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Unworte des Berufsalltags : Hinten heraus wird sozusagen alles gut

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Ist auch schon an sich ein Unwort: Das Wort „Unwort“. Bild: F.A.Z.

Nach der Redaktion haben unsere Leser ihre Lieblings-Unworte aus dem Arbeitsalltag des vergangenen Jahres gesammelt. Herausgekommen ist Lustiges, Absurdes, Bedenkenswertes. Eine Auswahl.

          Sozusagen

          Mein Unwort des Jahres ist „sozusagen“. Das Adverb ist schon seit längerem zu einem Modefüllwort geworden. Ich habe noch nicht rausgekriegt, was genau es füllen soll - die Inhaltsleere vielleicht? Ich empfinde es allmählich schon wie eine sprachliche Epidemie. Der „Sozusagen-Virus“ ist ansteckend, und er hat sich im vergangenen Jahr weiter verbreitet. Im Geschäftsleben kursiert er in Meetings, in Diskussionsrunden, auch in Beratungs- und Verkaufsgesprächen. In den Medien ist „sozusagen“ mittlerweile ständig anzutreffen. Also ich halte sozusagen das Wörtchen „sozusagen“ für das Unwort des Jahres und hoffe inbrünstig, dass dieses „Blähwort“ sozusagen hoffentlich bald überwunden wird, sozusagen.

          Bettina Braun-Spengler

          Wertschätzende Führungskultur

          Mir geht am allermeisten die „wertschätzende Führungskultur“ gegen den Strich: Eine der vielen unsäglichen „Kulturen“ (wie die Willkommenskultur, die Wissenskultur usw.), deren Zusammensetzung mit „wertschätzend“ schon grammatisch gänzlich unsinnig ist. Ganz zu schweigen davon, dass die Realität mit dieser Worthülse (wenn man sie als „den Mitarbeitern Wertschätzung entgegenbringen“ deutet) herzlich wenig zu tun hat.

          Alexander Nowak, Berlin

          Einprogrammieren

          Dieses Unwort ist sehr verbreitet und hat sich nicht nur in den öffentlichen Sprachgebrauch eingeschlichen, sondern wird schon jahrelang auch von vielen gern benutzt, die ein professionelles Verhältnis zur Sprache haben sollten. Es heißt „einprogrammieren“. Offensichtlich allgemein von Personen benutzt, die noch nie ein paar Zeilen programmiert haben beziehungsweise mit der Sprache schludern (da sind Programmierer eingeschlossen). Es sollte schlicht und einfach „eintragen“ heißen. Damit diese Handlung des Eintragens möglich ist, muss ein Programmierer in einer von Hunderten Programmiersprachen den entsprechenden Programm-Code geschrieben haben, in dem diese Eintragung als Möglichkeit für den Nutzer vorgesehen wurde. Der Nutzer ist allerdings inhaltlich vom Programmierer meilenweit entfernt und dürfte kaum die Probleme einer Programmentwicklung kennen. In dieses Programm greift der Nutzer niemals ein. Sprache ist zu wichtig, als dass man sie den Schluderern überlassen könnte. Es gibt zu viele, die nicht genau wissen, was ihre Sätze eigentlich ausdrücken.

          Dieter Glock

          Räumlichkeiten

          Meine Favoriten wären zunächst weitere unglücklich eingedeutschte Anglizismen wie „Methodologie“ (methodology), was natürlich nichts anderes bedeutet als Methodik. In Analogie dazu möchte man gerne die Technik in Technologie erhöhen und missbraucht das Wort - das im Deutschen nur die Lehre über die Technik an den Hochschulen bezeichnet -, um sich bei oft einfachen technischen Zusammenhängen wichtig zu machen. Überhaupt denken ja einige Menschen, dass ein Wort umso bedeutender erscheint, je mehr unnütze Silben man anhängt: Die „Räumlichkeiten“ sind mein Lieblingsunwort, an Stellen, wo man einfach nur von Räumen oder Sälen sprechen könnte - oder auch die „Feierlichkeiten“, anstatt sich auf die Feiern zu freuen. Na, und Hand aufs Herz: „Unwort“ ist doch eigentlich auch ein Unwort - zumindest habe ich rein logisch beziehungsweise semantisch ein Problem damit, mir die Umkehrung eines Wortes vorzustellen.

          Reiner Block, Darmstadt

          Vorliegend

          Aus juristischer Sicht ist es vor allem das (weniger von Anwälten als von Richtern und Studenten verwendete) „vorliegend“, das zu tolerieren schwerer fällt, als die ständige laienhafte Verwechslung von Erpressung und Nötigung hinzunehmen.

