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Umgang mit dem Scheitern : Es lebe der Misserfolg!

Schachmatt? Oder gibt es nach dem Misserfolg noch einen Ausweg? Bild: dpa

„Fuck up Nights“ - so heißt eine neue Mode: Das sind Abende, an denen sich Unternehmensgründer vor Publikum zu ihren früheren Misserfolgen bekennen. Ist das Scheitern etwa salonfähig geworden?

          In Frankfurt versammelten sich neulich vier vermeintliche Versager. Einer nach dem anderen parlierte darüber, was in seinem Leben schiefging, wie er als Unternehmer scheiterte, wie er sich wieder aufrappelte. Die vier bildeten keine Selbsthilfegruppe, die sich in irgendeinem Hinterzimmer traf, sondern sie waren Stargäste einer Veranstaltung, bei der 350 Zuhörer in einem überfüllten Hörsaal der Goethe-Universität saßen und gebannt den Verlierergeschichten lauschten. „Fuck up Nights“ heißen diese Abende, an denen sich Unternehmensgründer vor Publikum zu ihren früheren Pleiten und Pannen bekennen. Entstanden ist die Idee vor drei Jahren in Mexiko, seither hat sie die Welt erobert. In mehr als hundert Städten gibt es inzwischen solche Abende. In Deutschland vergeht kaum ein Monat, ohne dass in einer Großstadt mehr oder weniger Gescheiterte öffentlich Rede und Antwort stehen. Für die Frankfurter Organisatoren war ihre jüngste Veranstaltung über das Scheitern - welche Ironie! - ein voller Erfolg. „Die weltweit größte Veranstaltung in 2015 - wow!“, jubilierten die Macher.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Botschaft, die an solchen Abenden vermittelt werden soll, kommt beim Publikum an. Sie lautet: Schaut her, Scheitern kann schlimm sein, muss aber nicht das Ende bedeuten, denn wer aus seinen Fehlern lernt, darf beim nächsten Anlauf auf einen Erfolg hoffen. Der globale Siegeszug dieser Veranstaltungsreihe, in der freimütig über das Scheitern und die Chancen danach gesprochen wird, könnte den Schluss nahelegen, dass Misserfolge zunehmend öffentlich akzeptiert werden. Manche Wissenschaftler gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie sehen ein Tabu fallen und behaupten sogar, dass das Reden über Scheitern salonfähig geworden ist. Das Thema gehöre zum „modernen Lifestyle“, schreiben die Herausgeber des Buches „Scheitern. Die Schattenseite des Daseins“, „weil es inzwischen schick geworden ist, über Scheitern zu sprechen und die Brüche in der eigenen Biografie“. Ist das wirklich so?

          Tatsache ist: Gescheitert wird immer und überall. Im schlimmsten Fall kann ein Scheitern existenzbedrohend sein, beispielsweise bei einem medizinischen Behandlungsfehler oder einem Fehler eines Piloten. Aber auch im Alltag ist der Misserfolg allgegenwärtig. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland Tag für Tag 455 Ehen geschieden worden sowie 316 Personen und 66 Unternehmen pleitegegangen. Dazu kommen massenweise Misserfolge, die im Beruf passieren, unendlich viele Missgeschicke im Alltag, von denen niemand etwas erfährt, und die ständigen Niederlagen, die Menschen bei Sport und Spiel einstecken müssen.

          Furcht vor Schimpf und Schande

          Obwohl das Scheitern zur Normalität gehört, seit es Menschen gibt, fällt es schwer, dazu zu stehen. Zu groß ist oft die eigene Scham, die Furcht vor Schimpf, Schande und Schadenfreude und vor allem die Angst, den vermeintlichen Makel nicht mehr loszuwerden. Also hütet man lieber sein Misserfolgsgeheimnis. „Scham macht einsam“, sagt Olaf Morgenroth, Professor für Gesundheitspsychologie an der Medical School Hamburg. „Mit Leuten, die scheitern, will man nichts zu tun haben.“ Schließlich führt das Scheitern der anderen vor Augen, dass es einen ja selbst erwischen könnte. Glücklich darf sich der Gescheiterte schätzen, der Menschen um sich hat, die emphatisch sind und dabei einen distanzierteren Blick auf den Misserfolg haben. In der Regel sind es Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen, die einem beistehen. Darüber hinaus gibt es nicht nur die Bekennergruppen der „Fuck up Nights“, sondern auch Gesprächskreise wie die „Anonymen Insolvenzler“, die alles unter sich besprechen.

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