https://www.faz.net/-gyl-1370n

Traumberufe (6) : Letzter Mann

Aus der Tiefe des Raums: 25 Prozent sind Talent, der Rest harte Arbeit, sagt der Trainer Bild: Wonge Bergmann

Jeden Tag Sport, unter freiem Himmel und in einer guten Truppe - das muss ein Traumjob sein. Das dachte ich jedenfalls in meiner Jugend und wollte Profifußballer werden. Doch der Praxistest zeigte einige grausame Wahrheiten.

          Zur Blutgrätsche haben sich Schwer- und Fliehkraft gegen mich verbündet. Von hinten spüre ich ihren Atem schon, als ich meinen Gegner anlaufe, der sich mit dem Ball am Fuß dem Strafraum nähert. Dann setzt er zu einer simplen Körpertäuschung an, und sie schlagen zu. Meine Sohlen verlieren auf dem kurz gemähten Rasen den Halt, die Beine rutschen mit Schwung weiter, den Rest des Körpers zieht es unweigerlich zu Boden, das ist die Höchststrafe für jeden Verteidiger. Höre ich nicht schon im Fallen meine hinter der Torlinie auf ihren Einsatz wartenden Mitspieler darüber feixen? Hart trifft der eigene Steiß die Grasnarbe, für den Stürmer ist der Weg zum Tor frei. Sieht enorm blöd aus, nicht nur in Zeitlupe.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zweikampfübung ist der Schwerpunkt in diesem Training auf dem Vereinsgelände der Frankfurter Eintracht, drei Tage vor dem Saisonauftakt der U 23. Die zweite Mannschaft des Bundesligisten ist im Schnitt zehn Jahre jünger als ich. Wer hier mitspielt, hofft seine Karriere noch vor sich zu haben, will sich für die Profis empfehlen, die am anderen Ende der Stadt trainieren. Weich wie ein Teppich sei der Rasen dort, schwärmt einer, und der Kabinentrakt vom Allerfeinsten. Hier im Frankfurter Osten dagegen wird umgebaut, die als Provisorium dienende graue Containerbatterie ist alles andere als luxuriös. Dass der Zeugwart Trikots und Handtücher bereitlegt und sich ein Physiotherapeut vor und nach dem Training um die Blessuren kümmert, ist zwar komfortabel. Doch in der spartanischen Umkleidekabine riecht es unverwechselbar nach Gras und dem Schweiß ehrlicher Fußballarbeit.

          Wenn die Erinnerung übernimmt

          Der Duft meiner Jugend. Heute noch treiben ihn mir die Mannschaftsfotos in die Nase, die im Haus meiner Eltern hängen. Dann übernimmt die Erinnerung. An jene legendäre F-Jugend-Saison zum Beispiel, als die SG Hermania Löschenrod aus 14 Spielen 28 Punkte holte, das Maximum nach der damals gültigen Zählweise: Schickie und Speedy, unsere Spitzen, waren die besten Torjäger der Liga; hinten hielten Stefan und ich den Laden zusammen, Grundschüler mit dem Willen zum Sieg. Natürlich würden wir später Profis werden. Sechs Jahre danach, in der B-Jugend, wurden wir noch einmal Meister: Jetzt war ich stellvertretender Spielführer und wechselte mich mit Peter auf der Königsposition hinter der Abwehr ab, für Übersicht und Ruhe als letzter Mann genauso geschätzt wie für konditionelle Stärke. "Tempo von Anfang an, du hast doch Luft für 180 Minuten!" Die Motivationspredigt aus Trainermund hat sich eingebrannt.

          „Wer zufrieden mit sich ist, der hat schon verloren”, sagt U23-Spieler Martin Hess

          Vergleichsweise gemächlich traben dagegen die Talente der Eintracht zum Einlaufen um den Platz. Zwei Runden, da halte ich locker mit, setze mich selbstbewusst an die Spitze. Danach geht das Training mit Ball und ganz ohne Trillerpfeife weiter, das war früher anders. Technikdrill: abspielen, annehmen, prallen lassen, in immer neuen Variationen auf engem Raum, stets in Bewegung. An einem Sommermorgen treibt das den Schweiß, macht aber Freude. Dass mir der Ball hin und wieder verspringt - Schwamm drüber!

          Kein Spott, sondern aufrichtige Ratschläge

          Und dann, nach meiner Blamage im Zweikampf, geschieht das Wunder: Keinen Spott bekomme ich zu hören, sondern aufrichtige Ratschläge. Wie ich beim nächsten Durchgang geschickter, nämlich seitlich, zum Gegner stehen soll. Welcher Fuß sein starker ist. Dass er kein besonders guter Dribbler ist. Das macht Mut. Ich lande zwar wieder auf dem Boden, aber diesmal nach einer sauberen Grätsche, die mir überdies ehrbare Schürfwunden an Hüfte und Ellenbogen einträgt. Als ich später in die Offensivposition wechsle, gelingt mir ein satter Torschuss. Na also.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.