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Vollbeschäftigung in Freising : Was macht eigentlich eine Arbeitsagentur ohne Arbeitslose?

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Michael Schmidt ist Mitglied der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Freising. Bild: Arbeitsagentur

Der Bezirk Freising hat mit 2,4 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote in Deutschland. Was macht eigentlich eine Arbeitsagentur, wenn die Arbeitslosen ausgehen? Ein Gespräch mit Michael Schmidt, Mitglied der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Freising.

          Herr Schmidt, in Freising herrscht Vollbeschäftigung. Schauen Sie sich selbst nach einem neuen Arbeitsplatz um?

          Nein, das brauche ich nicht. Wir haben zwar schon lange eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote. Dennoch herrscht eine hohe Bewegung am Arbeitsmarkt. 2012 hatten wir im Durchschnitt 7000 Arbeitslose im Monat. Aber im gleichen Zeitraum gab es 30.000 Zu- und Abgänge. Deshalb ist es weiterhin wichtig, dass wir für Transparenz am Arbeitsmarkt sorgen. Wir wollen Arbeitslosigkeit gar nicht erst eintreten lassen.

          Das heißt, Arbeitsvermittler werden in der Vollbeschäftigung nicht arbeitslos?

          Ich bin seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Diesen finalen Glückszustand, dass wir nicht mehr gebraucht werden und sich der Arbeitsmarkt durch Angebot und Nachfrage selbst reguliert, den sehe ich noch lange nicht kommen.

          Was machen Sie denn den ganzen Tag, wenn es kaum noch Arbeitslose gibt?

          Neben der Vermittlung kümmern wir uns sehr stark um den Ausbildungsmarkt. Wir versuchen Schulabgänger möglichst schnell und in die richtigen Ausbildungsplätze zu bringen. Dazu müssen wir die offenen Stellen qualitativ gut besetzen und die Zahl der Ausbildungsabbrecher reduzieren. Jeder Jugendliche, den wir auf dem Weg zum Ausbildungsmarkt nicht verlieren, ist eine Fachkraft von morgen mehr. Wir haben eine Jugendarbeitslosenquote von 1,8 Prozent. Aber das ist kein Selbstläufer.

          Was sind überhaupt die Gründe für die gute Entwicklung in Freising?

          Wir sind die Treiberregion der Metropolregion München. Hier gibt es eine gute Mischung; viele kleine und mittelständische Unternehmen, die über unterschiedliche Branchen verteilt sind, was die regionale Wirtschaft krisenfest macht. Dazu kommt der Flughafen München mit 25.000 Stellen als Sonderfaktor.

          Die Arbeitsagentur hat jahrzehntelang Massenarbeitslosigkeit verwaltet, jetzt sollen Sie Fachkräfte für die Vollbeschäftigung ausbilden. Geht ein solcher Schwenk in Deutschlands größter Behörde so einfach?

          Das fällt sicherlich nicht jedem leicht und kann im Einzelfall durchaus zu einem Personal- oder Aufgabenwechsel führen. Aber wir sind ein großes und gut geführtes Unternehmen. Die Arbeitsagentur befindet sich in ständigem Wandel, und wir arbeiten heute sehr zielorientiert. Das ist schon vergleichbar mit normalen Unternehmen, das hat sich deutlich geändert. Wir lassen uns heute auf die Menschen ein und müssen wirtschaftlich handeln. Wenn jemand arbeitslos wird, muss man Empathie aufbringen und einen Veränderungsprozess anstoßen. Man braucht auch viel Verständnis für betriebliche Zusammenhänge.

          Wo finden Sie die Arbeitskräfte, wenn der Markt leergefegt ist?

          Zunächst wollen wir vorhandene Potentiale ausschöpfen. Das gilt vor allem für die Jugendlichen. Daneben arbeiten wir daran, mehr Ältere in den Beruf zu kriegen und Frauen zu unterstützen, die nach der Familienphase wieder in den Beruf einsteigen. Wir haben rund 3 Millionen Euro in diesem Jahr zur Verfügung, um Leuten ohne Berufsabschluss zu helfen. Dazu kommen 2 Millionen Euro für Weiterbildung im Beruf. Diese Menschen sind da, sie wohnen auch in unserer Region. Wir leben hier in einer Zuzugsregion, da liegen wir deutlich über Bundes- und Landesdurchschnitt. Das Problem besteht darin, hier bezahlbaren Wohnraum zu finden. Deshalb ist es einfacher, wenn neue Mitarbeiter schon hier wohnen.

          Gelten die tollen Berufsaussichten nur für Akademiker und Fachkräfte, oder profitieren auch Geringqualifizierte?

          Es profitieren ganz eindeutig auch die Geringqualifizierten. Es gilt aber, je besser die Qualifikation, desto besser auch die Aussichten. Denn insgesamt wird der Helferarbeitsmarkt für Geringqualifizierte immer kleiner, auch wenn gerade der Flughafen noch Möglichkeiten bietet.

          Verändert es die Psyche der Menschen, wenn sie keine Angst mehr haben vor der Arbeitslosigkeit? Werden sie anspruchsvoller und wählerischer?

          Das merke ich nicht. Hier kommt keiner rein und sagt: „Alles kein Problem.“ Wenn jemand seine Arbeit verliert, verändert dies den Menschen. Deshalb versuchen wir schon möglichst früh bei der Suche nach Alternativen zu helfen, damit Arbeitslosigkeit erst gar nicht eintritt. Denn die Gefahr, dass man gerade am Anfang einiges verdrängt und zu optimistisch einschätzt, ist groß. Aber bei uns sind die Lebenshaltungskosten hoch und auch der Druck, sich eine neue Arbeit zu suchen. Da wird Arbeitslosigkeit schnell existentiell.

          Werden Arbeitgeber in der Vollbeschäftigung zu Bittstellern, die sich mit ihren Angeboten für gesuchte Mitarbeiter überbieten?

          Nein, so weit geht es nicht. In unserer Region sind die Arbeitgeber Knappheiten ja seit Jahren gewohnt. Aber zuletzt hat sich die Situation vor allem bei der Ausbildung zugespitzt. Da gibt es immer weniger Kandidaten. Deshalb laden die Arbeitgeber heute schon mal einen Bewerber zum persönlichen Gespräch ein, den sie früher aufgrund seiner Noten vielleicht nicht genommen hätten.

          Was raten Sie Kollegen auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?

          Unsere Erfahrungen zeigen, dass es noch viele Potentiale gibt, die gehoben werden können. Das regelt der Markt nicht von allein, da muss man beraten und unterstützen. Wir können uns noch lange nicht zurücklehnen.

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