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Ungewöhnliche Karriere : Das Geigenmädchen aus dem Silicon Valley

Gabi Holzwarth hat ihre Karriere als Musikerin dank der Technologiebranche vorangetrieben. Bild: Jason Andrew

Sie begann als Straßenmusikerin im Silicon Valley. Heute spielt sie auf Veranstaltungen wie der Met-Gala in New York. Gabi Holzwarths Karriere ist ein ungewöhnlich treffendes Beispiel dafür, wie geschickte Vermarktung zum Ziel führen kann.

          Es ist ein sehr glamouröser Anblick: Travis Kalanick, der Vorstandsvorsitzende des Fahrdienstes Uber, steht im Smoking auf dem roten Teppich, neben ihm seine Freundin Gabi Holzwarth in einem schwarzen Abendkleid, hinter den beiden ist die Sängerin Miley Cyrus zu erkennen. Das von Holzwarth auf Twitter gestellte Foto stammt von der Met-Gala in New York aus der vergangenen Woche, einem Abend der Superstars, mit Prominenten wie Beyoncé und Rihanna, aber auch ein paar hochkarätigen Figuren aus der Technologieindustrie wie Marissa Mayer, der Vorstandsvorsitzenden des Internetkonzerns Yahoo, und eben Kalanick.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber Holzwarth war nicht als Begleitung des 38 Jahre alten Uber-Chefs gekommen, vielmehr war ihr Freund wegen ihr da. Denn sie ist Geigerin und war für das musikalische Rahmenprogramm engagiert. Zwei Tage später trat sie auch auf der Digitalkonferenz DLD auf. Die 25 Jahre alte Holzwarth nennt sich „Das Geigenmädchen aus dem Silicon Valley“, und tatsächlich hat die dort ansässige Technologieindustrie viel damit zu tun, dass sie eine zunehmend lukrative Karriere als Musikerin verfolgt und mittlerweile Gagen von bis zu 5000 Dollar je Veranstaltung kassiert.

          Holzwarth brachte sich zum Beispiel ins Gespräch, als sie in der Kantine des Internetkonzerns Google spielte. Dafür gab es zwar kein Geld, aber zur Belohnung wurde immerhin eine Pizza nach ihr benannt. Sie musizierte auf den Straßen von Palo Alto inmitten des Silicon Valley, wo ein Investor auf sie aufmerksam wurde und sie für ihren ersten größeren Auftritt anheuerte. Und schließlich kreuzten sich ihre Wege mit Kalanick, der ihr nun dabei hilft, ihr Geschäft als Musikerin professioneller anzugehen. Wie sie im Gespräch mit der F.A.Z. sagte, war er es, der sie ermutigt hat, ihre Gagen nach oben zu schrauben. „Du musst verlangen, was du wert bist“, habe er ihr geraten.

          Holzwarth spielt Geige, seit sie zwei Jahre alt ist. Mit der Straßenmusik in Palo Alto begann sie vor rund vier Jahren. Sie fand schnell heraus, wo die lukrativen Plätze sind. Vor einer Drogerie zu stehen brachte zum Beispiel gutes Geld ein, viel weniger einträglich war dagegen der Apple-Laden. Denn dort zahlen die meisten Kunden nach ihrer Beobachtung mit Kreditkarte, während sie aus einer Drogerie oft mit Wechselgeld herauskommen, das dann in vielen Fällen bei ihr landete.

          Lieber Pop als Mozart

          Einmal kam die Schauspielerin Michelle Pfeiffer vorbei und gab ihr einen 20-Dollar-Schein. Im Schnitt hat sie nach eigener Schätzung 65 Dollar je Stunde verdient, also keine schlechte Ausbeute. Sie meint, das Silicon Valley sei dank des großen Reichtums, den die Technologiebranche über die Region gebracht hat, allgemein ein gutes Pflaster für Straßenmusikanten. Sie findet aber auch, sie habe sich geschickt vermarktet. So sei gut angekommen, dass sie vor allem populäre Stücke wie „Somewhere over the rainbow“ gespielt habe und weniger Klassisches wie Mozart. Dieser Brückenschlag zu populärer Musik ist bis heute ihr Markenzeichen. Auf der DLD-Konferenz ließ sie bekannte Lieder wie „Hotel California“ vom Band laufen und unterlegte sie mit ihrer eigenen Geigenmusik.

          Eine ganz andere Dimension bekommt Holzwarths Karriere und auch ihr Verhältnis zu Kalanick dadurch, dass sie seit Jahren an Essstörungen wie Bulimie und Magersucht leidet und damit extrem offen umgeht. Im vergangenen November, als sie und Kalanick schon einige Zeit ein Paar waren, erzählte sie auf einer Konferenz schonungslos von ihrem gesundheitlichen Kampf, zu dem ständiges Erbrechen und eine Serie von Krankenhausaufenthalten gehörten. Sie sagte, sie verstehe sich als suchtkrank und besuche Treffen nach dem Muster der anonymen Alkoholiker. Und sie berichtete von den Spuren, die all das hinterlassen habe: geschwächte Organe, Osteoporose, und die Notwendigkeit, eine ganze Reihe von Medikamenten einzunehmen.

          „Jeder hat seine Abgründe“

          Die Essstörungen sind bis heute nicht abgehakt. Nur eine Woche nach dieser Rede hatte sie einen Rückfall. Mittlerweile blickt sie zwar nach eigener Aussage auf fast sechs Monate ohne Rückfälle zurück. Aber sie gibt zu, noch immer schwache Momente zu haben, in denen die Versuchung zurückkehrt, zum Beispiel am vergangenen Wochenende, als sie an die bevorstehende Met-Gala dachte, „mit den ganzen schönen Models, die einem das Gefühl geben können, hässlich zu sein“. Holzwarth sagt, der Kontakt in die Technologiewelt habe ihr dabei geholfen, sich mit ihren Herausforderungen nicht mehr so allein zu fühlen. Weil sie selbst so frei über ihre Erkrankung spreche, hätten sich ihr auch viele ihrer Freunde mit Problemen anvertraut, darunter auch bekannte Namen aus der Branche. „Ich habe festgestellt: Jeder hat seine Abgründe. Nur reden die meisten anderen nicht öffentlich darüber so wie ich.“

          Besonders lobende Worte hat Holzwarth aber für ihren Freund Kalanick, der eine große Stütze in ihrem Kampf gegen die Essstörungen sei. „Es ist zum großen Teil sein Verdienst, dass ich heute noch am Leben bin.“ Denkt man an Kalanicks Ruf als rauhbeiniger Unternehmer, der sich einmal mit Uber den Kampf gegen „ein Arschloch namens Taxi“ auf die Fahnen geschrieben hat, mag diese Beschreibung von einer sanfteren Seite erstaunen. Aber Holzwarth beteuert, Kalanick sei ein „extrem guter Kerl“, der nur in der Öffentlichkeit in ein sehr unschmeichelhaftes Licht gerückt werde. „Wenn jemand Erfolg hat, dann versuchen die Leute, ihn schlechtzumachen.“ Sie sagt, sie schätze an ihrem Freund, dass er Klartext rede und nichts für „Bullshit“ übrig habe. Das unterscheide ihn von vielen anderen - und womöglich in der Öffentlichkeit beliebteren - Figuren aus dem Silicon Valley.

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