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Unbeliebte Ausbildungsberufe : „Wer hat am Nachmittag frei? Der Bäcker!“

  • -Aktualisiert am

Die frischen Brötchen locken nicht mehr: Kaum ein junger Mensch möchte noch Bäcker werden. Bild: dpa

Handwerk und Gastgewerbe stehen bei Schulabgängern nicht hoch im Kurs. Mit Imagekampagnen wollen die Unternehmen deshalb den Nachwuchs überzeugen.

          Der eine steht um Mitternacht in der Backstube und formt die Waren liebevoll von Hand, der andere kümmert sich als Teilschichtführer um Dienstpläne und Arbeitsabläufe an Fritteuse, Eismaschine und Co: Die Ausbildungen von Bäckerazubi Nicklas Schulmann und des angehenden Systemgastronomen Marcel Schmidt könnten wohl unterschiedlicher nicht sein. Nur eins haben sie auf jeden Fall gemeinsam - sie sind nach gängigen Maßstäben unbeliebt. Zwölf solche Ausbildungsberufe listet der Datenreport 2012 des Bundesinstituts für Berufsbildung auf. In Ausbildungsberufen wie Bäcker, Klempner, Koch und Hotelkaufmann bleiben immer mehr Lehrstellen unbesetzt.

          „Für 2013 haben wir erst einen Bewerber“, sagt Sascha Schäfer, Geschäftsführer der gleichnamigen Bäckerei im hessischen Rodgau. Im Vorjahr waren es mit Nicklas Schulmann noch vier für die zwei angebotenen Plätze - das war ungewöhnlich viel. Schäfer führt wie auch McDonald’s Deutschland den Bewerbermangel vor allem auf die demographische Entwicklung zurück. Das amerikanische Fast-Food-Unternehmen beklagt außerdem die starke Konkurrenz, die Auswahl an Ausbildungsberufen werde immer größer. „Die Gastronomie hat es dadurch noch schwerer, qualifizierte Auszubildende für sich zu gewinnen“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Marcel Schmidt hat sich trotz der vielen Möglichkeiten dort für eine Ausbildung als Fachmann für Systemgastronomie entschieden. „Das ist eine kaufmännische Ausbildung mit gastronomischem Schwerpunkt, zum Beispiel bei der Warenbestellung oder der Schichtführung“, sagt der 19-Jährige. Die Ausrichtung hat ihn überzeugt - auch wenn der Großteil seines Freundeskreises sich für etwas Technisches entschieden habe. Mittlerweile ist Schmidt im dritten Lehrjahr und bereut es nicht, trotz der Mittleren Reife „nur“ bei McDonald’s zu sein. Er könne bis zum Restaurantführer aufsteigen, planen wolle er aber eine Weiterbildung zum Fachwirt, sobald er ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt hat.

          Körperlich fordernd

          Alle ungeliebten Ausbildungsberufe stammen aus dem Handwerk und dem Hotel- und Gastrogewerbe. Das liege daran, dass ihre Ausbildung körperlich oft fordernd sei und Schichtbetrieb mit sich bringe, lauten die Erklärungsversuche der betroffenen Unternehmen. Auch mit Vorurteilen hat die Branche zu kämpfen. „Putzen - das ist das, was die meisten mit meinem Beruf verbinden“, berichtet Karzan Hossin, Auszubildender zum Gebäudereiniger. Der 27-Jährige hatte nach seiner Mittleren Reife das Fachabitur begonnen, auch Praktika als Schreiner und Industriemechaniker gemacht. Hängen geblieben ist er schließlich bei Breer Gebäudedienste in Heidelberg, wo er schon als Schüler arbeitete. Vier Jahre war er dort Vollzeit angestellt, bevor er sich noch für eine Ausbildung entschied. Um mehr Geld zu verdienen und das Handwerk zu lernen. „Teppich- und Polsterreinigung, Krankenhausreinigung, Denkmalreinigung“, zählt Hossin seine Tätigkeiten auf. „In der kalten Jahreszeit machen wir auch Winterdienste. Dann entfernen wir vor Krankenhäusern zum Beispiel Schnee und Eis.“

          Es ist ein Kampf gegen den Imageverlust: Das Handwerk wirbt mit einer großangelegten Kampagne für seine mehr als 130 Ausbildungsberufe. „Wir sind Handwerker. Wir können das“, heißt es auf der Kampagnenseite im Internet selbstbewusst. Auf back-dir-deine-Zukunft.de wird die Ausbildung zum Bäcker gesondert beworben. „Wer hat am Nachmittag frei? Der Bäcker!“ Solche Botschaften sollen freizeitbewusste Jugendliche ansprechen. Bäckerazubi Schulmann empfindet die Hauptarbeitszeit zwischen Mitternacht und spätem Vormittag tatsächlich als Vorteil. „Man muss eben arbeiten können, früh aufstehen und ein generelles Interesse am Backen haben“, fasst er die Voraussetzungen für die Lehre zusammen. Ihm macht es Spaß, um kurz vor Mitternacht zur Bäckerei zu radeln, dort Stückchen und Kuchen für die Filialen zu richten, in der Fastnachtszeit Berliner zu füllen und Hefekuchen und Plunder zu formen. Er mag den Duft der frischen Backwaren und zu sehen, was er mit seinen Händen geschafft hat.

          Überzeugungsarbeit im Internet

          Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) leistet ebenfalls Überzeugungsarbeit im Internet. Auf gast-star.de können sich junge Menschen umfassend über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren. Ende 2010 legte der Verband einen 10-Punkte-Plan zur Fach- und Arbeitskräftesicherung vor. Den Unternehmen wird seit vergangenem Jahr ein „Wegweiser für Ausbilder“ an die Hand gegeben. Muster, Checklisten und Beispiele sollen den Betrieben Anregungen für eine Verbesserung ihrer Ausbildungsorganisation geben. Der Verband fordert außerdem eine zukunftsorientierte Tarifpolitik und flexible Arbeitszeiten. Denn vermutlich sind genau aus diesen Gründen die Abbrecherquoten von Ausbildungen im Hotel- und Gastrogewerbe besonders hoch. Während über alle Branchen hinweg jeder vierte Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgehoben wird, beträgt die Abbrecherquote unter Köchen und Kellnern 50 Prozent.

          Um der Entwicklung entgegenzuwirken, veranstalten Arbeitsagenturen und Handwerkskammern „Speeddating“ und „Berufecasting“. Ausbilder wie Sascha Schäfer setzen verstärkt auf Schülerpraktika, um dem potentiellen Nachwuchs die schönen Seiten seines Berufsstandes zu zeigen: die Möglichkeit, kreativ zu sein, Aufstiegschancen durch die Meisterprüfung, die Verdienstmöglichkeiten bei guter Qualifikation und die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Auch die Auszubildenden selbst sind von dieser Methode am meisten überzeugt. „90 Prozent unserer Praktikanten machen hinterher eine Ausbildung“, sagt Gebäudereiniger Hossin. Er hat schon seinen jüngeren Bruder in das Unternehmen vermittelt.

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