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Traumberufe (7) : Herz auf Hochfrequenz

Sechs Kinder halten auf Trab: Alltag im Haus Nummer 5 im SOS-Kinderdorf am Ammersee Bild: Anna Jockisch / F.A.Z.

Das Konzept der SOS-Kinderdörfer finde ich klasse. Und lange Zeit wollte ich unbedingt Kinderdorfmutter werden. Doch daraus wurde nichts. Wie das wohl heute wäre in solch einem Dorf? Ich habe es ausprobiert.

          Das Konzept der SOS-Kinderdörfer finde ich klasse, seit ich es kenne. Und das ist lange her. Ins rheinisch-katholische Elternhaus trudelten immer wieder mal Spendenaufrufe, die wohlwollend kommentiert und honoriert wurden. Darin wurden Geschichten von kulleräugigen Waisen skizziert. Diese Schicksale fand ich schlimm, besonders nach der Lektüre von „Heidi“ und später „Oliver Twist“. Behütet aufgewachsen, war die Vorstellung einfach gruselig, dass andere Kinder mutterseelenallein waren und ins Heim mussten. Allein schon diese schrecklichen Schlafsäle!

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Für jemanden, dem Gruppenzwang ein Greuel ist, klingt das scheußlich. Toll, dass das im Kinderdorf anders war. Später würde ich Kinderdorfmutter werden, vom Traumberuf Tierärztin hatte ich mich zwischenzeitlich schon verabschiedet. Mir war klargeworden, dass es hier nicht um Katzenkuscheln ging, sondern auch darum, Vierbeiner in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Überschattet war der Berufswunsch Kinderdorfmutter allerdings von meiner Sandkastenliebe Christoph. Wo sollte der dann hin? Aber da würde sich schon eine Lösung finden.

          Aus dem Traumberuf wurde nichts. Dazwischen kam das Leben, folgten kurzweilige Studienjahre mit Fontane und Rembrandt. Und später die spannende Zeitungswelt mit ihren schnelldrehenden Themen. Diesen aufregenden Alltag gegen ein Leben im Dorf tauschen? Und das bei meiner Allergie gegenüber Sozialarbeiterdeutsch? Das war mit Anfang 20 nicht wirklich eine Alternative.

          Hereinspaziert: Hier geht es zu Kirsten Hansen und „ihren” sechs Kindern

          Mit tütteligem Muttchenimage hat das wenig zu tun

          Zum Glück kann man als Journalist in andere Welten eintauchen. Die Anziehungskraft der 15 SOS-Kinderdörfer war ungebrochen. Reportagen führten mich ins Kinderdorf Niederrhein und später ins pfälzische Eisenberg. Die Termine mit beeindruckenden Frauen und gut bis glücklich lebenden Kindern wirkten nach und auch die Erkenntnis: Mit tütteligem Muttchenimage hat dieser Berufungsberuf so wenig zu tun wie Kinderlachen mit Prügelstrafe - nämlich rein gar nichts. Für diese Lebensform werden gestandene Frauen - und seit einiger Zeit auch Männer - gesucht, die mit sich selbst im Reinen sind, mit energischer Freundlichkeit eine Familie mit komplizierten Mitgliedern managen können und ein hohes Verantwortungsbewusstsein haben.

          Menschen wie Kirsten Hansen, die ich in Dießen am Ammersee treffe. Sie erwartet in diesem Monat ihr sechstes Kind: Ein acht Jahre altes Mädchen wird dann ihre Kinderdorffamilie komplett machen. Die Kleine trifft hier im ersten deutschen Kinderdorf auf Maiky, neun Jahre, Eva, sechs Jahre, und drei Geschwisterkinder, Daniel, elf Jahre, Daniela, neun Jahre, und Zaklina, vier Jahre. Mittags sitzen alle auf der Terrasse, verputzen Würstchen und Schupfnudeln und hüpfen dann in das riesige Planschbecken im sanft verwilderten Garten. Zwischendurch holt sich Nesthäkchen Zaklina bei „Mama Kiki“, wie sie zärtlich sagt, Streicheleinheiten. Kirsten Hansens Herz ist ein elastischer Muskel. Für eine fröhliche Stunde zeigt sich eine Bilderbuchfamilie an einem Sommersonnentag in einer Ferienlandschaft. So sollen Kinder aufwachsen, liebevoll umsorgt und ausgelassen spielend. Im Hintergrund ein mütterlicher Mensch, der tröstet, mahnt, ermutigt und sie ins Leben entlässt.

          Der Alltag der 43-Jährigen beglückt mit solchen Momenten, hält aber auch misstrauische Zurückweisungen, belastende Krisensitzungen, Gespräche mit Therapeuten und dem Jugendamt bereit. „Es ist eine psychische Hochfrequenzarbeit. Die Kinder sind mit Mängeln aufgewachsen und haben in vielem Nachholbedarf. Man muss damit leben, dass wir nicht jeden Mangel beheben können“, sagt die gebürtige Hamburgerin, die nach dem Abitur einige Semester Wirtschaftsmathematik studiert und dann als Assistentin im IT-Support gearbeitet hat. Das Leben im Büro hat sie mit 38 Jahren und nach einer Scheidung gegen das Leben einer Kinderdorfmutter eingetauscht. „Diesen Schritt habe ich nicht eine Sekunde bereut.“

          Müsli und Pausenbrote um sechs Uhr morgens

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