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Traumberufe (7) : Herz auf Hochfrequenz

Um sechs Uhr beginnt ihr Tag. Kirsten Hansen bereitet Müsli und Pausenbrote vor, verabschiedet die Kinder in Schule und Kindergarten, kümmert sich ums Mittagessen, erledigt Einkäufe und schreibt Protokolle. Ihr zur Seite stehen eine Erzieherin, eine Praktikantin, ein Sozialpädagoge und eine Haushaltshilfe - das hört sich nach komfortabler Rundumsorglosversorgung an, ist im Alltag mit sechs Kindern, die bisher wenig verlässliche Bindungen erlebt haben, aber notwendig. Diese Kinder brauchen ein größeres Maß an Zuwendung als kleine Menschen mit stabilem Urvertrauen und ohne belastete Vorgeschichte und Odysseen durch Heime und Pflegefamilien. Seelische Wunden heilen langsam, manche heilen nie.

Nachdem alle wieder im efeuumrankte Hansenhaus eingetroffen und satt sind, ist Zeit zum Spielen und Sporteln. Im Augenblick nerven auch keine Hausaufgaben. Harmonisch verrauschen die Stunden bis zu den Gutenachtgeschichten. Spektakulär ist das Leben einer Kinderdorfmutter nicht. „Aber schön. Das ist mein Traumberuf“, sagt die sympathische Quereinsteigerin mit den blitzenden grünen Augen, für die das Wort patent erfunden zu sein scheint. Eine Tischrunde mit dem Lieblingsessen Kaiserschmarren - „aber ohne Rosinen“ - zu dirigieren oder zu erleben, dass ein Kind seine Lernstörungen überwindet und entspannt auf eine Regelschule wechselt, das bedeutet ihr viel. Sie liebt das ernste Mädchen, das selten lächelte und kein Spielzeug kannte, jetzt aber immer öfter herzhaft lacht, wenn es ein Bilderbuch betrachtet oder eine Kette auffädelt. „Diese entspannten Momente, wo Kinder loslassen können, sind für mich unbezahlbar. Da kommt ganz viel zurück.“ Nach und nach hat Kirsten Hansen ein Haus zum Glücklichsein geschaffen, das mit kessen Farben, fröhlichen Bildern und gemütlichen Winkeln ihre Leidenschaft für Inneneinrichtung verrät.

Während es früher für die Mütter auf Zeit lediglich ein Taschengeld gab, ist der Beruf Kinderdorfmutter heute professionell strukturiert. Nach einer vierjährigen Ausbildung mit staatlich anerkanntem Abschluss zum Jugend- und Heimerzieher gibt es für die Sechstagewoche ein Gehalt, das dem eines Sozialpädagogen entspricht. Die Familien leben jeweils in einem Haus in einer Kinderdorfsiedlung. In Dießen gibt es zehn solcher Häuser. Leben mit einem Partner, eigene Kinder, Kurzurlaub allein, all das ist möglich. Der Selbstaufopferungswille naiver Sinnsucher ist nicht gefragt. Denn es geht um langfristige Bindungen, auch deshalb wird streng ausgewählt. Den bis zu 550 Bewerbungen stehen zwölf Ausbildungsplätze im Jahr gegenüber. Denn Brüche haben die Kinder schon genug hinter sich. Fast alle Kinder sind Sozialwaisen, deren leibliche Eltern mit der Erziehung und Betreuung überfordert sind. Die Gründe sind unterschiedlich, sie reichen von Geld- und Suchtproblemen, massiver Verwahrlosung bis hin zu Misshandlungen, die auch gestandenen Rechtsmedizinern Tränen in die Augen treiben. In Deutschland beträgt die Zahl der Kindesmisshandlungen eine Million im Jahr, die Dunkelziffer soll deutlich höher sein. Hinter den Zahlen steckt unter anderem der Zweijährige, der sich schützend vor einen Säugling stellt, damit die Faust des besoffenen Vaters ihn und nicht den kleinen Bruder trifft. Seit mein eigener kleiner Sohn auf der Welt ist, sind solche Berichte noch unerträglicher geworden. Allein die Vorstellung, wenn Constantin ein Härchen gekrümmt würde ...

Rationalität und Emotionalität verknüpfen

Und das ist ein Dilemma. Denn auch die misshandelten Kinder lieben ihre Eltern. „Wenn wir die Eltern als böse darstellen, verletzen wir die Kinder“, sagt eine Mitarbeiterin des Kinderdorf-Vereins. Oder, wie Remo H. Largo, Professor für Kinderheilkunde, schreibt: „Das Kind bindet sich bedingungslos. Es wird die Beziehung zu den Eltern nie in Frage stellen oder gar davonlaufen, selbst dann nicht, wenn es misshandelt wird.“ Kinder, die keine warme Mahlzeit kannten und mit tiefgefrorenen Kroketten abgespeist wurden, horten im Kinderdorf für ihre Eltern Lebensmittel. Mit solchen Erlebnissen muss man umgehen können.

Es ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, sich zum Wohl des Kindes um einen vernünftigen Kontakt zu den Herkunftsfamilien zu bemühen. Dieses Problem müsste ich aber nicht alleine stemmen. Ein Team von Psychologen, Sozialarbeitern und Pädagogen hilft, solche Grenzsituationen zu bewältigen. „Man braucht eine gute Mitte“, sagt Kirsten Hansen, die Rationalität und Emotionalität souverän miteinander verknüpfen kann. Seit zwei Jahren haben sich die Aufnahmeanfragen für Kinder verdoppelt. Wäre ich auch in diesem Beruf glücklich geworden? Ja.

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