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Arbeitszeit : Neue Aufregung um die Stechuhr

Wo ist denn bloß die Zeit geblieben? Bei der Arbeit kann sie schon mal rasend schnell vergehen. Bild: dpa

Ein Urteil zur Zeiterfassung hat vergangene Woche die Arbeitswelt aufgerüttelt. Ökonomen und Personalmanager sagen jetzt: Die praktischen Auswirkungen sind abzuwarten - denn die Problematik sitzt eigentlich tiefer.

          Fachleute hatten schon mit dem Urteil gerechnet, die breite Öffentlichkeit traf es vergangene Woche überraschend: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) sieht Arbeitgeber im Grundsatz in der Pflicht, ein Zeiterfassungssystem für jeden einzelnen Mitarbeiter einzurichten. Umgehend gerieten Arbeitgeber in Alarm- und Gewerkschaften in Jubelstimmung. Erstere sahen das Ende der neuen, flexiblen Arbeitswelt nahen, Letztere bejubelten, dass endlich Schluss sei mit der „Entgrenzung“ von Arbeit und Freizeit. Beide sahen die Renaissance der Stechuhr nahen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Arbeitsrechtler und Wissenschaftler äußern hingegen Zweifel an weitreichenden praktischen Auswirkungen des Urteils. „Ob bald jeder Arbeitnehmer wirklich die Zeiterfassung einschaltet, wenn er um Mitternacht von zu Hause aus noch eine Viertelstunde lang E-Mails liest – das darf bezweifelt werden“, sagt etwa der Arbeitsrechtsanwalt Jonas Kannen von der internationalen Wirtschaftskanzlei Dentons. Auch wie eventuelle Verstöße gegen Dokumentationspflichten künftig überprüft und aufgespürt werden könnten, stehe noch komplett in den Sternen.

          Oliver Stettes, Arbeitsmarktfachmann am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft, wies darauf hin, dass das hiesige Arbeitszeitgesetz Arbeitgeber schon jetzt verpflichte, eine über die Höchstarbeitsgrenze von acht Stunden hinausgehende Arbeitszeit aufzuzeichnen. Indirekt werde damit die tägliche Arbeitszeit bereits dokumentiert, und es werde noch Aufgabe der Juristen sein, zu klären, ob der entsprechende Passus im deutschen Arbeitszeitgesetz überhaupt von der EuGH-Entscheidung betroffen sei.

          Die Frage nach einem „zeitgemäßen Arbeitszeitgesetz“

          „Abgesehen von diesen juristischen Feinheiten zeigt die Aufmerksamkeit, die das Urteil erfährt, aber, wie wichtig derzeit die Frage nach einem zeitgemäßen Arbeitszeitgesetz ist“, sagt Stettes. Dies gelte insbesondere vor dem Hintergrund des zeitlich und räumlich flexiblen Arbeitens etwa im Home Office. Es sei wichtig, die Frage zu klären, „ob die Spielräume für diese Arbeitsformen ausreichend sind oder erweitert werden sollten, ohne dass sich dies nachteilig auf den Arbeits- oder Gesundheitsschutz auswirkt“. Dies betreffe zum Beispiel die Regelung der Ruhezeiten. Hier gilt, dass zwischen zwei Arbeitseinsätzen mindestens elf Stunden Pause liegen müssen. Das Checken von E-Mails um Mitternacht wäre somit schon heute verboten, wenn der Arbeitnehmer morgens um 9 Uhr wieder am Schreibtisch sitzt.

          Aus ähnlichen Gründen sieht auch der Bundesverband der Personalmanager das aktuelle EuGH-Urteil kritisch: „Unternehmen befinden sich mitten in der digitalen Transformation und müssen sich nun mit Regeln beschäftigen, die aus dem letzten Jahrhundert stammen“, teilte der Verband mit. „Zu modernen Arbeitsumgebungen gehören Flexibilität in der Arbeitsgestaltung und Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften. Das Urteil scheint diese beiden Aspekte komplett auszublenden.“

          Der Verband hat erst kürzlich eine Umfrage unter 2000 Personalmanagern zum Thema Heimarbeit gemacht. Das Ergebnis: Bei 74 Prozent der Befragten überwiegen die positiven Erfahrungen mit Home-Office-Regelungen. Nur 1,4 Prozent berichten von überwiegend negativen Erfahrungen; der Rest hatte keine klare Tendenz – oder noch keine solche Regelung eingeführt.

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