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Umgang mit Missbrauchsfällen : Gegen das Schweigen

  • -Aktualisiert am

Auf Abstand: Justizbeamte verfolgen per Video eine Befragung im Kinderschutzzentrum der Childhood-Stiftung. Bild: dpa

Das Thema Kindesmissbrauch stellt Juristen und Mediziner vor Herausforderungen wie nur wenig anderes in ihrem Beruf. Im Studium bereitet sie aber kaum einer darauf vor.

          Ich bin der beste Richter am Amtsgericht München, wenn es ums Legospielen geht“, sagt Robert Grain, Ermittlungsrichter am selben Gericht, augenzwinkernd. „Wir haben vier Kästen Lego.“ Durch das Spielen mit den Kindern entstehe eine Gesprächsatmosphäre, die ihm erlaube, sie nach schlimmen Ereignissen zu befragen, sagt Grain. Die Vernehmung wird in den Nebenraum übertragen. Dort sitzen Vertreter der Staatsanwaltschaft, des Jugendamtes, Nebenkläger, Sachverständige, Verteidiger – und mitunter der mutmaßliche Täter, der ein Anwesenheitsrecht hat. Die Zeugenvernehmung wird per Video aufgezeichnet, damit Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, das Erlebte nicht wiederholt berichten müssen.

          Möglich wurde diese Form der Vernehmung dadurch, dass im Jahr 1998 die Strafprozessordnung um den Paragraphen 255a, Absatz 2 ergänzt wurde: Vorführung einer aufgezeichneten Zeugenvernehmung. „Die Kinder hatten eine furchtbare Angst, wenn sie vor Gericht aussagen mussten“, weiß Grain, „und unsereiner in schwarzen Roben dasaß.“ Seine Vorgänger haben im Jahr 2000 die strafrechtliche Videovernehmung bei Kindern als Erste in Deutschland begonnen. Grain hat sich diese Methode selbst angeeignet. Er habe zwar gelernt, Erwachsenen Fragen zu stellen, aber Kinder zu vernehmen, darauf müsse man sich erst einstellen. Dabei helfe es, wenn man selbst Kinder habe. „Dann weiß man auch, wie man mit einer Vierjährigen umgeht, die plötzlich sagt: Ich will nicht mehr.“ Das könne man nicht in der Ausbildung vermitteln, sagt Grain. Im Studium schon gar nicht.

          Normalerweise gilt in der Strafprozessordnung der Unmittelbarkeitsgrundsatz, der besagt, dass der Zeuge selbst unmittelbar in der Verhandlung aussagen muss. Das könne bei unsensiblem Auftreten von Verfahrensbeteiligten dazu führen, dass das Opfer den Eindruck bekomme, statt des Täters selbst schuld zu sein, sagt die Ermittlungsrichterin Claudia Webers vom Amtsgericht Leipzig. Im Extremfall fühle es sich bei der Befragung wie ein Angeklagter. „Die überaus unangenehme Situation, die unvermeidbare Fragen bei der Wahrheitsfindung mit sich bringen, wird für Kinder durch die Videovernehmung entschärft“, erklärt sie. Es ist eine sehr wichtige Vernehmung, denn in den meisten Fällen sexueller Übergriffe gibt es keine weiteren Zeugen.

          Keine Vernehmungstechniken im Jura-Studium

          Dennoch wird in Deutschland von der Möglichkeit zur Videovernehmung in Strafverfahren bei Kindern bislang noch zu wenig Gebrauch gemacht. „Es fehlt teilweise an der notwendigen justiz-politischen Sensibilisierung“, sagt Andreas Mosbacher, Richter am Bundesgerichtshof im Leipziger Strafsenat, „damit mehr Gerichte die Videovernehmung nutzen.“

          Im Jura-Studium werden keine Vernehmungstechniken vermittelt – und damit ist auch die Videovernehmung außen vor. Das gilt sogar dann, wenn sich die Studierenden für den Schwerpunkt Strafrecht entscheiden, den man vom fünften Semester an wählen kann. „Es ist schade, dass erst nach dem Studium und dem Referendariat auf Richterakademien Kurse für Vernehmungen angeboten werden“, sagt Mosbacher, der zudem Honorarprofessor für Strafrecht an der Universität Leipzig ist. Dabei werde die Vernehmung von kindlichen Zeugen nicht einmal allen Juristen an Jugendgerichten beigebracht, sagt Mosbacher. Immerhin würden für diese Aufgabe diejenigen ausgewählt, die hierfür am geeignetsten erscheinen.

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