenn die Augen tränen und die Nase läuft.

Die jährliche Grippe ist zwar für fast jede dritte Krankmeldung verantwortlich, aber sie ist auch schnell vorbei. Viel länger dagegen fallen Berufstätige aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen aus. Die Berufsgenossenschaften und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sagen, das liege am vielen Sitzen, das sei das Grundübel aller Büroarbeiter, also jedes zweiten Beschäftigten hierzulande. Es kann zu Haltungsschäden, Verspannungen und chronischen Schmerzen führen. Aber: Oft liegt der Auslöser gar nicht in den Muskeln, sondern im Kopf.

Die innere Anspannung mache viele Mitarbeiter krank, mahnt Walter. Und auch sie ist überall dort größer, wo sich viele Mitarbeiter Büros teilen: In Großraumbüros maßen Studien dauerhaft höhere Stresslevel bei den Beschäftigten. Rund 14 Prozent der Krankentage schreibt der AOK-Gesundheitsbericht direkt der Psyche zu. Auch eine Reihe von Herzkreislauferkrankungen oder Organschäden wie Gallensteine oder Magengeschwüre lassen sich auf psychische Probleme zurückführen. Die Diagnose „psychische Belastung durch Stress“ stand noch 1980 nur auf 2,5 Prozent aller Krankmeldungen, inzwischen auf 15 Prozent. Und einerlei, ob Stress, Burnout, chronische Erschöpfung oder Depression tatsächlich häufiger auftreten oder nur öfter diagnostiziert werden: „Die psychosozialen Probleme werden künftig noch deutlich an Bedeutung zulegen“, prophezeit Walter. Denn die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freundschaften treibt fast alle Beschäftigten um. Daran ändert auch das flexible Arbeiten nichts – im Gegenteil.

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