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#vatertagswunsch : „Mütter und Väter machen bessere Arbeit“

  • Aktualisiert am

Jutta Rump Bild: Frank Röth

Unter den Hashtags #muttertagswunsch und #vatertagswunsch äußern Dutzende Beschäftigte ihre Wünsche für eine familienfreundlichere Arbeitswelt. Personalexpertin Rump sagt, warum Arbeitgeber auf sie hören sollten.

          Frau Rump, unter den Twitter-Hashtags #muttertagswunsch und #vatertagswunsch formulieren derzeit Dutzende Eltern ihre Wünsche an eine Arbeitswelt, in der sie Beruf und Familie besser vereinbaren können. Warum klappt es offenbar in vielen Unternehmen immer noch nicht mit der Familienfreundlichkeit?

          Die haben die Dringlichkeit des Themas einfach noch nicht verstanden! In Deutschland werden Fachkräfte knapp. In der Arbeitswelt 4.0 sind Arbeitnehmer bestens informiert und verhandeln mit Arbeitgebern auf Augenhöhe. Die klassische Bewerberrolle hat ausgedient. Auch wegen des demografischen Wandels müssen Unternehmen sich dringend ihre jüngeren Fachkräfte sichern – denn viele Ältere gehen bald massenhaft in Rente. Und: Dass es diesen Hashtag gibt, kommt nicht von ungefähr. Aktuelle Umfragen zeigen: Familienfreundlichkeit ist für die große Mehrheit der jungen Beschäftigten mit Kindern mindestens ebenso wichtig, wie das Gehalt. Arbeitgeber kommen an der Familienfreundlichkeit 4.0 nicht vorbei.

          Ist das demografische Problem wirklich so dringlich, gerade wenn in der Arbeitswelt 4.0 zunehmend Roboter die Aufgaben der Menschen übernehmen?

          Es stimmt: Die Digitalisierung wird Beschäftigungseffekte haben, die nicht nur positiv sind. Es gibt in diesem Zusammenhang auch den Begriff von der demografischen Chance der Digitalisierung: Manche Lücke, die auf dem Arbeitsmarkt entsteht, werden intelligente Maschinen füllen können. Aber den gesamten Fachkräftebedarf, der entsteht, wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden Roboter nicht auffangen.

          Aber gerade für Mütter und Väter werden sie in der Arbeitswelt 4.0 doch zu bedrohlichen Konkurrenten, oder? Roboter haben nunmal keine Kinder…

          Auch das ist wahr. Dazu kommt sogar noch eine weitere Fragestellung: Menschen und Maschinen werden immer mehr zusammenarbeiten. Wer gibt dann die Taktung vor? Ist es die Maschine, wird sich die Taktung nicht unbedingt nach den Bedürfnissen der Familie des menschlichen Kollegen richten. Aber die Digitalisierung wirkt eben nicht nur einseitig, sondern bietet auch viele Chancen. Unter dem Strich wirkt sie positiv für Arbeitnehmer mit Familien.

          Weil?

          Weil sie flexibles und mobiles Arbeiten ermöglicht, zum Beispiel. Das ist enorm wichtig für Familien. Sie brauchen den Abschied von der Präsenzkultur. Wie wollen sie den ohne Smartphone, Tablet, Cloud und Co schaffen? Außerdem ist es ja nicht immer so, dass Maschinen den Menschen 1:1 ersetzen. Gerade im Dienstleistungsbereich entsteht durch die Digitalisierung die Möglichkeit, dass sich Menschen auch wieder den Arbeitsinhalten zuwenden, in denen sie als Menschen wirklich stark sind.

          Zum Beispiel?

          Der Oma im Altenheim nicht länger den Popo abputzen, sondern lieber am Bett sitzen, sich mit ihr unterhalten, menschliche Interaktion pflegen. Und der Roboterkollege macht die Hygienearbeit. Das ist im Zweifel sogar der Oma lieber. Oder im Einzelhandel: Lieber Kunden beraten, statt Regale einräumen oder Klamotten falten. Dann gehen die Kunden vielleicht wieder lieber ins Geschäft, statt im Internet zu bestellen. Und so führt die Digitalisierung dann auch zu höherer Produktivität.

