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Karriere in der digitalen Welt : Kreative Selbstzerstörung

  • -Aktualisiert am

Analog, digital – oder irgendwas dazwischen? Bild: Getty

Mit Blick auf die Digitalisierung sollen sich alle neu erfinden. Für wie viel Unsicherheit das sorgt, zeigen Seminare wie das „Disrupt Yourself Camp“. Ein Besuch in Hamburg.

          Soll man lieber aufstehen oder sitzen bleiben beim Thema Digitalisierung? Ja oder nein antworten auf die Frage, ob man vom digitalen Wandel profitiere? Ingrid Waders kann sich nicht entscheiden. Einerseits erleichtern digitale Vernetzung und mobile Nachrichtendienste ihr durchaus die Kommunikation mit den Kunden und ersparen lange Fahrtwege. Andererseits will das Handelsunternehmen, für das die Agrarökonomin aktuell tätig ist, demnächst ein neues System einführen, das ihre Stelle überflüssig machen könnte. „Ich mache mir schon Gedanken, wie ich mich neu erfinden kann“, sagt Waders, die in Wirklichkeit anders heißt. Sie möchte nicht, dass ihre Auftraggeber erfahren, dass sie sich an diesem Arbeitstag mit Fragen der Identität, Lebenszielen und Erwartungen an die Zukunft auseinandersetzt statt mit Logistik oder kuratierten Warenwelten.

          „Sich neu erfinden“ ist die weichgespülte Übersetzung von „Disrupt yourself“ – Titel der Weiterbildung, die Waders auf eigene Faust besucht. Der Journalist Christoph Keese hält den Eröffnungsvortrag – er hat kürzlich ein Buch zum Thema geschrieben. Disruption steht mindestens für Störung, bisweilen auch für Zerstörung, der Begriff stellt aktuelle Geschäftsmodelle in Frage und wird auch gern mit neuen technologischen Innovationen gleichgesetzt. Das macht nicht unbedingt Lust, sich mit dem Thema zu beschäftigen, weiß Keese. Aber genau zu diesem Zweck sind die Teilnehmer des heutigen Seminars angereist.

          Vertreter der besonders „disruptionsanfälligen Berufe“ sind allerdings gar nicht in großer Zahl gekommen – etwa Bilanzbuchhalter, Kassierer, Lkw-Fahrer oder sonst alle, die sich relativ wahrscheinlich einmal durch Künstliche Intelligenz ersetzen lassen. Stattdessen ist der Raum voller Selbständiger, Gründer und Studenten. Auch ein paar Hafenlogistiker sind da, Banker und ein Hamburger Verwaltungsteam. Veranstalter ist Daniel Opper, Politikwissenschaftler und Leiter des „Bucerius Lab“, das ist ein Programm der Zeit-Stiftung, das nicht nur die kostenfreie Weiterbildung entwickelt hat, sondern auch die Sonderausstellung „Out of Office“ im Hamburger Museum der Arbeit, in deren Rahmen sie stattfindet. Bevor sich die Teilnehmer auf Plastikstühlen niederlassen, können sie Roboter befragen, Virtual Reality ausprobieren, Texte oder Kunstwerke analysieren: Was stammt vom Menschen, was von der Maschine? Von einem Menschen (Max Liebermann) gemalt und von einem zweiten (Museumswärter) bewacht, hängt ein großes Ölgemälde im Eingangsbereich. Es zeigt „Gänserupferinnen“ stumm und ernst bei der Arbeit in einem düsteren Raum. Man darf dankbar dafür sein, dass Maschinen solche Aufgaben längst übernommen haben, fragt sich aber inzwischen auch: Was kann ich denn eigentlich besser als die Maschine? Und wie lange hat das noch Bestand?

          Sich beruflich neu erfinden

          Über eigene Stärken und Lebenssinn denken die Teilnehmer in Workshops nach. In der Gruppe von Ingrid Waders werden Ansätze der Positiven Psychologie vermittelt. „Alle, die sich in ihrem Leben schon einmal beruflich neu erfunden haben, dürfen aufstehen“, fordert Workshopleiterin Kerstin Humberg, und zwei Drittel der Teilnehmer erheben sich. „Das sieht doch gut aus“, sagt die Gründerin des Berliner Start-ups Yunel. Der Name steht für die beiden Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und Nelson Mandela und will deutlich machen, wie menschliche Potentialentfaltung Gesellschaften verändern kann.

          Aufgestanden ist Linda Kutt. Die Kunsthistorikerin hat von einem Auktionshaus an die Schule gewechselt, wo sie jetzt als Studienrätin arbeitet. „Das werde ich aber wohl nicht bis zur Pensionierung bleiben“, sagt sie. Aufgestanden ist auch Thomas Rosenfeld. Von einem internationalen Konzern hat er zu einem Mittelständler gewechselt, weil er da mehr bewegen kann. Der Vertriebsleiter hat sich für den Workshop angemeldet, weil er sich und die Branche, die er vertritt, für die Zukunft rüsten möchte. Im Workshop soll er dafür eine „To-be-List“ erstellen. Was habe ich in der Vergangenheit getan, was möchte ich noch machen, lautet die Fragestellung. Abschließend wird daraus im Dialog mit einem selbst gewählten Partner ein Motto erarbeitet.

          Auf der Mottokarte von Linda Kutt steht „Souveränitätsvorbild sein“. Aber das sei nur die Kurzform, sagt sie: „Ich möchte Menschen darin unterstützen, ihre Talente zu entdecken und zu entwickeln.“ Eigentlich macht sie als Lehrerin genau das, nur seien die institutionellen Voraussetzungen dabei oft hinderlich. Für die Zukunft der Fachkraft, die auch schon als Coach arbeitet, heißt das: „Offen und flexibel bleiben und die nächste Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen.“ Bei Thomas Rosenfeld ist das Motto nach acht Stunden Workshop schon wieder aus dem Sinn. Was der Manager aus der Weiterbildung aber auf jeden Fall mitnimmt, ist die Unterscheidung zwischen Industrialisierung, die starre Formen erzwingt, und Digitalisierung, die Varianz erlaubt. „Hierarchie gibt nicht die beste Antwort. Selbstführung ist gefragt“, sagt der Vertriebsleiter, der sich kritisch denkende Mitarbeiter wünscht.

          Eine Chance – oder eine Bedrohung?

          Viel Bestätigung also für einen Kurs, den Rosenfeld, Kutt und Waders zumindest gedanklich schon fahren. Disruption auf Kuschelkurs? Mehr Menschlichkeit dank Digitalisierung, so lautet zumindest das Fazit der Veranstalter.

          Es deckt sich mit dem Umfrageergebnis auf einem analogen „Disruptometer“, einer Umfrage unter den Veranstaltungsteilnehmern: „Wie sehr fühlen Sie sich von der Disruption bedroht?“, lautet die Fragestellung, die auf einer Skala von eins bis sechs bewertet werden soll. „Ich bin total entspannt“, sagen die meisten Teilnehmer, während die Aussage „Ich bin gestresst“ nur eine einzige Zustimmung erhält. „Es macht mir Angst“ geht leer aus. „Das entspricht nicht dem üblichen Bild“, lobt Christoph Keese. Allerdings hat nur ein Drittel der rund 150 Teilnehmer abgestimmt. Was denkt die schweigende Mehrheit? Vielleicht kann sie sich nicht entscheiden.

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