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Umschulungen für Profitänzer : Ballettkarriere und dann?

Da muss alles passen: Generalprobe zum Opernball. Bild: dpa

Profitänzer hören in der Regel mit 40 Jahren auf – oder sogar noch früher. Das ist doch kein Alter für die Rente! Der Ölkonzern OMV hatte da eine andere Idee.

          Attila Bakó ist 34 Jahre alt, seine Karriere ist vorbei. Nicht weil er etwas falsch gemacht hätte in seinem Beruf, nicht weil er einen Unfall gehabt hätte. Sondern weil er sein ganzes Leben lang Ballett getanzt hat. Als Profi. Zuletzt an einer der großen Bühnen in Europa, der Staatsoper in Wien. „Ich muss aufhören, es wird körperlich immer schwieriger“, sagt der grazile junge Mann. „Gut, dass ich jetzt eine Weiterbildung mache.“ Bakó will an einer Wiener Fachhochschule Kommunikationswirtschaft studieren und sich dann eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit suchen. Die Kosten für das Dreijahresprogramm – rund 6800 Euro – trägt ein Industriebetrieb, der österreichische Rohstoffkonzern OMV.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Es gibt mehrere Einrichtungen, die sich um Berufstänzer kümmern, die ihren Zenit überschritten haben. Aus der Schweiz heraus hilft zum Beispiel die International Organization for the Transition of Professional Dancers. Aber die OMV versteht sich als das erste Unternehmen, das einen eigenen Fonds für die Weiterbildung aufgelegt hat. Der umfasst zunächst 50 000 Euro und steht jenen zwei, drei Tänzerinnen und Tänzern zur Verfügung, die jedes Jahr die Wiener Compagnie verlassen.

          Sofern sie studieren oder sich anderweitig fortbilden oder umschulen lassen, können sie einen formlosen Antrag stellen. Ein Gremium aus Staatsballett und Oper entscheidet darüber und rechnet direkt mit der Bildungsstätte ab. Attila Bakó ist der Erste, der diese Förderung erhält. Ohne sie hätte er „irgendwie weitergemacht“ auf der Bühne, sagt er – trotz der physischen Belastungen. Oder er hätte sich ein kürzeres Studium gesucht. Tanzlehrer oder Pilates-Trainer wollte er nicht werden; von denen gibt es schon sehr viele in Wien.

          Zeit bis zum Ruhestand sinnvoll nutzen

          Eigentlich genießt Bakó eine privilegierte Position: Er war beim Staatsballett fest angestellt, sozialversichert und wird später eine Rente beziehen. Davon können viele Freiberufler nur träumen. Bis 1999 erhielten die Wiener Tänzer ihre Pension sogar gleich nach dem Abschied. Bakó indes muss und will die Zeit bis zum Ruhestand sinnvoll überbrücken: mit einem eher geistigen als körperlichen Beruf. „Wir möchten nicht, dass ein Mensch, der mit 35 oder 40 Jahren seine Karriere bei uns beendet, zurückbliebt, ohne noch etwas anderes zu haben“, sagt Operndirektor Dominique Meyer. „Deshalb sind wir der OMV so dankbar.“ Theoretisch wisse jeder dieser „Hochleistungssportler“, dass er ein zweites Standbein brauche. Aber ihnen bleibe kaum Zeit, etwas anderes aufzubauen: „Große Tänzer sind ja deshalb große Tänzer, weil sie früh beginnen und sehr, sehr viel üben.“

          Die Zusammenarbeit der Staatsoper mit der OMV, deren größter Aktionär ebenfalls der Staat ist, lag nahe. Seit Jahren fungiert der Konzern als Hauptsponsor, sein Vorstandsvorsitzender Rainer Seele ist ein großer Ballettfreund. Auf die Fonds-Idee kamen Direktor Meyer und Manager Seele bei der traditionellen Nurejew-Gala im Juli. Während dieser Hommage an die tatarisch-österreichische Ballettlegende verletzte sich der Solotänzer Davide Dato und musste seinen Auftritt abbrechen.

          „Da wurde mir klar, dass man sich Sorgen darüber machen muss, was eigentlich nach der Ballettzeit kommt“, sagt Seele. „Wir sollten diesen Künstlern mehr geben als Applaus.“ Natürlich sei es nicht in erster Linie die Aufgabe eines Unternehmens, in die Bresche zu springen. „Aber wir haben ja auch eine soziale Verantwortung.“ Außerdem hält es der Bremerhavener für vorstellbar, den einen oder anderen Tänzer nach der Umschulung einzustellen. Seele gibt zu, dass ein solcher Absolvent nicht dieselben Karrierechancen hat wie ein Zwanzigjähriger. „Aber gute Leute nehmen wir auch mit 40, und sie können es zu etwas bringen.“ Meyer kennt noch weitere Gründe, warum die Industrie Balletttänzer einstellen sollte: „Sie sind fleißig, tapfer, diszipliniert – und sie stehen früh auf.“

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