          Aber führt die Digitalisierung auch zu höherer Familienfreundlichkeit? Wenn Arbeitnehmer ständig per Smartphone erreichbar sind, während sie eigentlich mit den Kindern auf dem Spielplatz im Sand buddeln wollen, hört sich das nicht gerade familienfreundlich an…

          Da muss es eben klare Absprachen geben zwischen Chef und Arbeitnehmer. Dass man immer erreichbar ist, heißt ja nicht, dass man auch immer verfügbar ist. Wir brauchen eine Vertrauenskultur. Chefs müssen verstehen: Wenn der Mitarbeiter gerade das Telefon nicht abnimmt, hat er einen wichtigen Grund. Das kann auch sein, dass derjenige gerade Hausaufgaben mit den Kindern macht. Aber der Chef muss sich andererseits darauf verlassen können: Wenn der Mitarbeiter wieder Zeit hat, ruft er auf jeden Fall zurück!

          Warum sollten sich Chefs diese Mühe machen? Ist die ganze Familienfreundlichkeit nicht eher schrecklich teuer? Betriebskitas, Vertretungsregelungen, Organisation von Teilzeiten – das kostet doch alles Geld und Zeit!

          Richtig. Aber es rechnet sich unter dem Strich, dazu gibt es umfangreiche Studien. Wir haben etwa an 50 Maßnahmen in 50 Unternehmen konkret durchgerechnet, was es kosten würde, auf Familienfreundlichkeit zu verzichten. Herausgekommen ist: Es würde deutlich mehr kosten als in die Familienfreundlichkeit zu investieren. Ein investierter Euro auf diesem Gebiet amortisiert sich nach spätestens zwei bis drei Jahren. Bei welcher anderen Investition ist das sonst so schnell der Fall?

          Wie kommt diese positive Bilanz zustande?

          Ein Beispiel: Eine Frau bekommt ein Kind und steigt für zwei oder drei Jahre aus dem Unternehmen aus. Nehmen wir an, das Unternehmen hat sie ausgebildet – es kann in dieser Zeit nicht von ihrem Wissen profitieren. Zugleich braucht es eine Vertretung. Die muss eingearbeitet werden. Nach der Rückkehr muss die Mutter wieder auf ihrer alten Stelle eingearbeitet werden. Dann verlangt sie vielleicht eine klassische Teilzeit. Das Unternehmen hat aber nur Vollzeitstellen. Die Frau verhandelt über einen Auflösungsvertrag und scheidet schließlich aus dem Unternehmen aus. Ich sage Ihnen: Die Kosten für einen solchen Fall sind sechsstellig. Und sie lassen sich vermeiden! Und in der Arbeitswelt 4.0 lassen sie sich sogar noch viel besser vermeiden als früher!

          Also ist die Investition in Familienfreundlichkeit sozusagen ein notwendiges Übel?

          Das mag sich so anhören. Auf den ersten Blick vermeidet man Kosten, die entstehen, wenn Leute tatsächlich oder jedenfalls innerlich kündigen, also nicht mehr mit der nötigen Motivation zur Arbeit kommen. Aber tatsächlich steckt noch viel mehr dahinter. Oft ist es nämlich so: Mütter und Väter machen bessere Arbeit!

          Das sagen Sie als kinderlose Frau?

          Ja, das sage ich als kinderlose Frau, die in einer Zeit Karriere gemacht hat, wo das vor allem kinderlose Frauen geschafft haben. Bis heute kommt auf vier Frauen in Führungspositionen nur eine, die Kinder hat. Ich sage das aber auch als Chefin vieler Mütter und Väter an meiner Hochschule. Eltern haben nämlich in der Regel Kompetenzen, die Kinderlose schlicht nicht haben. Im Umgang mit Krisen und Stress sind Eltern stärker. Sie sind außerdem oft teamfähiger und können besser organisieren. Alles Kompetenzen, die gerade in Führungspositionen enorm wichtig sind.

          Was ist Ihr #muttertagswunsch für die arbeitenden Mütter dort draußen?

          Eine gute Balance zwischen Beruf und Familie. Mut, dem Chef zu sagen, wenn das nicht so ist. Der Zeitpunkt ist günstig!

          Und Ihr #vatertagswunsch?

          Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist mittlerweile auch für Väter ein Thema. Nicht nur den Wunsch von Vätern betreffend - es gibt auch viel mehr tatsächliche Möglichkeiten. Es ist der Beginn eines Paradigmenwechsels. Mein Wunsch für die Väter ist: Tut euch zusammen und werdet als Gruppe noch sichtbarer! Ein nachhaltiger Paradigmenwechsel braucht eine kritische Masse!

          Zur Person

          Jutta Rump ist Professorin für Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability. Außerdem setzt sie sich bei der Inititiative Neue Qualität der Arbeit (Inqa) für die Themen Chancengleichheit und Vielfalt ein.

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