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Überqualifikation : Zu gut für diesen Job

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Politiker, Verbände und Forscher fordern mehr Hochschulabsolventen. Die aber fühlen sich in ihrem Beruf viel zu oft überqualifiziert. Ist das schon eine neue Akademikerschwemme?

          Der taxifahrende Soziologe ist schon seit den siebziger Jahren unterwegs. Auch vom "Dr. Arbeitslos" war in dieser Zeit viel die Rede. Und von der "Akademikerschwemme". Das Wort kam zu Beginn der deutschen Bildungsexpansion auf, vor allem Konservative nutzten es damals. Heute zählt es zu den politisch unkorrekten Tabubegriffen, schließlich gelten Bildungsabschlüsse als Schlüssel zum Aufstieg. Das Thema gehört jedoch weder in die Mottenkiste noch auf eine schwarze Liste: Heute trifft die Inflation der Abschlüsse auch Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Pädagogen und Architekten - nicht mehr so auffällig wie früher als Arbeitslosigkeit, sondern als massenhafte Überqualifikation.

          Zum Beispiel Freerk Schumann, 27 Jahre alt, Diplomvolkswirt, der in München bei einem großen Beratungsunternehmen jährlich rund 50.000 Euro verdient, sich im Studium mit Ökonometrie und höherer Algebra befasste und jetzt sagt, er verbringe seine Arbeitszeit mit einfachen Grundrechenarten vor Exceltabellen. Oder der Jurist, der als Volontär einer kleineren Regionalzeitung im Süden Niedersachsens über dies und das schreibt. Vor Jahrzehnten benötigte man dafür kein Studium, es genügten fehlerfreie Deutschkenntnisse. Oder Felix Wachsmann, der Psychologe ist, in München im Alter von 34 Jahren hier und da jobbt und sehr froh über so einen Volontärsposten wäre. Oder Yuan Chuan aus Bonn, Magistra in Sinologie. Sie spricht fließend Chinesisch, Italienisch, Englisch, als Muttersprache Deutsch, findet aber weder in Deutschland noch in China einen einigermaßen anspruchsvollen, angemessen bezahlten Arbeitsplatz und verdient ihr Geld derweil in einem Callcenter. Die drei Namen lauten in Wahrheit anders, die Fälle sind in ihrer Dramatik kaum vergleichbar. Allesamt aber geben sie einen Eindruck davon, was Überqualifikation bedeutet.

          Beispiele, Gegenbeispiele

          Überqualifikation in Deutschland? Der Leiter der Personalberatung von Access, Arne tom Wörden, bestreitet ihre Existenz vehement. Er nennt als Gegenbeispiele etwa die hohe Nachfrage nach "guten" Controllern und Ingenieuren. Dann aber räumt er ein, in einzelnen Segmenten gebe es das Phänomen wohl doch: Einige Biologen und Geisteswissenschaftler erledigten Arbeiten, "für die muss man nicht studiert haben". Auch in Marketing und Vertrieb komme das vor. Noch ein Beispiel ist die Logistik: "Früher hat eine Speditionskaufmannslehre gereicht, um weit zu kommen." Heute müsse man dazu meist Betriebswirt sein. Auch der Diplomkaufmann mit "durchschnittlichen Studienleistungen" als Sachbearbeiter ist so ein Fall.

          Die niedrigen Arbeitslosenzahlen von Akademikern, betonen Arbeitsmarktforscher immer wieder, belegten doch gerade deren Knappheit. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung etwa argumentiert in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, dass sich "in der Tat größerer Akademikermangel" andeute. Schließlich liege die Arbeitslosenquote der Hochschulabsolventen mit rund vier Prozent weit unter jener der Nichtstudierten und Ungelernten. In dem Bericht fehlt auch das obligatorische Bedauern darüber nicht, dass nach jahrzehntelangem Anstieg 2006 die Studienanfängerquote leicht zurückging. Der Bericht schließt mit der Forderung einer weiteren "Bildungsexpansion".

          Nach der klassischen Lehre ein Widerspruch

          Dass einige Abiturienten sich womöglich durchaus vernünftig verhalten, wenn sie das Studium verweigern, liest kaum ein Experte aus den Zahlen. Auch der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut lehnt es strikt ab, von einer "Qualifikationsschwemme" zu sprechen. Wer will schon etwas gegen "Bildung" sagen? Nur wenige Ökonomen nehmen eine andere Sichtweise ein. Professor Ekkehart Schlicht von der Ludwig-Maximilians-Universität München ist einer von ihnen. In einem Forschungspapier untersucht er, wieso Hochqualifizierte vergleichsweise immer besser verdienen, aber auch immer mehr von ihnen offenbar überqualifiziert für ihre Arbeit sind. Nach der klassischen Lehre ist das ein Widerspruch: Ein zu großes Qualifikationsangebot müsste die Akademikergehälter theoretisch sinken lassen. In der Praxis, argumentiert Schlicht, mache die Lohnspreizung aber ein Studium für sehr viele attraktiv. Doch längst nicht alle erzielten später tatsächlich die hohen "Bildungsrenten". So wird das Qualifikationsangebot noch größer, ein Teufelskreis.

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