          Prof. Dr. Michael Sachs, Lehrstuhl für Staatsrecht, Universität zu Köln

          Einwerten

          Mein persönliches Lieblingshasswort ist „einwerten“. Irgendeinem Unternehmensberater wird es wahrscheinlich einmal über die Lippen gekommen sein, und seither wird es gerne verwendet, wenn man seinen Ausführungen eine besondere Tiefe geben möchte. Besonders unerträglich ist es dann in Sätzen wie: „Die Daten werden analysiert, ausgewertet und eingewertet.“ Auswerten kenne ich und bewerten und einschätzen - aber einwerten? Ist das etwas wie einmachen oder gar einmotten? Wir wissen es nicht. Direkt nach „einwerten“ fordern Portfolien, Volumina und Expertisen dem Leser eine gewisse Fassung ab. Der Plural von Portfolio bleibt Portfolios, Folien haben hier nichts zu suchen. Der Plural von Volumen bleibt Volumen, zumindest, wenn es um Mengen und nicht um Bücher geht. Und die Expertise ist immer noch nur ein Gutachten und steht nicht für besondere Kenntnisse. Aber in dem Bemühen, besonders gebildet zu erscheinen, ist ja letztlich jedes Mittel recht. Nun denn, das Abendland wird davon nicht untergehen, schöner wird die Sprache dadurch allerdings auch nicht.

          Barbara Zierfuß

          Hinten heraus

          Dieser Begriff fehlt bislang in allen Unwortlisten, gehört aber unbedingt hinein, Er wird meist nur im Sport, aber immer häufiger auch von Politikern gebraucht: „Hinten heraus“, wenn eigentlich „am Ende“ gemeint ist.

          Wolfgang Holle, Bielefeld

          Rocket Science

          Da schlägt sie gleich doppelt zu, die denglische Sprachfalle: Mitleidig schaut mein Kollege mich an und versichert, dieses oder jenes sei nun wirklich keine „Rocket Science“. Im Handumdrehen habe er das Problem bewältigt. Auf meine entsetzte Nachfrage, ob wir nun doch nicht zum Mond flögen, verlässt der Wissenschaftler irritiert kopfschüttelnd mein Büro. Zugegeben, die wenigsten von uns können auch nur einen Papierflieger konstruieren, der länger als zehn Sekunden in der Luft bleibt. Auch sind die Zeiten des schnöden Kartoffelschälens längst vorbei. Lädt Petrosilius Zwackelmann heute zum Diner, überfordert die Zutatenliste für die Pre-Dinner-Gin-Infusion einen durchschnittlichen Zauberlehrling heillos. Doch was ist aus dem guten alten Hexenwerk geworden? Sind wir wirklich so vernunftbegabt, dass die Benchmark - oder vielleicht sogar das Maß aller Dinge - im Bereich des Menschenmöglichen liegt? Zum In-die-Luft-Gehen brauche ich nach solchen Belehrungen jedenfalls keine Ingenieure. Indes wünsch ich mir manchmal, der alte Meister riefe: Seid’s gewesen!

          Peter Körlings

          Hands on

          Auf Augenhöhe werden die Kollegen abgeholt, damit alle gemeinsam in einem Boot sitzen. Man will nicht lost sein und bestimmt einen Kümmerer. Einer muss schließlich den Hut aufhaben. Down to Earth werden dann „hands on“ die Projekte aufgegleist.

          Silvia Schumacher-Michalik

          Alles gut!

          Manchmal scheint es mir, als könnte man kaum noch einen alltäglichen Satz zu einem Mitmenschen sagen, ohne dass er sogleich mit dieser unreflektierten Antwort um die Ecke kommt. „Geht schon mal vor in die Kantine, ich muss noch eben telefonieren.“ - „Alles gut!“ So viel Verständnis war scheinbar nie. Auch gerne genommen als Ersatz für das gute alte „Bitte!“, nachdem man sich artig bedankt hat fürs Türaufhalten (das soll es vereinzelt noch geben). Das beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Arbeitswelt, funktioniert auch beim Bäcker oder im Bus. „Ist hier noch frei?“ - „Alles gut!“ Ich schlage vor, wieder mehr Vielfalt zu wagen. Sätze wie: „Kein Problem!“, „Gerne doch!“, „Mach dir keinen Kopf!“, vielleicht auch nur ein kurzes „Ja!“ tun es je nach Situation viel treffender. Geht Ihnen das auch so? Dann ist ja alles gut.

          Patrick Schäfer, Kiel

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