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Viele informelle Jobs : Zweifel am indischen Beschäftigungswunder

Wie gut geht es dem indischen Arbeitsmarkt wirklich? Bild: AFP

Ein Akademiker, der als Essenslieferant arbeitet, bewegt die sozialen Medien. Jetzt ist auf dem Subkontinent eine Debatte über Jugendarbeitslosigkeit und Gelegenheits-Stellen entflammt.

          Shouvik Dutta war schockiert, so schockiert, dass er es der ganzen Welt mitteilen musste. Am Abend hatte er sich sein Essen über den Lieferdienst Zomato in Bombay bestellt. Dessen App gibt nun auch ein paar Informationen über den Fahrer preis. So las der Student Dutta, dass Meraj, der Mann, der bei ihm an die Tür klopfte, um das Abendessen zu bringen und ihn dann mit gefalteten Hände um eine gute Bewertung auf der App bat, ein Akademiker war – Vollstudium an der Universität Kalkutta, Aufbaukurs für Finanzberater und nun Essenslieferant. „Es war der berührendste Moment meines Lebens“, schrieb Dutta in den sozialen Netzwerken. Und heizte damit eine Debatte an, die Indien im Vorwahlkampf erregt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Denn nicht nur die Studenten in Indien fragen sich, wie es um ihre Chancen steht. Zwar spricht alle Welt über die weiter wachsende Mittelschicht in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft. Und Menschen wie der Essensfahrer Meraj mögen die Ausnahme sein in einem Land, das nach Regierungsangaben jährlich um knapp 7 Prozent wächst. Doch ist genauso klar, dass die Regierung ihre Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen, nicht eingehalten hat. Nun ist ein Ringen um Zahlen ausgebrochen, das in einem Dickicht harscher gegenseitiger Vorwürfe mündet.

          Außer Frage steht, dass Indien Monat für Monat rund eine Million neuer Stellen schaffen muss, um seine Heranwachsenden von der Straße zu holen. Dabei räumt auch die Regierung ein, dass sich rund 80 Prozent der Beschäftigung im Land der 1,3 Milliarden Menschen im informellen Sektor abspielt – ohne Arbeitsverträge, Versicherungen und Rentenansprüche. Deshalb war das Schaffen von Arbeitsplätzen das beste Wahlversprechen, das Ministerpräsident Narendra Modi vor fünf Jahren geben konnte. Nun aber muss er zum Beispiel in der Wirtschaftszeitung „Mint“ in Anspielung auf die chinesische Geschichte von „einem großen Sprung rückwärts“ mit Blick auf die Beschäftigung in Indien lesen.

          Höchste Arbeitslosenquote seit 43 Jahren

          Die Debatte brach aus, als eine Regierungsstudie durchgestochen wurde. Das Regierungsamt National Sample Survey Office war zu dem Schluss gekommen, dass die Arbeitslosenquote 2017 – Modi war drei Jahre im Amt – den höchsten Stand seit 43 Jahren erreicht habe. Das aber erfuhr niemand, obwohl der Bericht schon im Dezember hätte vorgestellt werden sollen. Dann aber trat der indische Chefstatistiker P.C. Mohanan nach mehr als 30 Jahren Regierungsarbeit zurück, um gegen das Zurückhalten der Daten zu protestieren: „Daten sollten dem Kalender entsprechend veröffentlicht werden, ob sie einem gefallen oder nicht. Wo bleibt sonst die Glaubwürdigkeit des Systems?“ Drei Tage später veröffentlichte die angesehene Zeitung „Business Standard“ die Zahlen, die viel Sprengstoff bargen. Kurz nach deren Publikation erklärten Spitzenbeamte, sie seien unvollständig und ihre Herausgabe nun im März vorgesehen.

          Auslöser der Debatte: Essenslieferant Meraj auf Facebook

          In der Studie ist die Rede von einer offiziellen Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent, ein Wert, der nicht bedrohlich klingt, aber immerhin dreimal über dem liegt, den die Regierung 2012 hatte ermitteln lassen und zugleich so schlecht ist wie zuletzt 1973. Angesichts der rund 500 Millionen Inder im arbeitsfähigen Alter steht allein diese Quote schon für knapp 31 Millionen Menschen ohne bezahlte Arbeit; einschließlich vieler der gut zehn Millionen Jugendlichen, die Jahr für Jahr auf den Markt drängen. In der ländlichen Bevölkerung liege die Arbeitslosenquote unter den jungen Menschen bis 29 Jahre bei gut 17 Prozent, hieß es. Der genauere Blick der Statistiker führte zu der Erkenntnis, dass nur die Hälfte der Arbeitsfähigen über 15 Jahre – weder tätig als Hausfrau oder Student – in Lohn und Brot seien. Sowieso lässt sich die Quote nicht mit jener vergleichen, die zum Beispiel in Deutschland gemessen wird: Denn in Indien zählt schon Arbeit für ein paar Monate im Jahr als Vollbeschäftigung.

          Besonders ungünstig für die Regierung war, dass gleichzeitig die Organisation der herstellenden Industrie erklärte, seit 2016 seien 3,5 Millionen Stellen vernichtet worden. Schlimmer noch: Die Berater des Center for Monitoring Indian Economy legten nach: Allein im vergangenen Jahr seien 11 Millionen Stellen weggefallen. Natürlich sprach die Opposition sofort von einer „nationalen Katastrophe“.

          „Es ist schwer, Menschen zu finden, die unbeschäftigt im Wortsinn sind“

          Die Regierung brauchte ein paar Tage, um sich zu sammeln. Am Wochenende erklärte sie, in den beiden vergangenen Haushaltsjahren (31. März) habe sie allein gut 350.000 Stellen in der Verwaltung geschaffen, wo nun 3,6 Millionen Inder beschäftigt seien. Allein die Eisenbahn habe knapp 100.000 Arbeitsplätze in den vergangenen 24 Monaten kreiert, um nun 1,3 Millionen Menschen zu beschäftigen. Und die Steuerbehörden hätten um 30.000 auf nun 80.000 Stellen aufgestockt. Wirtschaftsstaatssekretär Subhash Chandra Garg sagte: „Es ist schwer, Menschen zu finden, die unbeschäftigt im Wortsinn sind. Es ist mehr ein Problem der niedrigen Löhne als der Nicht-Beschäftigung. Höheres Wirtschaftswachstum, getrieben vom privaten Sektor und durch Regierungsausgaben, sollte der Beschäftigung Schub verleihen.“ Dann fügte er an, dass besonders der Bau Chancen biete: Indien benötige „Tausende Städte“.

          Ins selbe Horn stieß Modi: Im Parlament erklärte er, dass mehr als 630.000 Beschäftigte in den vergangenen vier Jahren erstmals eine Steuererklärung eingereicht hätten, und diese dann auch andere beschäftigten. Und am Montag folgten vom oberen Ende der indischen Industrie gute Nachrichten: Die fünf führenden Datendienstleister des Landes veröffentlichten, sie hätten im vergangenen Kalenderjahr 99.010 Stellen geschaffen, so dass deren Zahl nur bei 1,23 Millionen liege.

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