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Wandel der Arbeitswelt : Das süße Nichtstun

Chillen im Kornfeld (Ausschnitt eines Gemäldes von Lawrence Alma Tadema von 1876) Bild: AKG

Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.

          Es ist wie mit dem Vater am Strand, der sich auf den Wunsch seiner Kinder eingelassen hat, mit ihnen eine Burg zu bauen. Eine halbe Stunde sind die drei fröhlich zugange, türmen vom Meerwasser getränkten Sand zu großen Haufen auf, klopfen ihn fest, bauen Wege, suchen Stöcke und Muscheln, um die Burg in eine Festung zu verwandeln. Bald gehen die Kinder verloren. Eines ist mit der Stocksuche derart beschäftigt, dass es hinter Dünen verschwindet. Das andere beginnt Steine ins Wasser zu werfen, statt Muscheln zu suchen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An der Burg hockt nur noch der Vater, selbstvergessen baut er weiter, formt immer größere Türme, legt die verbleibenden Muscheln mit unendlicher Langmut in orientalisch anmutenden Mustern auf den Sand, beginnt einen Tunnel zu graben und wird nur einmal hektisch, als eine erste Welle droht, sich einen Teil der Burg zurückzuholen. Jetzt baut er den Wall gegen die Fluten, die mit den Gezeiten den Strand hinaufklettern. Er kann es nicht lassen. Eine Stunde später steht seine Frau vor ihm, gestikuliert. Er schaut sie verständnislos an. Über die Burg hat er die Zeit und sich selbst vergessen.

          Mit sich selbst im Reinen sein

          Der Vater hat sie gefunden, die Muße, nach der wir uns so sehr sehnen. „Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.

          Wer müßig geht, sagt Rosa, der ist in diesem Moment frei von dem habituellen Impuls, irgendetwas jetzt gerade tun zu wollen oder zu müssen. „Dieser Impuls, in unserer freien Zeit schnell noch etwas zu erledigen oder mitnehmen zu müssen, ist inzwischen tief in uns verankert und lässt sich vom Denken nicht mehr steuern.“ Das ist es, was der Muße entgegensteht. Warum eigentlich?

          Wieso ist uns die Fähigkeit zur Muße verlorengegangen?

          Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.

          „Eines gebildeten Menschen würdig war nur, Landwirtschaft zu treiben, ererbte Güter zu verwalten und von deren Erträgen behaglich zu leben“, schreibt der Publizist Eberhard Straub in einem Buch über das Nichtstun. Den Rest erledigten die Sklaven, deren Arbeitspensum allerdings natürliche Grenzen kannte – bedingt etwa durch die Jahreszeiten oder die begrenzte Verfügbarkeit des Tageslichts.

          Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt

          Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.

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